Liebesgrüße aus Russland, Volume 2

… oder auch nicht aus Russland. Dies sollte eine Kolumne über ein Jahr in Russland sein. Heute wäre mein Flug von Moskau nach Frankfurt gewesen. Und in zwei Monaten hätte ich mein Abenteuer in Sankt Petersburg fortgesetzt. In der Realität bin ich seit Mitte März schon zurück in Tübingen.

Hallo Tübingen!

Ich bin Holly und studiere ganz gediegen Internationale Literaturen im Hauptfach und Slavistik im Nebenfach. Schon im ersten Semester wird in der Slavistik das Auslandssemester hoch angepriesen. Da meine Reiselaune nie auf sich warten lässt, habe ich mich sofort informiert, wann und wo ich hin verschwinden kann. Russland liegt nahe. Zwar nicht, was die geografische Lage angeht, aber mein Nebenfach lädt dazu ein. Gesagt, getan – ich will nach Russland. 40 Tage hat mein Abenteuer gedauert, bis ein machtbesessener, grausamer Herrscher meine Pläne durchkreuzt. Ich werde im Folgenden berichten, wie mein geplantes Auslandsjahr ein schnelles Ende nahm.

Mein Flug, wenn alles gut gegangen wäre.

40 Tage in Russland

Am 24. Februar 2022 wachte ich vom unaufhörlichen Summen meines Handys auf. Das Display war überflutet von Nachrichten auf allen möglichen Kanälen. Mit fiel auf, dass einige Menschen mich gleich auf mehreren Kanälen versuchten zu erreichen. Ich zog die Menüleiste runter und überflog ein paar der Nachrichten: „wie geht’s dir?“, „ist alles oke da drüben?“, „kommst du jetzt heim?“, „hast du die Bomben gehört?“. Mein Gehirn fing sofort an zu rattern. Bisher hatte ich mich absichtlich wenig über die russische Politik informiert; wer nichts weiß, kann keine „falsche“ Meinung äußern. Das ist durchaus nicht meine allgemeine Haltung zur Politik, aber im Falle Russlands war es mein Selbstschutzmechanismus, da ich, wenn gut informiert, meine Klappe nicht gut halten kann. Das war nun vorbei. Ich öffnete sofort alle mir verfügbaren Nachrichtenkanäle und saß die nächsten Minuten starr auf meiner Bettkante, bis meine Mitbewohnerin vorsichtig klopfte und mit glasigen Augen fragte: „hast du es schon gesehen?“.

Die nächsten Tage wurde im Wohnheim über nichts anderes gesprochen, als wann und wie wer heimgeht. Vereinzelte Personen buchten nahezu ohne das kleinste Zögern einen Flug für den nächsten Tag, einige schworen, nie zu gehen, und der Großteil war ratlos. Außer durch die deutschen und sozialen Medien spürten wir nahezu keine Veränderung. Der Rote Platz war ab und zu gesperrt und durch ein hohes Aufgebot an Polizei bewacht, ansonsten fiel nichts auf. Da ich nicht mit einer so plötzlichen und drastischen Eskalation gerechnet hatte und wir in Moskau keine direkten Auswirkungen spüren konnten, gestaltete sich mein Entscheidungsprozess – bleiben oder gehen – äußerst wirr.

Die deutsche Botschaft war keine Hilfe

Wie ernst ist die Lage in Moskau? Bin ich in direkter Gefahr? Wie lang kann ich das Land noch auf sicherem Weg verlassen? Will ich in einem Land leben, dessen Staatsoberhaupt in einem Nachbarland Völkermord begeht? Kann ich mein lang ersehntes Auslandsjahr so einfach aufgeben? Komme ich vielleicht zum zweiten Semester in Sankt Petersburg wieder nach Russland? Will ich das dann noch? Wo soll ich in Tübingen leben, wenn mein Zimmer vermietet ist?

Die deutsche Botschaft in Moskau war dabei leider keine Hilfe. Es wurden nur vage Ratschläge gegeben, keine Einschätzung der Situation von politischer Seite gegeben, sondern nur Reiserouten aufgelistet für jene, die das Land verlassen wollten. Diese konnte man sich selbst wunderbar aus dem Internet holen.

Der Rote Platz von außen. 3 Tage nach Kriegsbeginn.

Ausschlaggebend für meine Entscheidung, Russland zu verlassen, war ganz vorne an die neuen Gesetzgebungen Putins zur sogenannten Pressefreiheit. Ursprünglich war Zensur in Russland verboten, was sich mit Putin allerdings schleichend änderte. 2008 begann dies mit der Einführung der Roskomnadsor, einer Behörde, die dem Ministerpräsidenten unterstellt ist und kontrolliert, was publiziert wird. Mit dem Beginn des Angriffskrieges in der Ukraine trat in Russland ein neues Mediengesetz in Kraft, das es Medien verbietet, das Wort „Krieg“ im Zusammenhang mit der Ukraine zu verwenden. Ausländische Medien stellten daraufhin ihre Berichterstattung ein, freie Medien wurden bald verboten. Auf legalem Weg kann also nur noch auf ein sehr eingeschränktes Angebot staatlicher Medien zugegriffen werden. Diese Einschränkung der Medienfreiheit wurde sehr schnell auch auf die Zivilbevölkerung ausgeweitet, sodass es Polizisten gestattet ist, Passanten grundlos das Handy abzunehmen und auf Auffälligkeiten zu untersuchen. Beim Spiegel konnte man einen Artikel lesen, in dem es um stumme Demonstranten ging, die verhaftet wurden für ein Schild, auf dem stand, „два слова“, also „zwei Wörter“ die für „нет войне“, also „kein Krieg“ stehen sollten.

