Native Runway. Indigene Mode geht tiefer

Im Deutsch-Amerikanischen Institut werden in der Fotoausstellung “Native Runway” (dt. Einheimischer Laufsteg) Designstücke von indigenen Künstler*innen gezeigt. Die Ausstellung lädt dazu ein, die etablierte Sicht auf Mode, Tradition und das Authentische zu hinterfragen und mehr über die indigenen Bevölkerungsgruppen zu lernen. Nach Jahrhunderten der Unterdrückung schreiben die Designer*innen nun selbst die Geschichte ihrer Kultur – und doch sollte man diese nicht nur im Kontext der Diskriminierung betrachten.

„Indigen“ bedeutet so viel wie „eingeboren“ oder „einheimisch“. Einheimische Schwaben oder Badener*innen, deren Familien schon seit vielen Generationen im gleichen Dorf leben, kennen wir alle. Die Definition der UNO von 1982 schließt diese Menschen allerdings von dem Begriff aus. Laut der Definition sind kulturelle Distanzierung von der Mehrheitsgesellschaft und Marginalisierung (d.h. Unterdrückung und Diskriminierung) Voraussetzungen dafür, indigen zu sein. Außerdem werden nur solche Bevölkerungsgruppen, die vor der Ankunft einer anderen Bevölkerungsgruppe an einem Ort gelebt haben, und von dieser unterworfen oder kolonialisiert wurden, als indigen bezeichnet. Häufig meint man mit dem Begriff die „Native Americans“ oder „First Nations“, die in den USA und in Kanada lebten, bevor Europäer*innen im 16. Jahrhundert das Land zu besiedeln begannen.

In der Ausstellung „Native Runway“, die im Deutsch-Amerikanischen-Institut derzeit zu sehen ist, werden Modekreationen von Designer*innen, die indigenen Bevölkerungsgruppen aus Nordamerika angehören, gezeigt. Die Fotoausstellung besteht aus Fotografien, die auf der seit 2014 stattfindenden SWAIA-Fashion Show aufgenommen wurden. Die SWAIA-Fashion Show ist die erste offizielle indigene Haute Couture Fashion Show. Sie findet im Rahmen des Santa Fe Indian Markets, der größten Kunstmesse für zeitgenössische indigene Künstler*innen, statt.

Erster Eindruck

Eine Mischung aus Neumode und Tradition scheinen die Designstücke, die in der Ausstellung „Native Runway“ anhand von Fotografien gezeigt werden, zu verkörpern. Einige Oberteile oder Hosen wären tatsächlich auch auf der Straße tragbar, andere Kleider wirken durch bunte Farben und Stoffe bis zum Boden traditionell, wieder andere sind im typischen „Laufsteg-Stil“ gestaltet, mit extravaganten Kopfbedeckungen oder langen Bändern, die von den Schultern herabhängen.

Aus welcher Perspektive betrachten wir Dinge? Woher kenne ich den „Laufsteg-Stil“? Auf welcher Grundlage beurteile ich, was man auf der Straße tragen kann und was nicht? Warum schießt mir bei der Betrachtung der Fotografien wie selbstverständlich der Begriff „Tradition“ in den Kopf?

Das Konzept einer unveränderbaren Tradition, die nur durch die Vergangenheit an Bedeutung gewinnt, bezeichnet Bear Robe als ein westliches.

