Kupferblau Kalenderblatt: Die Stonewall-Aufstände und ihr Hintergrund

von Marie Lohmann und Ekaterina Sharova

Regenbogenflaggen, Paraden und festliche Stimmung auf den Straßen: der Monat Juni ist weltweit als Pride Month bekannt. Doch wenn heutzutage Unterstützung und Freude die Menschen der LGBTQ+ Community umgeben, sah es vor knapp 50 Jahren noch ganz anders aus. Dieser Artikel schaut sich die bekannten Stonewall-Proteste näher an und wie diese zum Wendepunkt des Kampfes für Gleichberechtigung wurden.

In der Nacht auf den 28. Juni 1969 führte die New Yorker Polizei im Stonewall Inn, einer Bar im Greenwich Village, eine Razzia durch. In einer Bar, die ein Treffpunkt für Homo- und Transsexuelle darstellte.

Bis 1966 galt in den USA ein Gesetz, das den Ausschank von Alkohol an homo- und transsexuelle Menschen verbot und auch, wenn dieses später abgeschafft wurde, waren „homosexuelle Aktivitäten“ – wie es genannt wurde – 1996 immer noch verboten. Bars und Restaurants mussten geschlossen werden, wenn bekannt wurde, dass diese homo- oder transsexuelle Mitarbeitende hatten oder eben solche Gäste bewirteten. Aufgrund dessen wurden die meisten Gay Bars und auch das Stonewall Inn von der Mafia geführt, die die Polizei schmierte.

Das “Stonewall Inn” im New Yorker Stadtteil Greenwich Village

Razzien waren trotzdem nicht unüblich und so wurde zum Beispiel auch am Donnerstag vor dem Aufstand eine solche im Stonewall Inn durchgeführt. An eben diesem 26. Juni 1969 wurden einige Mitarbeitende der Bar verhaftet und Alkohol konfisziert, mit der Begründung, dass die Bar ohne eine legale Ausschankerlaubnis fungierte. Nach dieser Razzia plante die New Yorker Polizei eine weitere für den nächsten Tag, in der Hoffnung, die Bar dieses Mal komplett zu schließen.

In der Nacht vom 27. auf den 28. Juni, nach Mitternacht, betraten acht Polizist*innen inkognito – also in Alltagskleidung – das überaus volle Stonewall Inn. Neben den Mitarbeitenden nahmen sie auch mehrere Drag Queens und auch weitere Crossdressing Gäste zur Seite, um sie zu verhaften. Denn in New York war „Masquerading as the Opposite Sex“, also das Anziehen im Stil des anderen Geschlechts, verboten und galt als Straftat. Innerhalb dieser Zeit trafen weitere Polizisten und Polizistinnen am Schauplatz ein und brachten Mitarbeitende und Cross-dressers in die Polizei Vans.

Wer warf die erste Flasche?

Wer oder was genau den Aufstand nun anstieß, variiert von Quelle zu Quelle. Einige aber meinen, dass eine Frau in männlicher Kleidung (Vermutungen zufolge die lesbische Sängerin Stormé DeLarverie) Beschwerden gegenüber der Polizei äußerte, dass ihre Handschellen zu eng seien, woraufhin Spott der Gäste folgte und mit Kleingeld nach der Polizei geworfen wurde. Die Stimmung eskalierte schnell – die Besucher*innen der Bar waren an diesem Tag in Aufstandslaune. Ohne jegliche Absprache fing die Masse an, mit Flaschen zu werfen, raus auf die Straße zu rennen und unter anderem die Reifen der Polizeiautos aufzuschlitzen. Die zwei Drag Queens Marsha P. Johnson und Sylvia Rivera galten lange als diejenigen, die die erste Flasche warfen. Marsha erklärte jedoch später, sie sei erst beim Stonewall Inn angekommen, als der Aufstand schon am Laufen war. Wie oder durch wen genau der Aufstand anfing, ist und bleibt ungewiss.

Als die Polizeiwägen gegen vier Uhr morgens losfuhren, um die Verhafteten aufs Präsidium zu bringen, wuchs die protestierende Menschenmasse. Die zurückgebliebenen Polizist*innen wurden zurückgedrängt, woraufhin sie sich im Pub verbarrikadierten. Die Randalierenden nutzen Berichten zufolge eine Parkuhr, um die Tür aufzubrechen und warfen weiterhin mit Steinen, Flaschen und brennenden Objekten. Erst nach der Ankunft weiterer Verstärkungstruppen kam der Aufstand während des Sonnenaufgangs langsam zu einem Ende. Tatsächlich wurde trotz der vielen Gewalt niemand lebensgefährlich verletzt.

Bar ohne Alkoholausschank

Am nächsten Abend öffnete das Stonewall Inn wieder, nur der Alkoholausschank wurde eingestellt. Der Platz um die Bar füllte sich erneut mit Anhänger*innen und Befürworter*innen, Sprüche wie „gay power“ klangen durch die Luft und erneut wurde die Polizei gerufen, welche diesmal mit einem noch größeren Aufgebot ankam und der Menge mit Tränengas und Schlägen begegnete. Auch in dieser Nacht brodelte der Aufruhr bis in die frühen Morgenstunden – über die nächsten Tage (29.-1. Juli) wurde das Stonewall Inn und seine nähere Umgebung zum Fels in der Brandung für Aufruhr und Aktivismus, allerdings wurden die Begegnungen immer weniger streitlustig – von beiden Seiten.

