Als Jüdin in Tübingen: Ein Interview

Hanna (22) ist die Vorstandsvorsitzende der Jüdischen Studierendenunion Württemberg (JSUW) und studiert Kunstgeschichte und Französisch in Tübingen. Außerdem ist sie bei der Feminismen-Hochschulgruppe und beim Jungen Forum der Deutsch-Israelischen Gesellschaft (DIG) engagiert. Die Kupferblau hat mit ihr über jüdische Kultur, den Umgang mit Antisemitismus, und das deutsche Bild des Judentums gesprochen.

Kupferblau: Hanna, wie lebst du deinen jüdischen Hintergrund? Feierst du jüdische Traditionen oder jüdische Feste?

Hanna: Jüdische Feste und Feiertage feiere ich vor allem mit meinen Freunden. Meine Familie ist überhaupt nicht religiös, deswegen kann ich die Feste meistens nicht zu Hause feiern. Meistens gehe ich mit Freunden in die Synagoge oder wir veranstalten etwas mit unserer lokalen jüdischen Studierendenunion. Aber ich bin nicht orthodox – vielleicht etwas traditionell, aber sonst eher liberal.

Gibt es da Feste, die dir besonders wichtig sind?

Schwierige Auswahl, da gibt es viele! Also prinzipiell mag ich den Schabbat sehr gerne, einfach weil er sowas festes und beständiges hat – quasi eine Konstante in meiner Woche, um einfach mal Pause zu machen. Das ist der Tag an dem ich keine Arbeit erledige, auf den ich extra keine Termine lege, also wirklich der Tag wo ich mir Zeit nehme für mich. Ich lasse mein Handy zwar an, aber sonst will ich da einfach keinen Stress haben. An dem Tag reflektiere ich die Woche und denke darüber nach, wo ich so gerade stehe.

Was die „großen“ Feiertage angeht muss ich drei nennen. Ich kanns leider nicht reduzieren! Purim, Pessach und Schawuot habe ich am liebsten. Purim, weil das ein sehr feministischer Feiertag ist. Es geht dort um eine weibliche Heldin, die am Ende, durch ihren Mut, das ganze jüdische Volk rettet. Das finde ich ziemlich cool! Dann Pessach, weil es einfach das Fest der Freiheit ist, welches mit sehr viel Schmerz einerseits, aber andererseits mit sehr viel Freude verbunden ist. Diese Ambivalenz von Schmerz und Freude ist etwas sehr Gängiges, was man im Judentum sehr oft findet. Und Schawuot ist das Fest, an dem wir die Torah bekommen haben – so eine Art jüdisches Erntedankfest. Mit Schawuot beginnt sozusagen der Sommer, und man isst Eis und hat einfach eine schöne Stimmung.

Jüdische Studierende sind in Tübingen ja leider eher selten. Wie reagieren Menschen, wenn sie von deinem Hintergrund erfahren? Hast du da schonmal besonders positive oder negative Erfahrungen gemacht?

Für die meisten Menschen, die ich in Tübingen treffe, bin ich die erste Jüdin, der sie begegnen. Neunzig Prozent der Studierenden haben noch nie eine Jüdin gesehen, weil die meisten einfach aus den Dörfern rundherum kommen und es in Tübingen keine jüdische Gemeinde gibt.

Wenn ich erzähle, dass ich jüdisch bin, sind die Reaktionen ziemlich ambivalent.

Am meisten werde ich in Tübingen mit Verschwörungstheorien konfrontiert. Ganz oft kommen Sachen wie „Oh, du bist jüdisch? Dann kannst du mir doch jetzt was ausgeben, ihr seid doch alle reich.“ oder „Kennst du Merkel, denn ihr habt doch Kontakte bis ganz nach oben?“. Aber auch Dinge wie „Stimmt es eigentlich, dass Adolf Hitler Jude war?“ – also, das sind echte Dinge, die ich wirklich höre, auch wenn es total absurd klingt.

Also wirst du in Tübingen manchmal mit Antisemitismus konfrontiert?

Ich erlebe keinen offenen Antisemitismus in Tübingen. Zumindest wurde ich noch nie mit welchem konfrontiert. Ich spüre aber latenten Antisemitismus und Antisemitismus, der daherkommt, dass Leute nicht mal merken, dass es Antisemitismus ist. Ich habe auch Bekannte und Freunde, die regelmäßig offenen und gewaltvollen Antisemitismus in Tübingen erleben. Das ist einfach mein Glück, dass das mir so bis jetzt noch nicht passiert ist.

Begegnet dir auch manchmal eine gewisse Neugier?