Tradition und Authentizität aus westlicher Sicht

Die Begleitbroschüre zur Ausstellung, welche Dr. Isabell Klaiber verfasst hat, hilft mir, meine subjektive Perspektive genauer zu verorten. Offenbar ist sie westlich geprägt. Die indigene Kulturwissenschaftlerin Amber-Dawn Bear Robe, welche die SWAIA Fashion Show kuratiert, bezeichnet Begriffe wie „Tradition“ und „Authentizität“ als westliche Konzepte. In der Kulturwissenschaft werden die beiden Begriffe so nicht gebraucht oder ständig hinterfragt. Was authentisch ist und was nicht, entscheidet meist die Dominanzgesellschaft und nicht die – in diesem Fall indigene – betreffende Minderheit. „Tradition“ wird aus der westlichen Perspektive heraus ausschließlich auf die Vergangenheit bezogen. Nur was es schon vor hunderten von Jahren gab, kann Tradition sein. Tatsächlich verändern und entwickeln sich Bräuche und Rituale aber ständig (Ein Beispiel: Das Dirndl, das zur Zeit meiner Eltern weder auf dem Münchner Oktoberfest noch auf dem Stuttgarter Wasen getragen wurde, und seit zwanzig Jahren von dort nicht mehr wegzudenken ist). Mit ihren Modekreationen prägen die Designer*innen die indigene Kultur und Tradition entscheidend.

„When I was younger, I wanted to go mainstream, meaning being just a designer – not a native designer. Now, I realise that’s not a bad thing.“

“Als ich jünger war, wollte ich Mainstream sein, das heißt einfach nur ein Designer sein – kein einheimischer Designer. Jetzt habe ich erkannt, dass das nichts Schlechtes ist.”

Jamie Okuma, Modedesigner

Der Individualität der Modewelt werden indigene Weltanschauungen und indigenes Selbstbewusstsein gegenübergestellt. Während westliche Modedesigner*innen klassischerweise sich selbst ausdrücken wollen, geht es bei den Werken in der Ausstellung immer auch die Verbundenheit mit einer Gruppe. Diese kann sich auf vielfältige Weise zeigen. Manche Designer*innen verstehen ihre Schöpfungen als Selbstermächtigung, anderer als Verkörperung der Lebensphilosophie ihrer Gemeinschaft.

Reglementierung indigener Kleidung

Um die Bedeutsamkeit, die Mode für indigene Menschen hat, zu begreifen, muss man auch die Geschichte der Diskriminierung kennen. Im Jahre 1883 wurde in den USA der „Code of Indian Offenses“ erlassen, welcher die Religionsfreiheit einschränkte und indigene spirituelle Praktiken unter Strafe stellte. In den USA und Kanada wurden indigene Kinder in Internatsschulen zwangsassimiliert: Es wurde ihnen verboten, ihre Sprache zu sprechen und ihre Spiritualität auszuüben. Bei der Ankunft wurde ihnen die Kleidung ihrer Bevölkerungsgruppe weggenommen, und ihre Haare wurden geschnitten. Im Kontext dieses sogenannten „kulturellen Genozids“ wird offensichtlich, warum indigene Kleidung selbstermächtigend sein kann.

“I wanted to highlight my own people and where I come from and the beauty of my culture. (…) I wanted to show that we still are here, we’re living, we’re thriving. We’re still steeped within our culture and our languages.”

“Ich wollte mein eigenes Volk hervorheben, meine Heimat, und die Schönheit meiner Kultur. (…) Ich wollte zeigen, dass wir immer noch da sind, dass wir leben, dass wir gedeihen. Wir sind immer noch durchdrungen von unserer Kultur und unseren Sprachen.”

Lauren Good Day, Modedesignerin

Wer hat die Repräsentationshoheit?

Hinzu kommt, dass Indigene nicht immer die Macht darüber besaßen, welches Bild sich die allgemeine Gesellschaft von ihnen machte. Im ausgehenden 19. Jahrhundert versuchten Ethnografen, die angeblich „untergehende Kultur“ – welche durch Zwangsassimilation in ihrem Fortbestehen eingeschränkt wurde – einzufangen. (In Deutschland gab es zur gleichen Zeit ein ähnliches Forschungsinteresse daran, die „deutsche Volksseele“ einzufangen und bäuerliche Bräuche vor ihrem endgültigen Aussterben zu dokumentieren – dass hier die falsche Prämisse der unveränderbaren, authentischen Tradition zugrunde liegt, wissen wir bereits.)

