Tübinger*innen, entscheidet euch!

Am 26. September stimmen die Tübinger*innen über gleich zwei wichtige Themen ab: ihre Vertretung im Bundestag und die Frage, ob bald eine Stadtbahn durch Tübingen fahren soll. Trotz der optimistischen Gutachten hat die Stadtbahn aber auch erbitterte Gegner*innen.

Zwei Jahre, 100.000 Euro. So viel ist bislang in die Prüfung von Alternativen zur Innenstadtstrecke geflossen. Die Debatte um die Stadtbahn wird vor allem emotional geführt, denn es heißt immer wieder: Prognose gegen Prognose. Befürworter*innen und Gegner*innen haben sich in Bürger*inneninitiativen organisiert, um für ihre Positionen zu werben. Dafür haben sie noch knapp zwei Monate Zeit – am 26. September entscheiden die Tübinger*innen per Bürger*innenentscheid, ob sie die Innenstadtstrecke haben wollen. Aber worüber wird hier seit Jahren konkret gestritten?

Die Regionalstadtbahn Neckar-Alb ist eines der größten ÖPNV-Projekte der Region. Sie soll das Umland mit den Städten verbinden und dabei sowohl auf den bestehenden Eisenbahnschienen außerhalb als auch auf Stadtbahn-Schienen in den Städten fahren. Die Arbeiten für die Regionalstadtbahn laufen bereits – nun ist die Frage, ob die Bahn auch durch Tübingen fahren oder ob sie am Hauptbahnhof stoppen wird. Im Falle des Baus soll die Bahn vom Hauptbahnhof über die Kliniken bis zum WHO fahren und somit die derzeitige Buslinie 5 ersetzen. Ziel ist, dass weniger Menschen mit dem Auto nach Tübingen pendeln müssen, um beispielsweise ihre Arbeitsplätze in den Kliniken, der Uni oder dem Technologiepark zu erreichen. Die Bahn soll auf eigenen Schienen durch die Innenstadt fahren, Platz für Busse, Autos und Fahrräder soll trotzdem bleiben.

Die Bürger*inneninitiative JA zur StadtBahn! sieht den Vorteil der Innenstadtstrecke vor allem in ihrem klimaschützenden Potenzial. Denn in den kommenden Jahren werden die Arbeitsplätze und somit auch die Anzahl der Bürger*innen in Tübingen steigen. Da der Wohnraum in Tübingen knapp und teuer ist und die Menschen in das Umland ausweichen müssen, wird es auch mehr Pendler*innen geben. Die großen Arbeitgeber*innen in Tübingen – die Universität, die Kliniken und der Technologiepark – befinden sich vor allem auf dem Berg. Aber obwohl Tübingen ein gutes Bussystem hat, setzen viele Menschen bei ihrem Arbeitsweg noch immer auf das eigene Auto. Daran muss sich bald etwas ändern, denn laut Beschluss des Gemeinderats soll Tübingen bis 2030 klimaneutral sein. „Die größten Einflussschneisen von Pendler*innen enden momentan am Hauptbahnhof“, erklärt Bastian Weber. Der Jurastudent ist in Tübingen aufgewachsen und engagiert sich in der Bürger*innenintiative JA zur StadtBahn!. „Die Leute wollen ihre Reise aber nicht am Hauptbahnhof beenden, sondern zu den Wirtschafts- und Arbeitsplatzzentren, die in Tübingen alle auf dem Berg liegen.“ Um die Menschen vom Auto auf den ÖPNV umsteigen zu lassen, muss dieser attraktiver sein als der eigene Wagen. Als entscheidender Faktor gilt dabei auch die Zahl der Umstiege, die ein Fahrgast auf der Reise vor sich hat. Mit der Innenstadtstrecke könnten Pendler*innen aus dem Umland direkt zu den Arbeitsplatzzentren fahren, ohne am Hauptbahnhof umsteigen zu müssen.

