Tübingen bleibt stabil!

Ein Bündnis aus Tübinger Organisationen veranstaltete am Montag, 7. Februar, eine Kundgebung auf dem Marktplatz. Anlass war der sogenannte Montagsspaziergang der Tübinger Querdenken-Szene. Die verschiedenen Redebeiträge hatten einen gemeinsamen Kern: die Corona-Maßnahmen müssten befolgt und die demokratischen Werte unserer Gesellschaft verteidigt werden.

Das Virus ist gefährlich. Ja, nahezu „beschissen“, wie ein Redner auf der Kundgebung Tübingen Bleibt Stabil ruft. Die Gefahr richtet sich nicht nur gegen unser aller Gesundheit, sondern auch gegen den Kern unserer Gesellschaft. Protest sei ein legitimer Weg, die eigene Meinung auszudrücken – den Schulterschluss mit rechten Gruppen müsse man dafür allerdings nicht in Kauf nehmen. Man müsse den Dialog zu denjenigen suchen, deren Meinung man nicht teilt, sagen viele Redner*innen. Da Dialog aber bekanntlich keine Einbahnstraße ist, müssen schon beide Seiten mitspielen. Dass das nicht immer einfach ist, können auch die Anwesenden am Montagabend sehen. Der Marktplatz ähnelt einem Völkerballspiel: Hier das eine Team, dort das andere, getrennt durch ein rotes Absperrband der Polizei. Vom Platz geworfen wird glücklicherweise niemand.

Es wird vom Dialog geredet

Als die Kundgebung vorbereitet wird, hat sich um den Brunnen bereits eine große Menschentraube gebildet. Auf dem Brunnen steht ein Mann, der in die Menge ruft, dass sie, die Kritischen, die Querdenker*innen, für einen Dialog offen seien und alle Meinungen akzeptieren. Viele tragen Kerzen oder Lichterketten, einige halten bunte Plakate in die Höhe. Die Bundesregierung und die Landesregierung werden zum Rücktritt aufgefordert. Jemand trommelt laut. Bald füllt sich auch die Seite des Marktplatzes, die der Kundgebung Tübingen Bleibt Stabil zugewiesen wurde. Die Organisator*innen weisen die Redner*innen und Ordner*innen ein. „An Abstände und Maskenpflicht erinnern und gegebenenfalls deeskalieren“, so lautet die Anweisung an die Ordner*innen. Kurz nach 18 Uhr eröffnen Adrian Kaske und Nathalie Denoix von der SPD Tübingen die Kundgebung. Es folgen mehrere Redebeiträge, etwa von Fridays For Future, von Timo (FSVV), der den Studierendenrat vertritt, dem DGB, der Linken und der Diakonie. Je weiter hinten man steht, desto stärker werden die Redner*innen von lautem Gesang, Sirenen und Trommeln von der anderen Seite übertönt. Einander zuhören und Dialog suchen? Eher schwierig.

Video der Kundgebung Tübingen Bleibt Stabil.

Angespannter Abschluss auf dem Marktplatz

Die Lage entspannt sich etwas, als die tanzende Menge der Corona-Kritischen ihren sogenannten Spaziergang durch die Altstadt beginnt. Eine Zeitlang verläuft alles ruhig, selbst die vielen Polizist*innen lockern ihre Haltung etwas. Als gegen 19 Uhr die Route der Spazierenden sie wieder auf den Marktplatz führt, ändert sich die Lage. Man hört die  Querdenker*innen, bevor man sie buchstäblich antanzen sieht. Die Bitte der Organisator*innen der Kundgebung, sich nicht provozieren zu lassen, wird weitestgehend befolgt. Bald konzentrieren sich allerdings viele Demonstrant*innen nicht mehr auf die Redebeiträge, sondern nähern sich dem Absperrband. „Querdenker raus aus Tübingen“, wird entlang der dünnen Front gerufen. Viele scheinen verunsichert, als die Anspannung steigt.

Immerhin scheinen sich beide Seiten in einem Punkt einig zu sein: „Nazis raus!“, rufen einmal die Menschen durch ihre FFP2-Masken auf der Seite der Kundgebung – bald hört man den gleichen Ausruf von der anderen Seite. „Zu dieser Forderung kann ich die Kolleg*innen da drüben nur beglückwünschen“, ruft Adrian Kaske über das Getöse hinweg.

Was bleibt? Der von beiden Seiten angepriesene Dialog zwischen den beiden Lagern kommt an diesem Abend auf dem Marktplatz nicht mehr zustande. Trotz der kurz angespannten Situation, gehen beide Gruppen gegen 19.30 Uhr friedlich auseinander. Am Ende ist vor allem das Bewusstsein für die Spaltungskraft der Pandemie und der durch sie wachgerüttelten Themen spürbar. Dass diese Spaltung durch eine tatsächliche Trennung des Marktplatzes in zwei Lager praktisch vorprogrammiert war, überrascht weniger, als dass es einen mit leichtem Unbehagen zurück lässt

Fotos: Laura Winter

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