Ich möchte nun aufhören, über die allgemeine Lage zu berichten, denn das können wir zu Genüge in allen möglichen deutschen und internationalen Medien nachlesen. Was für ein Privileg!

Ein weiterer Grund für meine Ausreise war durchaus die Einstellung des Swift-Systems. Eine gute Woche nach dem Abschalten konnte ich zwar noch mit Kreditkarten in Geschäften bezahlen, jedoch mit der MasterCard zunehmend eingeschränkt. Aber dennoch musste ich nicht verhungern. Bargeld abheben ging für mich nicht mehr. Ab dem 10. März ging dann gar nichts mehr über europäische Kreditkarten. Ich habe mitbekommen, dass es komplizierte Transferwege für Geld von einem deutschen Konto auf ein russisches gab, da ich mich mit so etwas aber null-komma-null auskenne, war mir das zu heikel.

“Ich weiß, die politische Lage ist gerade nicht optimal, aber darüber wollen wir nicht sprechen. Erzählen Sie mir doch, was sie gestern gegessen haben.”

Von der Redakteurin übersetzt, aus der Erinnerung an die erste Unterrichtsstunde nach Kriegsbeginn.

Was zu viel Herzzerreißen meinerseits führte, war die Geschichte der moralischen Verantwortung. Ich bin deutsche Staatsbürgerin und habe damit das Privileg, in einem der meinungsfreisten Staaten der Welt aufgewachsen zu sein. Ich bin es gewohnt mit meinen Worten nicht so schnell in Gefahr geraten zu können. Plötzlich befand ich mich in der Situation, dass eine Dozentin die Gruppe Austauschstudierender am Tag nach Kriegsbeginn mit einem fröhlichen „Na, wie geht’s“ begrüßte. Keiner wollte etwas sagen, ich überlegte sowas herauszuplaudern wie „Naja, Ihr Land hat einen Krieg angefangen, sonst super…“ und konnte mich gerade so bremsen, als sie einlenkte „ja, ich weiß die politische Lage ist nicht optimal, aber darüber wollen wir jetzt nicht nachdenken, wie geht es Ihnen persönlich?“. “Nicht optimal” ist ein interessantes Synonym für “richtig mega beschissen”. Aber gut. Einige Studierende stammelten etwas vor sich hin und dann ging es ungebremst mit vollendeten und unvollendeten Verben weiter. Das war der erste Moment, in dem mir klar wurde, dass ich nicht in einem Land leben wollte, in dem eine Lehrkraft offensichtlich angewiesen wurde, nicht über das wichtigste Ereignis des Landes oder sogar der Welt zu sprechen und es wegfegt, als wäre nichts geschehen.

Nach einem Gespräch mit einer russischen Kommilitonin ist mir noch etwas klar geworden. Sie flüsterte regelrecht, mit scheuen Blicken um sich, wie gerne sie demonstrieren würde. Oder wie sie, wenn sie könnte, sofort ausreisen würde. Aber für beides braucht man Geld, Zeit, und starke Nerven. Sobald sie auffällig werde, würde sie ihren Studienplatz an der Staatlichen Universität Moskau verlieren, ihren Wohnheimsplatz, der an ihr staatliches Stipendium geknüpft ist, ohne welches sie sich kein Leben finanzieren könnte und sie müsste zurück zu ihren Eltern in ein kleines Dorf hinter dem Ural, ohne Abschluss, ohne Zukunft, ohne Perspektiven und ohne die Möglichkeit, mit Gleichgesinnten wenigstens heimlich über die Lage sprechen zu können. Sie redete mir zu, dass wenn sie könnte, sie sofort ausreisen würde. Und ich hatte die Möglichkeit, nein, das Privileg, auszureisen.

Staatliche Universität Moskau

Mein Flug mit Emirates von Moskau nach Frankfurt dauerte fünfmal so lang wie der Hinflug. Auf dem Weg zum Flughafen begann ich panisch, alle meine Nachrichtenapps und sogar einige private Nachrichten zu löschen, in der Sorge, dass an der Grenze jemand mein Handy durchsuchen würde. Aber das interessierte dort niemand. Nach einem kurzen Blick in meinen Reisepass und einem Stempel wurde ich weitergewinkt.

Ich habe Hoffnung

In der Nächsten Zeit in Deutschland plagten mich viele Gedanken. Verpasse ich die Erfahrung meines Lebens? War es die richtige Entscheidung? Muss ich mein Nebenfach wechseln, weil Slavistik keine Zukunft mehr hat?

Ich glaube, bis heute weiß ich immer noch nicht die Antwort auf einige Fragen. Was ich aber weiß ist, dass die Slavistik eine Zukunft hat. Ich glaube fest daran, dass das Grauen irgendwann ein Ende hat und wieder eine Verbindung zu Russland aufgebaut werden kann. Und dann ist es wichtig, Slavisten zu haben. Außerdem ist Slavistik so viel mehr als nur Russland.

Die berühmte Kremlmauer, hinter der in den letzten Monaten all diese schlimmen Entscheidungen getroffen werden.

 

 

Hiermit sage ich пока пока zu Russland, ich komme wieder, wenn sich eure Regierung eines Besseren besonnen hat. Ich freu mich drauf.

Fotos: Holly Geiß

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