Frauenfeindlichkeit und Antifeminismus im Netz

„Frauenfeindliche Gruppierungen im Netz – Incels, Maskulinisten und Tradwives“ – Rund um dieses Thema luden die Mitglieder der Hochschulgruppe Feminismen* im Rahmen der Tübinger Menschenrechtswoche am Montag, dem 25.05.2020, zur Diskussion ein. Wie viele andere Interessierte verfolgte auch unsere Redakteurin, die auf Facebook livegeschaltete Zoom-Konferenz.

Welche Möglichkeiten die öffentliche Debatte (auch online) eröffnen kann, wenn sie anerkennt, dass Hetze, Hass und Feindbilder destruktiv für den Diskurs sind, zeichnete sich am Montagabend durch die Art des Diskutierens der Feminismen*-Mitglieder ab. Bei der Veranstaltung zum Thema „Frauenfeindliche Gruppierungen im Netz – Incels, Maskulinisten und Tradwives“ wurde einander zugehört, aufeinander eingegangen und das alles mit Respekt. Darüber hinaus verwies die Diskussion auf eins: Erfolgreiche, umfassende Lösungsstrategien können vor allem dann entwickelt werden, wenn man die tief hinter den menschenfeindlichen Ideologien liegenden realen Probleme aufdeckt und über sie aufklärt. So lassen sich menschenfeindliche Argumente und Argumentationsstrategien letztendlich als falsch erweisen. Es diskutierten die Gruppenmitglieder Furkan, Niuscha, Magda, Miriam und Klara.

Maskulinisten und das toxische Männerbild

Ein „reales“ Problem sei das toxische Männlichkeitsbild, das auch vom Feminismus aufgegriffen und problematisiert werde. Einige sogenannten Maskulinisten würden jedoch genau auf diesem Männlichkeitsbild ideologische „Lösungsstrategien“ entwickeln. Die Hauptkritik an Maskulinisten müsse deshalb in der von ihnen vorgeschlagenen Strategie liegen. Während intersektionaler Feminismus davon ausgeht, man müsse sich von bestehenden Rollenvorstellung abwenden, würden Maskulinisten den Feminismus beschuldigen, Männer zu unterdrücken und ihnen ihre naturgegebene Dominanz zu nehmen. Die Problemlösung wird dann in der Rückkehr zur „alten“, patriarchalen Rollenverteilung gesehen. Männer seien in den Augen der Maskulinisten „Opfer einer Gesellschaft, die angeblich feministisch geprägt wäre“, erklärt Furkan. Sie würden dabei ein Reverse-Sexism-Argument nutzen, um sich für ein Gesellschaftssystem einzusetzen, das Frauen unterdrückt. Die eigenen Probleme würden dabei hochgehalten, oft auch, um Probleme von Frauen zu relativieren. Feminismus werde häufig fälschlicherweise als „gegen den Mann“ verstanden, woraus sich dann Feindbilder entwickeln würden, die die Debatte polarisieren. „Das System, in dem wir gerade leben, verletzt uns alle“, beschreibt Niuscha, und Magda führt aus:

„In den meisten Fällen heißt Feminismus, dass man für alle kämpft, für alle Geschlechter – dass alle dieselben Rechte haben.“

Dehumanisierung durch Incels

„Die Problematisierung muss da anfangen, wo Dehumanisierung von Frauen einsetzt, da, wo gesagt wird ‘Ich betrachte Frauen nicht als ernsthafte Diskussionspartner, weil sie für mich keine ebenbürtigen Menschen mehr sind‘“, argumentiert Niuscha. Eine solche Dehumanisierung sei vor allem bei der hauptsächlich im Internet geformten Gruppierung der Incels („involuntary celibates“) vorhanden, die Frauen auch als „Femoids“, also als weibliche, menschenähnliche Wesen, bezeichnen würden.

Die Gruppierung gehe von der Vorstellung aus, dass jeder Mensch auf einer Attraktivitäts-Skala von 1-10 objektiv beurteilt werden könne und dass jeder Mann Anspruch auf Sex mit einem entsprechenden Sexualpartner habe.

