Damals noch normal? Gutachten zur Umbenennung der Universität

Schon seit Jahren diskutiert die Öffentlichkeit über die Umbenennung der Eberhard-Karls-Universität in Tübingen. Die Namensgeber Graf Eberhard im Bart und Herzog Karl Eugen werden aufgrund antisemitischer Einstellungen sowie eines autoritären Regierungsstils als nicht mehr zeitgemäß empfunden. Nun hat der Senat der Universität ein Gutachten von einer Kommission von Historiker*innen erstellen lassen, um über eine mögliche Umbenennung entscheiden zu können.

Bereits in den 1970er Jahren wurde die Umbenennung der Universität Tübingen von der linken Studierendenbewegung gefordert, die den Philosophen Ernst Bloch als neuen Namensgeber vorschlug. Bis zur Moderne wurden alle Universitäten nach denjenigen Monarchen benannt, die die Gründung der Bildungsstätte ermöglicht hatten. Erst seit dem 20. Jahrhundert tragen Universitäten die Namen von intellektuellen Vorbildern, wie die Goethe-Universität in Frankfurt. Umbenennungen von Universitäten kamen in der Geschichte vor allem bei politischen Systemwechseln vor. Beispielsweise trug die Universität Leipzig in der DDR den Namen von Karl Marx. Namensänderungen aufgrund von Kontroversen um eine Person sind selten; das bekannteste Beispiel ist die Universität Greifswald, die 2018 den Namen Ernst Moritz Arndts ablegte.

Der Senat fürchtet oftmals, er könne Alumni-Netzwerke und private Förderer verärgern, auf deren Unterstützung Universitäten angewiesen sind. Um sich nun dennoch mit der Kritik auseinanderzusetzen, wurde inzwischen ein historisches Gutachten in Auftrag gegeben. Dieses wurde unter der Leitung der Professorin für Geschichtliche Landeskunde, Sigrid Hirbodian, aufgesetzt und am 11. Mai vorgestellt und veröffentlicht. Es beleuchtet die politischen Einstellungen und Taten von Graf Eberhard und Herzog Karl und erklärt sie im geschichtlichen Kontext.

Eberhard – der Gründer?

Graf Eberhard vertrieb die Juden und Jüdinnen nicht gewaltsam aus Tübingen. Trotzdem wirkten seine Handlungen lange nach.

Eberhard im Bart war im 15. Jahrhundert Graf von Württemberg-Urach. Von einer Universität in seinem Regierungsgebiet erhoffte er sich Ansehen von anderen Fürsten und somit eine Stabilisierung seiner politischen Macht. Außerdem konnte er dort sein eigenes Personal für Verwaltung, Gerichtswesen und Kirche ausbilden. Die Theologie wurde von Eberhard besonders gefördert, womit er auf Gottes Gnade für sein Land und sein eigenes Seelenheil abzielte.

Die Bildungseinrichtung kam aber auch der Bevölkerung zugute, da das Universitätsleben die Wirtschaft in der kleinen Stadt deutlich ankurbelte. Bis heute fördert die Universität den Wohlstand der Stadt Tübingen erheblich. Die Erlaubnis für die Gründung musste der Papst erteilen, was für Eberhard mit Abgaben seines Besitzes und politischen Eingeständnissen verbunden war. Aufbau, Ausstattung und Personal der Universität waren ebenfalls kostspielig, weswegen Eberhards wohlhabende Mutter Mechthild von der Pfalz ihren Sohn unterstützte. Viele vermuten die hochgebildete Mechthild als eigentliche Ideengeberin, oder zumindest als treibende Kraft bei der Gründung.

Laut dem Gutachten kann Graf Eberhard, in Zusammenarbeit mit seiner Mutter, als Gründer der Universität bezeichnet werden, was als Argument für die Beibehaltung des Namens verwendet wird.