 Prognosen-Pingpong ohne Ende

„Auch, wenn für solche Projekte Bundesgelder zur Verfügung stehen, denke ich, dass man die deutlich sinnvoller einsetzen könnte“, meint dagegen Florian Mayer, Mitglied der Bürger*inneninitiative NEIN zur Tübinger Innenstadtstrecke. Er stammt ebenfalls aus Tübingen, hat hier studiert und arbeitet nun am Max-Planck-Institut für Intelligente Systeme. „Man könnte einen größeren ökologischen Nutzen aus dem Geld ziehen, als wenn man versucht, ein paar Tausend Menschen auf den ÖPNV umzugewöhnen.“ Die Stadtbahn habe eine „verheerende CO2-Bilanz“, was der Gegner der Innenstadtstrecke vor allem auf die benötigten Baumittel zurückführt. Bis die Stadtbahn amortisiert sei durch die Leute, die den ÖPNV nutzen, werde es Jahrzehnte dauern, prognostiziert er. Die Befürworter der Stadtbahn sind anderer Ansicht. Die Kontra-Seite habe mit ungeeigneten Werten gerechnet, meint Bastian Weber und verweist auf eine Prüfung des BUND. „Das Problem ist, dass die Gegner*innen für die Straßenbahn Güterzugschienen eingerechnet haben. Die sind viel massiver als diejenigen, die man am Ende für die Stadtbahn benutzen würde. Auch den Beton-Verbrauch haben sie mit dem einer ICE-Strecke gleichgesetzt. “

Der Streit um das ökologische Potenzial der Stadtbahn ist nur einer der Punkte, an dem die Meinungen auseinandergehen. Eine von der Stadt beauftragte Alternativenprüfung durch zwei unabhängige Gutachtungsfirmen kam zu dem Ergebnis, dass ein reformiertes Bussystem oder eine Seilbahn die einzigen Alternativen zur Stadtbahn darstellten. Florian Mayer setzt seine Hoffnung in den Ausbau der Busflotte. Der würde laut den Befürworter*innen aber längst nicht ausreichen. „Die Alternativenprüfung zeigt, dass die Stadtbahn viermal mehr Personenkilometer mit dem PKW einsparen kann als ein reformiertes Bussystem“, erklärt Bastian Weber. Außerdem hätten die Busse perspektivisch zu niedrige Kapazitäten.

Mitglieder der Bürger*inneninitiative JA zur StadtBahn! bei einer Aktion in der Mühlstraße.

Diesen Nachteil sieht auch Florian Mayer, aber das reicht ihm nicht. Man wisse einfach zu wenig über die Pendler*innen, um an ihnen die Frage der Stadtbahn zu entscheiden. „Wie weit wohnen die von der nächsten Regionalstadtbahn-Station weg? Vielleicht ist es für die ein größeres Hemmnis, überhaupt zu der Station zu kommen, als am Hauptbahnhof dann in einen Bus umzusteigen.“ Hinzu komme, dass der Bau der Innenstadtstrecke teuer ist. Knapp 230 Mio. Euro soll das Projekt nach aktuellen Berechnungen kosten. Davon sollen etwa 90 Prozent von Bund und Land gefördert werden, sodass die Stadt noch rund 40 Mio. Euro zahlen müsste. „Der Nutzen ist aus meiner Sicht einfach zu gering für die hohen Kosten“, sagt Mayer. Jede Prognose für die Stadtbahn wird mit einer gegen sie gekontert. Am Ende steht häufig eher eine Befürchtung als ein harter Fakt: Wird die Stadtbahn tatsächlich die gewünschten Effekte haben? Was ist mit dem Tübinger Stadtbild? Es bleibt oft vor allem die Angst, dass die Rechnung schließlich nicht aufgeht. „Als gebürtiger Tübinger täte es mir in der Seele weh zu sehen, wie in der ganzen Stadt Schienen und Oberleitungen verlegt werden“, sagt zum Beispiel Florian Mayer. Aber auch dieser Sorge wird sofort ein Argument entgegengestellt. „Wenn ich auf der Brücke stehe und mir die Neckarmauer anschaue, ändert sich ja nichts. Der Draht ist ja oben. Diese Sorge lässt sich meiner Meinung nach relativ einfach ausräumen“, erwidert Bastian Weber. Der Draht sei besonders filigran, er würde kaum auffallen. Es heißt also immer wieder: Prognose gegen Prognose, Sorge gegen Zuversicht.

