Everything Everywhere All at Once – und warum du vielleicht nur eine Version von dir bist

Was wäre, wenn es eine andere Realität gäbe? Eine Welt, in der du zu den Olympischen Spielen gefahren wärst, du statt Elon Musk Tesla besitzen würdest oder vielleicht auch nur eine andere Haarfarbe hättest. Richtig, hier geht es um die “Multiversum-Theorie”. Eine Theorie, die nicht nur Stoff für etliche Fantasygeschichten ist, sondern auch die Grundlage des Arthausfilms “Everything Everywhere All At Once” darstellt. Er erschien am 28. April erstmals in den Kinosälen.

Der Film von Dan Kwan und Daniel Scheinert erzählt auf eine absurde und zugleich originelle Art und Weise vom Leben der chinesischen Einwanderin und Waschsalonbesitzerin Evelyn Wang (Michelle Yeoh), das alles andere als schön scheint. In ihrer Steuererklärung ist Evelyn ein Fehler unterlaufen, der das Ende ihres Waschsalons bedeuten könnte. Doch natürlich ist das nicht Chaos genug, denn plötzlich steht ihr Vater (James Hong) vor der Tür. Dieser hat ihre Entscheidung, nach Amerika zu ziehen, nie unterstützt. Zudem möchte ihr Ehemann Waymond (Ke Huy Quan) die Scheidung einreichen, während gleichzeitig Evelyns Beziehung zu ihrer Tochter Joy (Stephanie Hsu) endgültig zu zerreißen scheint. Die perfekte Grundlage für ein typisches Familiendrama. Doch stattdessen erscheint plötzlich „Alpha Waymond“, ihr „Nicht-Ehemann“ oder besser gesagt ihr Ehemann aus einem anderen Universum. Zusammen mit ihm eröffnen sich Evelyn die Chancen und Gefahren des Multiversums. Dadurch lernt sie die Leben und Fähigkeiten kennen, die sie hätte erfahren können, und sieht sich plötzlich gegen ihren Willen mit der Aufgabe konfrontiert, die Welt vor dem ungeahnten Bösen zu bewahren.

Stephanie Hsu, Michelle Yeoh und Ke Huy Quan als Multiversen-Reisende. © Allyson Riggs, A24 Studios

Definitiv einen Besuch wert

Die Regisseure sind bereits mit ihrem Werk „Swiss Army Man“ für ihre Skurrilität bekannt. Doch während man sich bei „Swiss Army Man“ nur schwer mit dem Protagonisten identifizieren kann, scheint es eine solche Kritik an dieser neuen Wundertüte von Film kaum zu geben. Neben einem wilden Mix aus genialen Kampfszenen, die von Wrestling-Fights bis hin zu Jackie Chan-würdigen Darbietungen reichen, bietet der Film viele farbenfrohen und detailverliebte Szenen. Sowohl in der Kulisse als auch in der Garderobe der Schauspieler wird dies deutlich. Die Charaktere sind keine herausragenden, starken oder nerdigen Charaktere, die mit dem eigentlichen Leben weniger zu tun haben. Es sind einfach Menschen. Menschen, die die eine oder andere Entscheidung in ihrem Leben bereuen oder einfach versuchen zu leben.

Man findet sich wieder mit universellen Problemen des Lebens; Was mache ich mit meinem Leben? Was wäre, wenn ich bestimmte Dinge nicht gemacht hätte? Und was hat das Leben für einen Sinn? Gerade diese Menschlichkeit macht die Geschichte authentisch, die Entwicklung der Charaktere spannend und die kleinen Weisheiten des Films umso nachvollziehbarer.

Kino Atelier in Tübingen © Jana Svetlolobov

Am Ende ist alles doch nur erfunden?

Tatsächlich brilliert der Film selbst hinsichtlich der theoretischen Grundlage des Multiversums mit seiner Anlehnung an echte Theorien, die in der Physik bestehen. Genauer gesagt spielt er auf den Zusammenbruch von Wellenfunktionen des Elektrons in der Quantenmechanik an, den Physiker bis heute nicht erklären können. Eine Wellenfunktion hat zwei Formen. Die Erste entsteht, wenn man sie nicht betrachtet. In diesem Fall verhält sie sich wie eine normale Wellenfunktion, die Physiker berechnen können. Die zweite Form dagegen stellt ein Problem dar. Sobald man eine Funktion betrachtet, verändert sie sich und sie wird nicht mehr messbar. Man sieht dementsprechend die Wellenfunktion entweder in der einen oder anderen Form, aber niemals beide gleichzeitig. So stellt sich die Frage, welche dieser Funktionen der Wirklichkeit am nächsten ist.

Physik für alle, kreativ umgesetzt

Dies ist der Moment, in dem Hugh Everetts Theorie ins Spiel kommt. Sie besagt, dass beide Wellenformen vorhanden sind, aber in getrennten Welten existieren. Es gibt also zwei Versionen: sowohl die Wirklichkeit, die eine beobachtende Person wahrnimmt, aber gleichzeitig auch die andere. Keine der Wellenfunktionen verschwindet, sobald man die eine oder die andere wahrnimmt. Allerdings liegt immer eine von beiden in einer für uns nicht mehr erreichbaren Zone. Es ist eine schwierige Vorstellung, mit der der Film sehr einfallsreich umgeht und die Möglichkeiten der Geschehnisse pro Szene bis ins Unendliche strapaziert.

Natürlich stellt der Film auch eine kleine Abweichung von der ursprünglichen Theorie dar. Jedoch braucht es wohl auch immer ein wenig Hollywood-Magie, um den Zuschauer zu bannen – andernfalls könnte man auch in eine Physikvorlesung gehen. Nichtsdestotrotz ist der Film ist ein absolutes Must-have für all diejenigen, die einen Mix zwischen absurden, absolut nicht vorhersehbaren Szenen und zugleich authentischen Charakteren mit realistischen Problemen sehen möchten.

Trailer zu “Everything Everywhere all at Once”. © A24 Studios

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