Gelebte Poesie – Poetry-Slam Tübingen

6 Minuten, einen leidenschaftlich vorgetragenen Text, keine Requisiten. Mehr braucht es nicht, um ein Publikum zu verzaubern. Das ist Poetry-Slam. Am Donnerstag, 20. Januar, wurde im LTT Tübingen ein beinahe ausverkaufter Saal von sechs Slammer*innen verzaubert. Wie das abgelaufen ist, erfahrt ihr hier, bei eurer Kupferblau.

Es war ein schönes Gefühl, am Donnerstagabend den roten Stuhl im Zuschauerraum herunterzuklappen. Es erinnerte an Kino, Theater, Oper und Konzerte. Es erinnert an Kultur. An diesem Abend fand im LTT Tübingen eine ganz besondere Kulturveranstaltung statt: Poetry Slam! Die minimalistische Bühneneinrichtung war ganz typisch: Ein Mikrofon ganz vorn am Bühnenrand, ein rotes Sofa im Hintergrund. In der Luft lag eine freudige Erwartung, von der ersten bis zur letzten Reihe. Das LTT war an diesem Abend beinahe ausverkauft. Trotz Abstands- und Maskenregelungen hatten sich zahllose Personen dazu entschieden, ihren Abend hier zu verbringen.

Poesie auf der Bühne – das Format

Beim Poetry Slam tragen die „Slammer*innen“ eigene, selbstgeschriebene Texte vor. Dabei dürfen sie keine Requisiten benutzen, nur die Stimme ist erlaubt. Keine Kostüme, keine Musikinstrumente, keine Fotos, keine Poster. Die Texte werden im Anschluss vom Publikum durch Applauslautstärke bewertet. So simpel, so gut. Dabei gilt natürlich zu beachten, dass nicht nur die Worte des Textes zählen, nein, auch der Vortrag an sich macht etwas aus. Die Magie der Stimme, der Mimik und des Ausdrucks gleicht einer Kraft, die nicht recht greifbar ist. Ein mit Leidenschaft vorgetragener Slam-Text schafft es, ein ganzes Publikum zu verzaubern, in seinen Bann zu ziehen und nicht mehr loszulassen. Es ist, wie die Moderatorin sagt, „gelebte Poesie“.

Von solchen Texten gab es einige am Donnerstagabend. Die Veranstaltung wurde äußerst sympathisch und liebevoll moderiert von Katie, einer jungen Frau aus Erlangen. Katie, die früher in Tübingen studierte, hat selbst schon viele Male am Poetry-Slam Tübingen teilgenommen. Ihr „Opferlamm-Text“ – ein Text, der ohne Wettbewerbsabsichten von der Moderation vorgetragen wird, um das Publikum einzustimmen – drehte sich ganz um den 18. Geburtstag des Poetry-Slams. Sie teilte ihre Erinnerungen an diese Veranstaltung, und gratulierte auch der Gründerin, Asli Kücük, die den Tübinger Slam 2004 ins Leben gerufen hat.

Von Liebe, Einsamkeit und dem Nicht-Reisenkönnen

Die erste Slammerin des Abends war Tonia. Sie stellte sich der Frage, was die Liebe ist, wie die Liebe sie finden wird, und was danach passiert. Mit ausdrucksvoller Miene erzählte sie von ihrem ersten Verliebtsein als Kind, sie erinnerte sich an die Trauer ihrer Großmutter bei der Beerdigung ihres Opas, und sprach schließlich davon, wie nun auch sie die Liebe gefunden hat. Ein Text, mit dem sich wohl jede*r identifizieren konnte, egal, ob frisch, unglücklich oder gar nicht verliebt.

Ich bin ein glücklicher Mensch, und manchmal tut das Leben weh.

Marius.

Nach Tonia trat Marius auf die Bühne, der von dem Ort sprach, in dem er aufgewachsen ist. Er begann seinen Text mit der Beschreibung eines Waldweges, der völlig sinnlos in den Wald führte. Anschließend sprach er von Bekanntschaften, die er an diesem Weg traf, und er sprach von der Einsamkeit, die er an diesem Ort so oft verspürte. „Ich bin ein glücklicher Mensch, und manchmal tut das Leben weh“, sagte Marius, und traf damit einen wichtigen Nagel des Lebens auf den Kopf: Auch, wenn nicht immer alles perfekt läuft, kannst du glücklich sein.

Die dritte Poetin des Abends war Marina. Sie trug einen Text über das Reisen vor – oder besser: das nicht-Reisen-können. In ihrem Text erzählte Marina, dass ihre Urlaubsreisen stets an denselben, weil günstigen Campingplatz in Italien gingen. Sie wunderte sich, warum Menschen so weit reisen, um dann doch mit denselben Leuten am Strand zu liegen und Bier zu trinken. Marinas kritische Worte zogen das Publikum einmal mehr in einen nahezu magischen Bann, da sie einem geheimnisvollen Rhythmus zu folgen schienen, einer unwiderstehlichen Abwechslung aus Reim und Metrik.

An dieser Stelle musste nun einer der Finalisten gewählt werden. Die Abstimmung war knapp, aber doch eindeutig: Marina hatte mit ihrer brillant vorgetragenen Reise-Kritik die Menge überzeugt.