Und was sagt die Unileitung?

Die Universitätsleitung hatte sich zunächst kritisch zur Innenstadtstrecke der Regionalstadtbahn geäußert. Besonders die Medizinische Fakultät und die Lebenswissenschaften seien vom Bau der Innenstadtstrecke betroffen. Die Erschütterungen und die elektromagnetischen Strahlungen könnten erhebliche Auswirkungen auf die Forschungsinstrumente haben. Diese Probleme würden künftig größer, da die Geräte immer sensibler werden, äußert sich der Dekan der Medizinischen Fakultät Professor Bernd Pichler in einer Pressemitteilung der Universität. Die Universität sei nicht gegen die Regionalstadtbahn, versichert Rektor Bernd Engler. „Allerdings muss gewährleistet sein, dass ein künftiges Verkehrssystem die weitere Entwicklung des Forschungsstandorts Tübingen befördert und nicht blockiert.“ Die Universität stellte daher mehrere Forderungen an die Stadt – diese antwortete bald mit einem Kompromiss. „Wenn die Innenstadtstrecke kommt, werden wir in Planung und Bau alles tun, was technisch möglich ist, um die Nutzungsmöglichkeiten der Universität auch in Zukunft nicht einzuschränken“, erklärt Oberbürgermeister Boris Palmer. Rektor Bernd Engler sagt, dass die Universität den Bau der Innenstadtstrecke der Regionalstadtbahn vorbehaltslos unterstütze. Die Befürworter*innen der Stadtbahn freuen sich, Florian Mayer bleibt skeptisch: „Klar ist das Gutachten für die Befürworter*innen der Innenstadtstrecke positiv, weil es nicht sagt, dass das Projekt auf keinen Fall umgesetzt werden kann. Aber die Mehrkosten und die zusätzlichen Maßnahmen sehe ich sehr kritisch.“

„So ist das in einer Demokratie“

Am 26. September hat der Streit ein Ende, dann stimmen alle Tübinger*innen ab einem Alter von 16 Jahren ab. Einen großen Anteil der Wahlberechtigten stellen die Studierenden dar. Einige engagieren sich in den Bürger*inneninitiativen, viele haben aber von der Debatte um die Innenstadtstrecke bislang kaum etwas mitbekommen. Das könnte auch daran liegen, dass die Probleme der Corona-Pandemie die Debatte überlagern. „Vielleicht machen sie sich auch nicht genug Gedanken oder haben keine Zeit oder Lust, sich damit auseinanderzusetzen“, überlegt Florian Mayer. „Wenn man einmal ehrlich ist, muss man ja auch überlegen, wie lange die Studierenden tatsächlich in Tübingen sind.“ Die emotionale Debattenkultur findet er ganz gut. „An manchen Stellen hört man auch mal aggressivere Töne oder dass es etwas rauer zur Sache geht, aber das gehört einfach dazu. Wenn es mal ein bisschen kracht im Gebälk und die harten Argumente auf den Tisch kommen, lernt man auch seinen Gegner besser einzuschätzen.“

Bastian Weber bleibt weiter optimistisch – es gehe den Befürworter*innen um einen guten und zukunftsfähigen ÖPNV. Für ihn ist die Stadtbahn die logische Konsequenz. „Wir haben jetzt schon viele Menschen aus Tübingen zusammengebracht, die erzählen, warum die Stadtbahn aus ihrer Sicht gut für Tübingen ist“, erzählt er über die Arbeit der Initiative. Außer ihnen setzen sich auch der Verein Pro Regio Stadtbahn und das Tübinger Bündnis Innenstadtstrecke (TÜBISS) für das Projekt ein. Und was passiert, wenn die Bürger*innen sich im September für den Bau der Innenstadtstrecke entscheiden? „So ist das in einer Demokratie – die Mehrheit entscheidet. Sollte es dazu kommen sind wir auch gute Verlierer“, findet Florian Mayer. „Wir werden es uns dann aber an der einen oder anderen Stelle nicht nehmen lassen zu sagen ‚Wir haben es euch ja gesagt!‘“

Beitragsbild: Visualisierung Morgenstelle TriCon AG © 2021

Foto: JA zur StadtBahn!

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