Weil Frauen aber von Natur aus oberflächlich, eitel und geldgierig seien, würden sie sich nur für die oberen 20% der attraktiven Männer interessieren, was durch den Feminismus verstärkt werde. Die übrigen Männer seien als Folge dessen zum Incel-Sein verdammt. Auf wen das zutreffe, lasse sich einigen Anhängern der Ideologie zufolge bereits an der Knochenstruktur des Schädels erkennen. „Es geht immer darum, dass ein Mann in dieser Situation ist und daran sind die Frauen schuld“, erklärt Miriam. Der Selbsthass der Incels, der im Internet von anderen Anhängern der Gruppierung aufgegriffen werde, würde so auf Frauen übertragen, was eine Diskussion unmöglich mache. Für eine Lösungsstrategie bedeute dies aber, dass offenbar auch bei Männern eine sexuelle Befreiung nötig sei.

Die „Männlichkeit“ der internationalen Rechten

Unter vielen rechten Gruppierungen sei für alles außerhalb eines binären Geschlechtersystems kein Platz. Beim Antifeminismus der internationalen Rechten sei Rassismus Teil der dehumanisierenden Strategie. Alles „nicht-deutsche“ bedrohe den Rechten zufolge „die Stärke der Nation“, die sich an ihrer Menge an Männern messen lasse.

Konservative Familienbilder, Nationalismus und Rassismus mündeten so in der Behauptung, der Feminismus sei deshalb an einer „Schwächung der Nation“ Schuld.

Einerseits, weil er zu einer sinkenden Geburtenrate führe und andererseits, weil die sexuelle Freiheit der Frau dazu führe, dass diese auch mit ausländischen Männern Sex haben dürfe. Die weiße Frau gelte als Besitz des weißen Mannes, dessen Schutzes sie bedürftig sei, auch vor Vergewaltigungen durch „Nicht-Deutsche“.  Es gehe dabei nicht darum, Frauen zu schützen, sondern den „Besitz“ und die „Reinheit der Rasse“ zu sichern. Frauen würden hier häufig instrumentalisiert oder ließen sich bewusst instrumentalisieren, um die Gruppen als „Freunde der Frauen“ darzustellen. Hinter der Bewegung und Videos der sogenannten Tradwives, sei beispielsweise „die versteckte politische Botschaft oft gefährlicher, als man auf den ersten Blick wahrhaben möchte“, so Furkan.

Frauenfeindlichkeit im Netz

Maskulinisten stellten zwar nur einen geringen Prozentsatz der Gesellschaft dar, die Gefahr, die durch sie entstehe, sei allerdings nicht zu unterschätzen. Sie organisieren sich vor allem im Internet und würden sich dort „auf Feministen und andere Gruppen fixieren und dann z.B. in Kommentarspalten sehr viel Hass verbreiten, beleidigen, bedrohen – was zu echter Gewalt ausarten kann“, erklärt Miriam.

Im Internet nähmen die Maskulinsten so oft Einfluss auf die Art und Weise, wie wir miteinander sprechen.

Auch die digitale Diskussion selbst sei davon betroffen: „Das Problem ist momentan vor allem, dass der Diskussionston im Internet oft nicht so ist, dass man sich besonders sicher fühlt, auf einer ernsten Ebene zu diskutieren“, meint Niuscha. Es könne keine wirkliche Kommunikation stattfinden, bei der man gemeinsame Probleme erkennen könne. Auch während der Veranstaltung kam es zu solch einer Situation: Ein Kommentierender bewertete die Dikutierenden sexistisch und verdrehte den Sinn ihrer Aussagen. „Das gibt mir Bestätigung, dass wir hier das Richtige tun“, konterte Miriam – vor allem, weil Antifeminismus und Frauenfeindlichkeit sich bis auf die Ebene einer Tübinger Hochschulgruppe vordrängen.

Der Vorfall beweist: Die Corona-Krise darf und kann den Kampf gegen Sexismus, Rassismus, Heteronormativität und Hetze nicht aufhalten. Debatten wie die der HSG Feminismen*, die auf Argumenten und Fakten statt auf Feindbildern und Menschenhass beruhen, geben Anlass zur Hoffnung und tragen  zur Lösung realer Probleme bei. Wenn man respektvoll miteinander umgeht, kann man viel voneinander lernen und wichtige Aufklärungsarbeit leisten – und das geht auch im Internet.

Der Vortrag der Feminismen*-HSG kann auch nachträglich hier angeschaut werden.

Foto: Kristina Remmert

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.