Die Ethnografien waren romantisierend und exotisierend. Sogar diejenigen Forscher*innen, die ihre Forschungsobjekte respektvoll behandelten – wie beispielsweise Edward Curtis, dessen Fotografien heute berühmt sind – hatten nicht die Absicht, indigene Menschen ihre eigenen Geschichten erzählen zu lassen, sondern die Klischees der Mehrheitsgesellschaft zu bedienen. Dies zeigt sich daran, dass er keine Indigenen, die assimiliert waren, fotografierte, weil sie ihm nicht „authentisch“ genug erschienen; und auch daran, dass er westliche Gegenstände wie Uhren aus seinen Fotos wegretuschierte; oder daran, dass er einen romantischen Sepia-Filter über seine Bilder legte. Dies erinnert an heutige Backpacker*innen, die durch Südostasien reisen und Autos oder Hochhäuser im Hintergrund ihrer Fotos tunlichst vermeiden, um ihren Follower*innen nur das „authentisch asiatische“ Bild zu bestätigen, das in ihren Köpfen schon längst vorherrscht.

Um indigene Mode zu verstehen, muss man wissen, dass sie früher vom amerikanischen und kanadischen Staat eingeschränkt wurde, und dass sie von der Dominanzkultur in unangemessener Form angeeignet wurde.

Darüber, dass Minderheiten oder unterdrückte Gruppen ihre Kultur nicht selbst repräsentieren dürfen, sind wir noch lang nicht hinweg. Auch im Bereich der Mode gibt es noch heute „kulturelle Aneignung“. Bei den Victoria’s Secret Fashion Shows waren schon mehrmals Models mit Federhaube auf dem Laufsteg zu sehen, und die Bekleidungskette Urban Outfitters verwendete 2012 sakrale Elemente und Symbole der Bevölkerungsgruppe Navajo, wogegen sich diese sogar vor Gericht erfolgreich wehrte.

Im Rahmen der Ausstellung fand auch ein Talk mit der Ethnologin Natalia Hernanz García über das Thema kulturelle Aneignung statt, der noch auf YouTube zu finden ist.

“My work is based on a philosophy of Haida respect for one’s self and all that we encounter. WE give respect in everything we do. My clothing line embodies this philosophy.”

“Meine Arbeit basiert auf der Philosophie des Haida-Respekts vor uns selbst und allem, was uns begegnet. Bei allem, was wir tun, haben wir Respekt. Meine Kleiderkollektion verkörpert diese Philosophie.”

Dorothy Grant, Modedesignerin

Mehr als nur ein Gegendiskurs

Dr. Isabell Klaiber betont in der Broschüre allerdings, dass indigene Mode nicht auf einen Gegendiskurs zu der westlichen Perspektive oder der Diskriminierung reduziert werden darf. „Visuelle Souveränität“ bedeutet, sich die Repräsentationshoheit über die eigene Bevölkerungsgruppe zurückzuholen – oft wird auch mit etablierten Klischees gespielt. Doch wenn man indigene Mode darauf reduzieren würde, dass sie gegen die westliche Perspektive vorgeht, dass sie auf diese antwortet, würde man sowohl ihren Ursprung als auch ihren Charakter ausschließlich in dieser verorten. Indigene Mode kann mehr als nur zu sagen: „Das bin ich NICHT.“ Sie ist mehr als nur das Gegenteil dessen, was die Dominanzgesellschaft in ihr sieht.

Im Deutsch-Amerikanischen Institut könnt ihr euch die Ausstellung noch bis zum 26. März anschauen. Auf individuelle Anfrage bietet das d.a.i. auch kostenfreie Führungen an. Am Montag, dem 31.1., findet ein Online Artist Talk mit der Kuratorin Amber-Dawn Bear Robe statt, bei dem ihr der Künstlerin Fragen stellen könnt.

Titelbild: Patricia Michales

erstes Bild: Tira Howard

zweites Bild: Cody Sanderson

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