Es gibt Leute, die denken, dass ich ihr Lexikon zum Judentum bin, dem sie alle Fragen stellen müssen. Und als ich noch jünger und unerfahrener war, da dachte ich auch selber, dass das jetzt meine Aufgabe und meine Verantwortung ist, den Leuten etwas übers Judentum beizubringen. Heute bin ich komplett und radikal anderer Meinung. Es ist einfach emotionale Arbeit, die mich natürlich mitnimmt und die mich sehr, sehr viel Kraft kostet. Ich bin keine Expertin, ich bin keine Judaistin und habe keinen Abschluss in Nahost-Studien. „Was hältst du von Israel und dem Nahostkonflikt“ und so – ich muss diese Fragen nicht beantworten. Es gibt so viele Bücher dazu, so viele Experten, es gibt so viel Material im Internet und in der Bib, das man aufrufen kann. Ich bin nicht jemand, der sagt, dass man sich hinsetzen und zwanzig Bücher übers Judentum lesen muss. Aber wenn es einen nicht genug interessiert um selber Informationen dazu zu suchen, dann ist es deren Problem.

Hanna Veiler
Hanna Veiler

Also wissen viele Menschen nicht wirklich über das Judentum Bescheid?

Erst wenn etwas passiert, dann interessieren sich alle für uns. Nach dem Terroranschlag in Halle wollte plötzlich jeder mit mir reden, da hatte ich hundert Presseanfragen. Auf einmal hat es jeden interessiert, wie es jüdischen Menschen in Deutschland eigentlich geht. Das stört mich halt. Und das ist meiner Meinung nach auch sehr sinnbildlich für die deutsche Gesellschaft insgesamt, weil genau das gerade mit People of Color und mit Schwarzen Menschen in Deutschland passiert. Vor den Protesten hat sehr selten jemand gefragt „Wie geht’s euch eigentlich?“.

Das Bild vom Judentum, das wir in Deutschland haben, muss umgedeutet werden. Denn im Moment haben wir ein Bild vom Judentum, das Juden immer nur in der Opferrolle darstellt.

Wenn man sich anguckt, wann es im Unterricht ums Judentum geht, dann ist es der Holocaust – that’s it. Menschen in Deutschland kennen Juden eigentlich nur in der Opferrolle. Sie kennen nur tote Juden.

Was würdest du dir für die Zukunft in Deutschland wünschen?

Vor der Schoah [Anm.: jüdischer Begriff für den Holocaust] war jüdisches Leben sichtbar und es war ganz normal, deutsch und jüdisch zu sein. Und für mich ist das das Ziel. Oft passiert es mir, dass Leute, denen ich sage, dass ich Jüdin bin, erstaunt reagieren: „Was euch gibt’s noch? Ich dachte ihr wurdet alle ausgelöscht“. Solche Sachen.

Ich will einfach, dass die Generation nach mir dieses Gefühl von Fremdsein nicht mehr erlebt. Sondern dass es ganz normal wird, jüdisch und deutsch zu sein.

Eine deutsche Jüdin, eine jüdische Deutsche – was auch immer – zu sein und einfach diese Sichtbarkeit von jüdischem Leben steigern. Es gibt ein lebendiges jüdisches Leben und Studierendenunionen überall in Deutschland, wie die große JSUD [Anm.: Jüdische Studierendenunion Deutschlands], aber genauso lokale Studierendenunionen, die sich genauso fast jeden Freitag zum Schabbat treffen. Es gibt jüdische Festivals und jüdische KünstlerInnen und so weiter. Das ist ganz vielen Menschen nicht bewusst, und das muss sichtbarer werden. Dieses positive Bild vom Judentum muss unterstützt werden und viel stärker werden. Viele jüdische Menschen haben auch einfach keinen Bock mehr, immer nur über Antisemitismus, über Nahostkonflikt und über Holocaust zu sprechen, weil sie viel mehr sind als das.

Gibt’s denn in Tübingen einen lokalen Verein für jüdische Studierende?

Nein. Also wir, die Jüdische Studierendenunion Württemberg, sind quasi der lokale Verein in Tübingen. Ich habe vor einer Weile versucht, eine jüdische Hochschulgruppe zu gründen, was aber super schwierig ist. In Tübingen kannst du ja quasi keine Hochschulgruppen mehr gründen, seit 2018 oder so. Du brauchst einen Dozenten, der eine Schirmherrschaft übernimmt und das ist sehr viel Papierkram. Und dafür, dass ich gerade mal drei jüdische Leute in Tübingen kenne, war es einfach viel zu viel Aufwand, den ich auch zeitlich nicht erbringen kann. Dementsprechend sind wir also die jüdische Instanz in Tübingen. Da es uns aber nur ein Jahr bislang gibt, und die meisten von uns in Stuttgart angesiedelt sind, sind alle unsere Veranstaltungen sehr auf Stuttgart fokussiert. Das ist also der nächste Schritt, zu sagen, dass wir jetzt auch Veranstaltungen nicht nur in Stuttgart machen. Aber dazu müssen wir noch wachsen. Wir haben bislang noch nicht so viele Leute erreicht, wie wir es gerne hätten.

Hanna, wir danken dir für das Gespräch!

Fotos: JSUW, Hanna Veiler

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