Schutzbriefe und Antisemitismus

Doch die Universitätsgründung hatte aufgrund von Eberhards antijüdischer Einstellung nicht nur positive Auswirkungen. Im 1477 ausgestellten Urkunde zur Erlaubnis der Eröffnung der Universität steht, es dürften in Zukunft keine Juden und sonstige „offensichtliche Wucherer“ in der Stadt wohnen. Jüdische Familien waren auf die Ausstellung von Schutzbriefen angewiesen, wenn sie sich an bestimmten Orten dauerhaft niederlassen und dort einer Erwerbstätigkeit nachgehen wollten. Solche Schutzbriefe wurden gegen eine oft sehr hohe Gebühr vom Landes- oder Stadtherrn ausgestellt. Die Schutzbriefe mussten regelmäßig erneuert werden, andernfalls lief die Aufenthaltsgenehmigung ab. Nachdem Eberhard den Freiheitsbrief unterschrieben hatte, verlängerte er keinen Schutzbrief der fünf jüdischen Familien, die damals noch in Tübingen lebten. Zwar fand somit nur eine indirekte Vertreibung ohne Gewalttaten statt, dennoch wurden die jüdischen Familien ihres Wohnorts und der Möglichkeit, Geld zu verdienen, beraubt.

“Eberhards eigene Haltung kann man (…) als judenfeindlich einschätzen, womit er sich jedoch in keiner Weise erkennbar von seinen Zeit- und Standesgenossen abhob.“

Darüber hinaus legte Graf Eberhard in seinem Testament von 1492 fest, dass seine Erben in Zukunft verhindern sollten, dass sich Juden im Gebiet niederlassen. Dies schien ihm ein wichtiges Anliegen zu sein, da er sonst kaum konkrete Regierungsanweisungen im Testament gab. Seine Verfügung hatte noch lange Auswirkungen. Die später in Württemberg Regierenden beriefen sich darauf, um antijüdische Politik zu betreiben – selbst die Nationalsozialisten feierten Eberhard für seine antijüdischen Taten.
Das Gutachten schätzt ein: „(Eberhards) eigene Haltung kann man (…) als judenfeindlich einschätzen, womit er sich jedoch in keiner Weise erkennbar von seinen Zeit- und Standesgenossen abhob.“

Absolutismus und Soldatenhandel

Karl Eugen von Württemberg, der zweite Namensgeber, war seit 1737 Herzog von Württemberg. Heutzutage hat er einen schlechten Ruf, da er ein Vertreter Absolutismus war. Er ließ viele kostspielige Gebäude errichten, baute ein großes Heer auf und beteiligte sich am Soldatenhandel. Das Gutachten verweist darauf, dass dies zur damals üblichen Politik gehörte. Außerdem findet die positive Seite des Herzogs Erwähnung, der dem Humanismus und der Bildung sehr zugetan war, weswegen er die Ausstattung der Universität verbesserte. Ihm hat Tübingen zum Beispiel den Bau der Sternwarte und eines chemischen Labors zu verdanken. Außerdem senkte er die Kosten für ein Studium und ermöglichte bessere Stipendien. Deswegen nahm der Senat ihn 1769 unter großem Dank und Ehrerbietung in den Namen der Universität mit auf.

Als Karl Eugen 1770 seine eigene Hochschule, die hohe Carlsschule in Stuttgart, gründete, schenkte er dieser seine Aufmerksamkeit und wandte sich von der Tübinger Universität ab. Die ältere Geschichtsforschung warf ihm vor, somit der Universität Tübingen Konkurrenz gemacht zu haben. Allerdings ist inzwischen belegt, dass die Studierendenzahlen in Tübingen nicht zurückgingen. In Stuttgart fehlte die theologische Fakultät, wegen der es viele Studierenden nach Tübingen zog. Außerdem dominierten in Tübingen, wie es im Gutachten heißt, „die alten Eliten“, wobei in Stuttgart „auch nichtadlige Soldatenkinder, Handwerker und (…) die Kinder der Stuttgarter Bevölkerung (…) die Hohe Carlsschule besuchen durften.“

Die Kommission möchte mit dem Gutachten keine Handlungsanweisung geben, sondern die Namensgeber aus objektiver Sicht beleuchten. Bei Befürwortenden der Umbenennung hat das Gutachten Unmut ausgelöst. Sie sind der Meinung, der Antisemitismus und absolutistische Führungsstil der Namensgeber würden verharmlost werden, indem die Kommission mehrfach betont, dies sei für die damalige Zeit typisch gewesen.

Wie sich der Senat letztendlich entscheiden wird, steht noch offen. Das Gutachten könnt ihr euch hier selbst durchlesen.

 

Beitragsbild: Universität Tübingen. Foto: Anne Burckhard.

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