Winterkonzert in der Tübinger Stiftskirche

Fortissimo vor dem Altar – am Sonntagabend fand in der Tübinger Stiftskirche ein Konzert der Freien Sinfonie Tübingen statt. Dramatik, Trauer und Wiedersehensfreude spiegelten sich im Repertoire des Abends wider. Hervor stach besonders die Empfindsamkeit, mit der die Cellistin Nicola Pfeffer das berühmte Cellokonzert von Edward Elgar interpretierte.

Stau auf den Emporen, Menschen über die ganze Kirche verteilt – niemand wollte den momentan leider raren Moment eines Sinfoniekonzerts verpassen. Schon Tage im Voraus war das Konzert restlos ausgebucht. Dabei fiel vor allem der junge Altersdurchschnitt des Publikums auf. Die Freie Sinfonie Tübingen, die aus dem 2006 gegründeten kammermusikalischen Fichtehaus-Orchester hervorging, besteht überwiegend aus musikbegeisterten Studierenden. Sie bringen unter der Leitung von Dirigent Benjamin Wolf jedes Semester ein spannendes Konzert zur Aufführung.

Auf dem Programm standen diesmal drei Werke aus dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert: Jean Sibelius´ Finlandia, Edward Elgars Cellokonzert und Edvard Griegs Peer-Gynt-Suite.

Finnlands geheime Nationalhymne

Den Konzertauftakt setzte das Orchester mit einer rauschenden Interpretation des finnischen Nationalkomponisten Jean Sibelius. In Zeiten des politischen Umbruchs komponierte Sibelius eine Reihe von Musikstücken im Rahmen einer Aufführung, die die finnische Geschichte darstellte, um die nationale Identität zu stärken. Finlandia ist die Konzertversion des beliebten Finales dieser Reihe. Dramatische Blechbläser, Paukenwirbel und schnelles Tempo bestimmen den Anfang des Stückes. Nach und nach wird die hymnenartige Melodie von Streichern und Holzbläsern weitergetragen. Von Bläsern und Schlagwerk wieder aufgegriffen, wird das lebhafte Eröffnungsthema vom gesamten Orchester zu einem bewegten Ende geführt.

Nicola Pfeffer und die Freie Sinfonie Tübingen spielen Elgars Cellokonzert.

Tragische Vorahnung

Edward Elgars Cellokonzert birgt gleich zwei tragische Hintergrundgeschichten. Den nahenden Tod seiner kranken Frau ahnend, verarbeitete der britische Komponist im Jahr 1919 den Kummer in seinem Konzert für Violoncello und Orchester. Es ist sein letztes vollendetes Werk. Die wohl berühmteste Interpretation stammt von zwei der größten Musiker*innen unserer Zeit: dem Dirigenten Daniel Barenboim und seiner Frau, der Cellistin Jaqueline du Pré.   Letztere verstarb früh an schwerer Krankheit, woraufhin Barenboim sich schwor, dieses Cellokonzert niemals wieder mit einer anderen Person aufzuführen. Im melancholischen Duktus der Musik klingt der frühe Tod bereits voraus.

In diese Fußstapfen tritt eine Reihe von namhaften Solist*innen, unter ihnen die Cellistin Nicola Pfeffer. 1998 geboren, studiert sie heute bei Thomas Grossenbacher an der ZHdK Zürich. Rasante Verläufe im einen Moment, sanfte Melancholie im Nächsten – die Solistin zeigte dem Publikum virtuos die Tiefen von Elgars emotional herausforderndem Cellokonzert. Der leidenschaftlich-grüblerische Klang des Instruments untermalte die Erzählung von Leid, Hoffnung und Schmerz.

Norwegische Märchen

Fröhlicher ging es nach der Pause mit Edvard Griegs Peer-Gynt-Suite weiter. Das Werk des norwegischen Komponisten ist im nationalromantischen Stil komponiert und entstand 1876 als Bühnenmusik zu Henrik Ibsens Drama Peer Gynt, das norwegische Märchenstoffe thematisiert. Im Stück werden die Abenteuer eines jungen Mannes, der durch die Welt zieht, erzählt. Aus diesen Bühnenmusikstücken stellte Grieg später die acht eindrucksvollsten zu zwei Orchestersuiten zusammen. Kurioserweise passte Griegs Musik ursprünglich gar nicht zu Ibsens Drama, das dem romantischen Nationalismus Norwegens kritisch gegenüberstand. Die Melodien der Peer-Gynt-Suite werden in Film, Fernsehen und modernen Musikinterpretationen häufig wiederverwendet und haben somit heutzutage großen Wiedererkennungswert.

Die Darbietung der Freien Sinfonie Tübingen zeichnete sich besonders durch ihren vollen Klang und die harmonische Abgestimmtheit aus. Die dynamisch sowie rhythmisch abwechslungsreichen Stücke boten Spannung und stellten das Können und die Freude des Orchesters an der Musik deutlich heraus.

Fotos: Katharina Steffen

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