Querdenker im eigenen Umfeld – was tun?

Menschen, wie seit einem Jahr die Querdenker, die an Verschwörungsmythen glauben, sind nicht nur eine Herausforderung für die Gesellschaft. Besonders die Angehörigen oder Freund*innen der betroffenen Personen sind oft damit überfordert, den richtigen Umgang zu finden. Das allgemeingültige Rezept dafür gibt es zwar nicht, dafür aber diverse Ratschläge, was am besten zu tun ist.

Die Corona-Pandemie hat das einstige Nischenthema der Verschwörungsmythen mit Nachdruck an die Öffentlichkeit und in die Mitte der Gesellschaft befördert. Nicht nur auf der Straße bei Demonstrationen findet man die teils absurden, teils besorgniserregenden Narrative der selbsternannten „Querdenker“. Auch in vielen Familien oder Freundeskreisen gibt es plötzlich Personen, die abdriften in den Glauben an die große Verschwörung. Zu sehen, wie Angehörige oder Freund*innen diesem extremen Gedankengut verfallen, ist für die Mitmenschen alles andere als einfach. Freundschaften oder Familien stehen angesichts solcher Spannungen auf dem Prüfstand oder zerbrechen sogar. Doch wie umgehen mit Querdenkern in der eigenen Familie oder im Freundeskreis? Darauf soll hier eine Antwort gefunden werden.

Warum glauben Menschen an Verschwörungsmythen?

Um den richtigen Umgang zu finden, muss man verstehen, warum Menschen dem Glauben an Verschwörungsmythen verfallen. Wichtig ist dabei insbesondere der Aspekt des Kontrollverlusts. In der jetzigen Situation, der Corona-Pandemie, ist ein unsichtbares Virus der Gegner, der uns existentiell in unserer Lebenswirklichkeit beeinträchtigt. Das Virus wirkt sich in enormem Maß auf unser Leben aus. Gleichzeitig ist es aber für einige Menschen etwas, das sie nicht richtig fassen und verstehen können. Diese Kombination führt bei diesen Menschen am Ende dazu, dass sie das Gefühl haben, keine Kontrolle mehr über die Geschehnisse zu besitzen.

Greifbarer wird eine solche Krise dementsprechend dann, wenn man sich einen Gegner sucht, der einfacher zu verstehen ist als ein neuartiges Virus, jemanden, dem man einfacher die Schuld an der Misere zuschieben kann. Auch wissenschaftliche Studien dazu kamen zu diesem Schluss. Professor Michael Butter von der Universität Tübingen fasst zusammen, dass insbesondere Menschen, die schlecht mit Unsicherheiten umgehen können, besonders empfänglich für Verschwörungsmythen sind. Die Unsicherheiten der aktuellen Situation muss man dabei wohl kaum genauer erklären. Verschwörungsmythen bieten diesen Menschen genau die Sicherheit, die ihnen momentan verloren gegangen ist, nämlich das vermeintliche Wissen darüber, was gerade passiert und wer dahintersteckt. Am Ende läuft also immer alles auf einen oder mehrere angebliche Schuldige hinaus, wodurch radikales Denken entsprechend schnell befördert wird.

Vielmehr führten schlüssige Gegenargumente bei überzeugten Anhängern eines Verschwörungsmythos dazu, dass diese noch mehr an den selbigen glaubten.

Was tun?

Aber wie nun damit umgehen, wenn Personen aus Familie oder Freundeskreis mit derartigen Ansichten auf sich aufmerksam machen? Wie diesen Menschen ein wenig Sicherheit geben, damit sie dafür nicht auf Verschwörungsmythen zurückgreifen müssen? Vorab: Natürlich ist es immer fallabhängig, ob man helfen kann, einen Menschen wieder auf den Weg der Tatsachen zu bringen, und auch der Zeitpunkt des Einschreitens spielt eine wichtige Rolle.

Wenn man mitbekommt, dass jemand aus dem eigenen Umfeld gerade damit beginnt, sich mit verschwörungsmythischen Inhalten auseinanderzusetzen, dann kann man diese Person darin unterstützen, diese Inhalte zu überprüfen. Hier hat man als Angehörige*r also noch Handlungsspielraum. Das ändert sich jedoch, wenn sich eine bekannte oder verwandte Person schon länger mit Verschwörungsmythen beschäftigt. Dann kommt man mit inhaltlicher Aufklärung nicht mehr weit und sollte eher auf einer emotionalen Basis mit der Person über ihre Unsicherheiten sprechen. Professor Butter meint dazu: „Sprechen wir mit Menschen, die schon absolut überzeugt sind davon, dann hat man mit Fakten eigentlich wenig Chancen.“ Vielmehr führten schlüssige Gegenargumente bei überzeugten Anhängern eines Verschwörungsmythos dazu, dass diese noch mehr an den selbigen glaubten.

Mit solchen Fragen können Verschwörungsgläubige auf der persönlichen Ebene angesprochen werden.

