Und du so? – Christliche und muslimische Studierende im Gespräch

Ein offener Austausch miteinander beugt Konflikte vor und sorgt für Aufgeschlossenheit. Das dachten sich auch Student*innen der Evangelischen und Islamischen Theologie, als sie sich 2014 dafür entschieden, den Islamisch-Christlichen Gesprächskreis zu gründen. Ich habe mich mit den Studentinnen Mirjam und Birgül unterhalten, um mehr darüber zu erfahren. Meine zentrale Frage dabei: Wie funktioniert der Austausch zweier so unterschiedlicher Religionen?

Bereichernd, spannend, offen, sich näherkommen – für diese Begriffe entscheiden sich Mirjam und Birgül, als ich sie bitte, den Gesprächskreis mit wenigen Worten zu beschreiben. „Es spielt eigentlich keine Rolle, wer welcher Religion angehört, wir treffen uns, um über unsere Gedanken und Gefühle zu bestimmten Themen zu sprechen und neue Perspektiven zu gewinnen“. Mit dieser Aussage beantwortet Mirjam die Frage, wie wichtig der religiöse Hintergrund ist. Im Laufe des Gesprächs wird mir immer deutlicher, dass die beiden Religionen in sich so vielfältig sind, dass eine Gegenüberstellung Christentum-Islam kaum möglich ist. Außerdem kann die Abgrenzung der zwei Weltreligionen voneinander auch zu Uneinigkeit führen. „Zu unseren Treffen kommen jedes Mal auch neue Leute, die wir das erste Mal sehen. Das müssen nicht nur Studierende sein. Manchmal sind auch Rentner und Rentnerinnen dabei, die Lust auf den interreligiösen Austausch haben. Innerhalb eines Abends kommen sich die Teilnehmenden dann näher. Es wird über gemeinsame Werte und individuelle Perspektiven gesprochen“, erzählt Birgül und Mirjam fügt an: „Obwohl die Menschen, die unseren Gesprächskreis besuchen, so unterschiedlich sind, findet ganz schnell ein Austausch statt. Durch das Gespräch mit anderen erfährt man auch ganz viel über sich selber.“

Was genau ist der Islamisch-Christliche Gesprächskreis?

Der Islamisch-Christliche Gesprächskreis findet in der Regel einmal im Monat an wechselnden Wochentagen statt. Dadurch bekommen noch mehr Menschen die Chance, an dem Gesprächskreis teilnehmen zu können. Über die Anmeldung für den E-Mail-Verteiler können sich Interessent*innen darüber informieren lassen, wann der nächste Gesprächsabend ansteht und über welches Thema gesprochen wird. Der Gesprächskreis hat auch eine eigene Facebook-Seite, auf der regelmäßige Updates erscheinen und ebenfalls darüber informiert wird, welche Themen als nächstes anstehen. Für seine Arbeit wurde der Islamisch-Christliche Gesprächskreis 2020 außerdem, mithilfe des Publikumsvotings, für den Einheitspreis der Bundeszentrale für politische Bildung nominiert.

Der gemeinsame Austausch

Ich möchte wissen, wie ein Treffen abläuft und frage konkret nach einem Abend, über den ich auf der Facebook-Seite gelesen habe: Eine virtuelle, interreligiöse Weltreise. Mirjam erzählt, dass die Idee von ihr stammt und erläutert mir, wie das Thema umgesetzt wurde: „Jeder Teilnehmer, jede Teilnehmerin hat einen virtuellen Hintergrund von einem Ort eingestellt, mit dem er oder sie auf Reisen in Berührung kam und der in irgendeiner Form mit Religion zu tun hatte. Dann konnten die Teilnehmer und Teilnehmerinnen direkt Bezug auf das Bild nehmen und die Person fragen, was es damit auf sich hat und warum sie sich gerade für dieses Foto entschieden hat. Dabei kamen super spannende Gespräche heraus. Eine Muslima berichtete von ihren Erfahrungen in Rom, während ich beispielsweise von meinen Erfahrungen im Oman berichten konnte“. Die Auseinandersetzung mit einer anderen Religion sorgt für neue Perspektiven und stärkt die eigene Offenheit und Aufgeschlossenheit. Vor der Pandemie konnte dieser Austausch mit allen Sinnen erlebt werden, indem zum Beispiel gemeinsam das Fastenbrechen während des Ramadans gefeiert wurde. Auch gemeinsame Ausflüge in Gotteshäuser gehörten zum Programm dazu. Die Pandemie hat diese Art des Austausches zwar stark eingeschränkt, aber die Gespräche konnten virtuell fortgesetzt werden. Je nach Thematik des Abends, variiert die Besucherzahl zwischen 15 und 30 Personen, die zum Diskutieren und Austauschen zusammenkommen. Auf meine Nachfrage, ob es auch schon zu unangenehmen Erlebnisse kam, wie beispielsweise einem Streit, schütteln Mirjam und Birgül den Kopf: „Die Atmosphäre bei uns ist immer sehr respektvoll und offen, die Teilnehmer und Teilnehmerinnen sind interessiert daran, mehr über eine andere Kultur und Religion zu erfahren und gehen wertschätzend miteinander um“, betont Birgül. „Es gibt schon auch Themen, die für mehr Diskussionspotenzial sorgen als andere, aber das gehört zu einem guten Austausch ja auch dazu“, ergänzt Mirjam.