Wenn Worte Waffen wären…

Nach einer kleinen Pause begrüßte die Moderatorin Phillipp auf der Bühne. Phillipp trug einen Text vor, den er für seine beste Freundin geschrieben hatte: Einen Weltuntergangstext. Das mag im ersten Moment nicht sehr schmeichelhaft klingen, doch Phillipps Aussage war deutlich: Wenn die Welt untergehen würde, wäre das gar nicht so schlecht, solange er diesen Moment mit seiner besten Freundin Franzi verbringen könnte. Er entführte das Publikum in ein ironisch-witziges Szenario, bei dem er und Franzi auf dem Balkon sitzen, dem brennenden Kindergarten beim Brennen zusehen und sich wundern, warum Katzen immer als letzte sterben. Dabei trinken sie Rum aus Plastikflaschen.

Als nächstes trat Xenia auf die Bühne. In ihrem Text ging es um eine Trennung, und sie verriet dem Publikum im Voraus:  

„An dem Text arbeite ich jetzt schon sehr lange. Eigentlich bin ich seit 3 Jahren in einer glücklichen Beziehung.“

Sie beschrieb Erlebnisse, Gedanken und Gefühle, die dem ein oder anderen bekannt vorkommen mussten: Das verdrängen der schlechten Seiten einer Beziehung, gleichzeitig die Wut auf die andere Partei und die Frage, wie man sich wohl verhalten würde, wenn man den oder die Ex wieder treffen würde. Für Xenia war klar, was sie tun würde: ihrem Ex kräftig auf den Kopf hauen. Mit dem Papier, auf den sie den Trennungstext geschrieben hat. Schlagfertige Worte an dieser Stelle!

Die Moderatorin Katie führte humorvoll, kurzweilig und äußerst sympatisch durch den Abend.

Letzter Teilnehmer des Wettbewerbs war Harry. Harry trug einen dichotomen Text über das Aufstehen vor: In einer ersten Vorstellung beschrieb er einen grauen Morgen, an dem er sich mühevoll aus dem Bett quält, „der Bindfadenregen wie Gefängsnisgitter vor meinem Fenster“. Selbstzweifel, Unmut und Eintönigkeit des Alltags prägen seine Worte. Doch dann legte er eine 180-Grad Wende hin, und erzählte, wie derselbe Morgen sein könnte, wenn er perfekt wäre: Nicht nur die Worte änderten sich an dieser Stelle, sondern Harrys ganzes Auftreten. Seine langen Sätze, die geschmückt waren mit Wortneuschöpfungen und bildlichen Vergleichen, wirken nun nicht mehr verzweifelt, sondern aufgeregt, positiv und energetisch. Ein kleines Wunder, wie Harry es schafft, so viele Emotionen in den bloßen Prozess des Aufstehens hereinzulegen.

Auch nach diesen drei Slammer*innen gab es eine Abstimmung, die noch knapper war als die erste. Schließlich konnte Phillipp die Auswahl für sich behaupten – und zog gemeinsam mit Marina ins Finale ein.

Das Finale – knappe Entscheidung

Marina entführte uns erneut, diesmal jedoch nicht auf Reisen, sondern in das Berufsleben einer Referendarin. Mit einer beeindruckenden Bühnenpräsenz sprach sie von Träumen, Erfahrungen und Rückschlägen, die sie hinter dem Lehrer*innenpult schon hatte. Dabei sprühte sie stets eine Energie aus, die zeigte, wie sehr sie ihren Job, trotz all der Hindernisse, eigentlich liebt. Sicherlich wünschen sich nach diesem Abend viele der Anwesenden, sie hätten so eine begeisterte und liebevolle Lehrerin gehabt.

Phillipp beschloss den Abend mit einem Text, der sich mit einer zentralen Frage des Künstlerlebens auseinandersetzte: Ist nicht schon alles gesagt? Wurde nicht jedes Gefühl schon gefühlt, jede Klage schon geklagt, jede Liebe schon geliebt? Was als recht pessimistischer Text anfing, wendete sich dann doch zum Guten: Ja, es wurde vielleicht schon alles gesagt. Aber noch nicht von dir. Und es wurde auch noch nicht von jedem gehört. Außerdem, so sagte Phillipp, sei es egal, wie viele Leute schon geliebt haben, denn jede Liebe ist einzigartig. Er ermutigte in seinem Text auf eine ruhige, vertrauliche Art dazu, weiter Kunst zu betreiben, weiter zu schreiben, weiter zu fühlen.

Die letzte Abstimmung des Abends war zweifellos die knappste. So kam es – verdienterweise! – zu einem Doppelsieg von Phillipp und Marina. Als Preis gab es eine kleine, braune Tüte – was da wohl drin gewesen ist? – und eine Packung faire, vegane Gummibärchen, humorvoll präsentiert und übergeben von Katie.

Am Ende gab es noch einmal dröhnenden Applaus für alle Slammer*innen, und ganz besonders für Katie. Die schaffte es durch lockere, freundliche und humorvolle Worte, auch aus der Moderation des Poetry-Slams Kunst zu machen. Hut ab an dieser Stelle für alle Künstler*innen des Abends!

Phillipp (links) und Marina (rechts) traten im Finale gegeneinander an.

Wer nun Lust bekommen hat, Poetry-Slam live und hautnah zu erleben, der sollte sich den 10. März im Kalender anstreichen. Denn dann findet der nächste Poetry-Slam Tübingen statt. Und wer sich dafür interessiert, wie man eigentlich Slammer*in wird, der darf auf einen weiteren Artikel der Kupferblau gespannt sein. Fortsetzung folgt…

Bilder: Clara Eiche

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