Zugang durch Kommunikation auf Gefühlsebene

Für eben jene Personen, die sich bereits tief in solche Erzählungen hineingearbeitet haben, gilt also generell: Es braucht am Ende die eigene Erkenntnis, um final von einem Verschwörungsmythos wegzukommen. Angehörige können dabei nicht sehr viel tun. Wichtig ist aber trotz allem, den Kontakt zu der Person nicht abzubrechen. Das zahlt sich später aus, sollte sie doch noch nach einem Ausweg oder einer Alternative suchen und dabei Hilfe benötigen. Da im Fall der tiefen Überzeugtheit des oder der Angehörigen das Aufzeigen von Gegenargumenten aber nun mal wenig bewirkt, sollte sich die Kommunikation auf die Gefühlslage beschränken. Mit Fragen wie beispielsweise: „Warum glaubst du das?“, „Wie geht es dir damit?“ oder „Macht dich das glücklich?“ lenkt man den Fokus mehr auf die persönliche Beziehung. Dadurch schafft man es unter Umständen, den Zugang zu der Person zu bewahren, was besonders im engen Freundes- oder Familienkreis hilfreich sein kann.

Wichtig: Keine Zeit verlieren

Mehr Möglichkeiten bieten sich einem bei Angehörigen, die zumindest noch teilweise offen für Sachargumente sind, weil sie gerade erst begonnen haben, sich mit dem Verschwörungsmythos auseinanderzusetzen. Wichtig ist hier jedoch, keine Zeit zu verlieren. Die Politikwissenschaftlerin und Bloggerin Katharina Nocun sagt dazu: „Das Schlimmste, was man tun kann, ist einfach schweigen und hoffen, dass es besser wird. […] Je mehr sich jemand radikalisiert […] desto schwieriger wird es, ihn überhaupt noch dazu zu bringen, andere Quellen zu lesen als das, wo er die jeweiligen Informationen über die angebliche Verschwörung herhat.” Helfen können dabei sogenannte Faktenchecks. Doch wie kann ein solcher aussehen?

Am besten sollte man auf die angebliche Verschwörung erst zu sprechen kommen, wenn man bereits eine bessere Erklärung für das Problem geliefert hat.

Inhaltliche Diskussion und Faktenchecks

In seinem Buch Nichts ist wie es scheint – Über Verschwörungstheorien zählt Professor Butter diverse Tipps auf, wie man das Widerlegen von Mythen angehen kann. Zunächst sollte man vermeiden, die Annahmen zu wiederholen, gegen die man zu argumentieren versucht. Sonst kann es sein, dass diese sich beim Gegenüber erst recht verfestigen. Am besten sollte man auf die angebliche Verschwörung erst zu sprechen kommen, wenn man bereits eine bessere Erklärung für das Problem geliefert hat. Spricht man den Verschwörungsmythos schließlich doch an, sollte man eine Art „Triggerwarnung“ geben, um zu signalisieren, dass es sich dabei um Falschinformationen handelt.

Allgemein gilt auch, dass man sich bei einem Faktencheck auf das Wesentliche konzentrieren sollte, da zu viele Details vom Hauptargument ablenken können. Generell meint Butter, dass es sinnvoll ist, nicht gleich das gesamte Verschwörungskonstrukt in Frage zu stellen, sondern kleiner anzufangen, indem man zum Beispiel einzelne Quellen widerlegt. Gemeinhin wird auch dazu geraten, den betroffenen Personen eine gewisse Medienkompetenz zu vermitteln, also die Fähigkeit, kritisch mit Inhalten umzugehen, auf die man stößt.

In der Diskussion ist es also wichtig, dem oder der Verschwörungsgläubigen auf jeden Fall in der Sache zu widersprechen. Allerdings sollte das auf eine Art geschehen, bei der die Person sich nicht persönlich angegriffen fühlt. Den anderen lächerlich zu machen, hilft am Ende keinem weiter. Stattdessen sollte man die Person trotz inhaltlicher Differenzen freundlich behandeln und auf sie eingehen. Oft gelingt das am besten, indem man niederschwellige und wenig konfrontative Fragen stellt, wie in etwa: „Wie meinst du das?“, „Woher hast du das denn?“ oder „Warum vertraust du gerade dieser Quelle?“ So wechselt man im Gespräch auch mal die Position und erreicht vielleicht zumindest ein gemeinsames, konstruktives Gesprächslevel. Davon ausgehend kann dann zum Beispiel ein Faktencheck erfolgen.

Professionelle Hilfe

Ob nun Faktencheck oder der Zugang auf der Gefühlsebene – für betroffene Familien und Freundeskreise ist es ohne Frage in jedem Fall eine große Herausforderung, mit Verschwörungsgläubigen wie den Querdenkern umzugehen. Bei nahestehenden Personen mischen eben auch die Emotionen füreinander mit. Und auch wenn der eine oder die andere eventuell das Gefühl hat, damit vor einer Aufgabe zu stehen, die man nicht leisten möchte oder kann, ist es wichtig, dem Gegenüber trotz allem noch zuzuhören. Denn nur so erreicht man, dass einem der oder die Verschwörungsgläubige vielleicht auch einmal zuhört und man so eine Chance hat, auf der Sach- oder Gefühlsebene entgegenzuwirken.

Dennoch wird geraten, sich im schlimmsten Fall zusätzliche Hilfe von außen zu holen. In Baden-Württemberg kann man sich dafür an die Zentrale Beratungsstelle für Weltanschauungsfragen, kurz ZEBRA-BW, wenden. Den Link zur Website der Beratungsstelle findet ihr hier: https://zebra-bw.de/

Beitragsbild: Sophie Vollmer
Grafik: Sophie Vollmer

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