Gemeinsamer Ausflug in die Stiftskirche in Tübingen.

Den interreligiösen Dialog selbst erleben

Ich frage nach, welches Thema Mirjam damit meint und ohne es zu bemerken, stecken wir schon mitten in einem Austausch über die Frage nach Trinität, der Einheit Gottes und Wahrheitsansprüchen von Religionen. Die Zeit verfliegt und ich könnte mich noch ewig so weiter unterhalten. Auf einmal bekommt der anfangs genannte Begriff „bereichernd“ eine ganz neue Bedeutung für mich. Ich stelle fest, wie wenig ich über den Islam weiß und wie spannend es für mich ist, mehr über diese Religion zu erfahren und meine eigene Religion einmal aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Ich frage nach, wie denn ein Gesprächsabend in der Regel abläuft. Mirjam erzählt mir, dass es immer ein Thema gibt, das den Abend bestimmt. Manchmal werden Referent*innen eingeladen, die einen kurzen Vortrag halte, manchmal bringen Studierende Impulsvorträge mit. Anschließend wird in der Runde über das Thema diskutiert. Für den Fall, dass die Diskussion etwas zäh anläuft, bereitet das Organisationsteam Fragen vor, die dann in den Raum geworfen werden können: „Das ist aber selten der Fall, meistens kommt das Gespräch von ganz allein ins Rollen“, sagt Mirjam.

Zum Schluss möchte ich noch wissen, ob mehr christliche oder mehr muslimische Studierende an dem Gesprächskreis teilnehmen. „Eigentlich ist es relativ ausgewogen, manchmal sind es mehr christliche, manchmal mehr muslimische Teilnehmer*innen. Aber da uns mehr die Begegnung an sich und nicht so sehr der religiöse Hintergrund wichtig ist, achten wir da auch nicht so darauf“ beantwortet Mirjam mir die Frage. Ich bedanke mich bei den beiden und wünsche ihnen noch einen schönen Abend. Birgül schaut auf die Uhr, dann meint sie an uns gewandt: „In 40 Minuten beginnt für mich das Fastenbrechen.“ Und ein weiteres Mal in diesem Gespräch, staune ich darüber, wie greifbar eine andere Religion werden kann, wenn ein Austausch stattfindet.

Die Teilnehmer*innen im Austausch miteinander.

Die Bedeutsamkeit von Austausch

Als ich den Laptop zuklappe, lasse ich das Gespräch noch in mir nachklingen. Mir geistert ein Zitat durch den Kopf, das Birgül in Bezug auf den Gesprächskreis gesagt hat: „Ich habe so inspirierende Menschen kennengelernt, die mich in meinem eigenen Glauben noch stärken.“ Ich habe das Gefühl, eine kleine Kostprobe davon bekommen zu haben, wie es sein muss, an einem interreligiösen Dialog teilzunehmen. Ich fühle mich beseelt und erfüllt von neuen Impulsen, über die ich noch weiter nachdenken möchte. Mir wird die Bedeutung dessen bewusst, wie wichtig es ist, dass Menschen ins Gespräch kommen, ob sie nun der gleichen oder einer unterschiedlichen Religion angehören. Denn der Austausch miteinander räumt mit Vorurteilen auf und ermöglicht ein besseres Verständnis füreinander. Oder um in den Worten einer Teilnehmerin zu sprechen: „Der Gesprächskreis ist Balsam für die Seele“.

Haben wir dein Interesse geweckt…?

… dann kannst du dich auf Facebook über neue Veranstaltungen informieren lassen oder dich direkt in den E-Mail-Verteiler eintragen lassen, um nichts mehr zu verpassen: reden@yahoo.de

Fotos: islamisch-christlicher Gesprächskreis Tübingen

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