Am 2. Juli wurde erneut demonstriert, diesmal befeuert durch die mediale Darstellung der Stonewall-Aufstände. Die Village Voice Zeitung veröffentlichte einen Artikel, in welchem der Reporter Lucian Truscott die Aufständischen als „faggots“ (Abwertende Bezeichnung für Homosexuelle) beschrieb. Die New York Times wiederum erwähnte die Ereignisse überhaupt nur sehr kurz auf Seite 22 ihrer Ausgabe vom 30. Juni. Vor dem Gebäude der Zeitung startete erneut ein Aufruhr, der diesmal schon vor Mitternacht beendet war.

Protest, der verbindet

Mit den Stonewall-Aufständen formte sich erstmals eine Art Gay Community, bzw. eine Gemeinschaft für LGBT* (=lesbian, gay, bisexual, transgender) Menschen. Und obwohl die Gay Rights Bewegung nicht per se mit den Stonewall Aufständen begann (schon 1924 gründete sich die Society for Human Rights in Chicago, welche sich für Schwule und Lesben einsetzte), stellten die Aufstände einen Wendepunkt in der Geschichte der US-amerikanischen LGBT-Bewegung und den Start der Emanzipation für Menschen der LGBT-Community dar.

*LGBT-Disclaimer


In den späten 60ern unterschied man hauptsächlich zwischen schwul, lesbisch und Transgender. Auch wurde der Begriff gay, also schwul, generalisiert und nicht nur speziell für schwule Männer verwendet. Heute werden Begriffe wie LGBTQIA+ (lesbian, gay, bisexual, transgender, queer, asexual, intersexual) verwendet, um alle Menschen der Community mit einzuschließen, es ist aber auch noch geläufig, LGBT-Community zu sagen.

Von Stonewall zur Cristopher Street

In Erinnerung an die Stonewall-Aufstände fand genau ein Jahr später, also am 28. Juni 1970, der Christopher Street Liberation March, der Christopher Street Befreiungs-Marsch, statt. In Zusammenhang mit der ersten Gay Pride Week in New York liefen hunderte Menschen vom Stonewall Inn über die 6th Avenue bis zum Central Park, während sich immer mehr von den Zuschauenden mit in den Marsch einreihten.

Nach einer Weile waren es Tausende, die mitmarschierten, gemeinsam für homosexuelle und transsexuelle Rechte. Und auch in Los Angeles und San Francisco fanden Märsche statt. In Deutschland fand der erste Christopher Street Day, kurz CSD – wie wir die Gay Pride Parade hierzulande nennen – zum zehnjährigen Jubiläum der Stonewall Aufstände 1979 in Berlin und Bremen statt. Die Aufstände aus dem Sommer 1969 haben in den folgenden Jahren die Gay Rights Bewegung nicht nur in den USA angefeuert, sondern auch bei uns in Deutschland sowie in Kanada, England, Frankreich, Australien, und vielen weiteren Ländern.

An Stonewall als den entscheidenden Aufstand, bei dem sich Teile der Community erstmals massiv gegen Polizeigewalt und gesellschaftliche Ungerechtigkeit gewehrt haben, wird seitdem jedes Jahr erneut erinnert und weitere Rechte eingefordert. Denn obwohl seit 2015 in den USA und seit 2017 auch in Deutschland die gleichgeschlechtliche Ehe legal ist und sich vieles verbessert hat, ist die Gleichberechtigung der Menschen in der LGBT-Gemeinschaft noch nicht erreicht.

In der Dokumentation “The Death and Life of Marsha P. Johnson” portraitiert Netflix die berühmte schwarze Transgender-Aktivistin.

Transsexuelle Menschen, vor allem schwarze Transfrauen, sind noch heute überdurchschnittlich oft Opfer von Gewalttaten. So wurden im Jahr 2020 350 Transgender und gender-diverse Menschen aufgrund ihrer Identität ermordet, wie die Menschenrechtsorganisation Transgender Europe berichtet. Davon waren 98% Transfrauen. In den USA waren 79% der ermordeten Trans-Personen schwarz. Erst im Juni 2016 wurden in einem LGBT-Club in Orlando, Florida, 49 Menschen getötet. Homosexuelle Menschen dürfen außerdem bis heute kein Blut spenden, da weiterhin ein Vorurteil besteht, alle Homosexuelle würden AIDS übertragen. Aber auch positives trägt sich zu – wie als sich der New Yorker Polizeichef James O’Neill zum 50. Jahrestag der Stonewall-Aufstände zum ersten Mal für das Vorgehen des NYPDs im Juni 1969 entschuldigte.

Wie sagte die Transgender-Aktivistin Marsha P. Johnson einmal:

„Darling, I want my rights now.“

Es ist noch viel Arbeit nötig, aber wir sind auf dem richtigen Weg. Und zur Info: der nächste Tübinger CSD soll voraussichtlich am 30. Oktober stattfinden.  Stuttgart zeigt dieses Jahr sogar schon am 31. Juli Farbe.

 

Dieser Artikel ist in Zusammenarbeit der beiden Redakteurinnen Marie Lohmann und Ekaterina Sharova entstanden.

Titelbild: Ekaterina Sharova

Beitragsbilder:

(c) wikimedia.com/Gruß, Deirdre , 24. Juni 2011

(c) netflix.com/The Death and Life of Marsha P. Johnson

 

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