Beethoven als musikalisches Puzzle

2020 scheint kein Jahr der Kultur zu sein. Dabei war es doch ganz anders geplant: Schließlich wird Ludwig van Beethoven 250 Jahre alt. Doch was wären Kunst und Musik ohne Kreativität und unkonventionelle Ideen? Natürlich lassen sie sich nicht unterkriegen.  Doch wie verschafft sich die Musik trotz Corona Gehör? Der Akademische Chor und das Akademische Orchester der Uni Tübingen zeigen, wie Proben trotz Kontaktsperre möglich sind und wie sie sogar ungeahnte Möglichkeiten bieten können.

Das Musikwissenschaftliche Institut unserer Uni bietet vielfältige Entfaltungsmöglichkeiten für musikalische und musikbegeisterte Studierende an. Sowohl der Akademische Chor als auch der Kammerchor „Camerata Vocalis“ und das Akademische Orchester. Alle drei unter der engagierten Leitung von Unimusikdirektor (UMD) Philipp Amelung, zählen zu Tübingens renommiertesten musikalischen Botschaftern im In- und Ausland. Wie meistern sie also die einschränkende Situation?

Besonders beim Singen entsteht eine erhöhte Ansteckungsgefahr durch Tröpfcheninfektion, vor allem durch sehr kleine Tröpfchen, sogenannte Aerosole. Obwohl bereits Studien zu Mindestabstand und Maßnahmen beim gemeinsamen Musizieren bekannt sind, ist die nächste Präsenzprobe des Akademischen Chors noch nicht absehbar. Bei den Orchesterproben sieht die Lage schon hoffnungsvoller aus. Wenn in diesem Semester noch eine musikalische Probe stattfinden wird, wird es wohl eine Orchesterprobe sein, denn der Aerosol-Ausstoß ist sogar bei Blasinstrumenten deutlich geringer als beim Singen. So entsteht zumindest die Möglichkeit, Orchesterproben in verkleinertem Umfang, also in Form von Kammermusik oder in kleineren Besetzungen, vorsichtig ins Auge zu fassen. In der Zwischenzeit freut sich natürlich auch das Notenarchiv auf eine Durchsicht und neue Sortierung, was im laufenden Semesterbetrieb sonst verständlicherweise zu kurz kommt.

Geplant und verschoben

Anlässlich des Beethoven-Jahres sollte im Juli seine 9. Sinfonie vom Akademischem Orchester und dem Akademischem Chor aufgeführt werden. Das Konzert samt Proben wurde nun um ein Jahr auf das nächste Sommersemester verschoben. Alle schon engagierten Solisten wurden übernommen und samt Ausfallhonorar unter festen Vertrag gestellt. Finanziell macht sich UMD Philipp Amelung keine größeren Sorgen: es hätte zwar bereits Ausgaben für die Solisten gegeben und die Zuschussmöglichkeiten des Bundes seien noch nicht abschließend geklärt. Jedoch fielen ohne Konzerte natürlich auch weitere größere Ausgaben weg. Ein Budget für die Konzerte wird ihm jährlich von der Uni bereitgestellt.

Zudem war in diesem Sommersemester eine Auslandsreise des Kammerchors nach Griechenland geplant. Traditionell repräsentiert die „Camerata Vocalis“ die Universität Tübingen im Ausland. So wurden in den vergangenen Jahren bereits Konzerte in Brasilien, Israel oder Schweden gesungen. Die Reise nach Griechenland ist zwar bisher noch nicht abgesagt worden. Die Hoffnung auf Durchführung scheint jedoch momentan nicht allzu groß.

Aus vier mach neun

Unterricht und Diskussionen über Zoom und ähnliche Online-Anbieter sorgen bereits in unserem normalen Uni-Alltag für einige Komplikationen. Beispielsweise ist es kaum möglich, dass zwei Personen gleichzeitig reden oder zu hören sind. Kann in dieser Form eine Chor- oder Orchesterprobe also überhaupt stattfinden? Tatsächlich befindet sich für das Sommersemester ein digitales Projekt in Planung. So sollen drei Chorstücke einstudiert werden.

„Das ist gewöhnungsbedürftig, da es nicht möglich ist, die anderen Chormitglieder zu hören. Trotzdem können wir so die Töne einstudieren und uns bezüglich Dynamik und Konsonanten-Absprachen einigen.“, erklärt Rosina Bonsch, wissenschaftliche Hilfskraft des Akademischen Chors.

Das Element des gemeinsamen musikalischen Erlebnisses kann dadurch leider nicht in den Proben stattfinden, doch das Ergebnis ist umso überraschender. Jede/r Sänger*in nimmt nach Einübung ihrer/seiner Stimme zu einer Begleitaufnahme Gesang auf. Später soll dies digital zu einem Chorklang zusammengesetzt werden. Obwohl dieselbe Atmosphäre und Qualität eines Live-Konzertes im Konzertsaal auf diese Weise nicht erreicht werden kann, sieht UMD Philipp Amelung auch Chancen in diesem Projekt:

 „Technisch kann dem Qualitätsverlust vermutlich gut entgegengewirkt werden. So könnten beispielsweise wichtige Stimmen gestärkt oder gedoppelt werden. Außerdem ist das neunstimmige Stück „When shall we three meet again“ von Stefan Kalmer geplant, bei dem einige SängerInnen mehrere Stimmen gleichzeitig einsingen könnten, was normalerweise natürlich nicht möglich wäre.“

Auf dem digitalen Konzertplan stehen dadurch eine Reihe interessanter Werke. Nicht zuletzt mit der „Hymne an die Nacht”, nach einer Melodie von Beethoven, die später von Friedrich Silcher mit einem Text von Friedrich von Matthisson unterlegt und von Ignaz Heim für vierstimmigen Männerchor gesetzt wurde. Erkennbar ist zudem, wie wichtig die Pflege von Silchers Liedgut für das Collegium Musicum ist. So steht auch sein Chorsatz “In der Ferne” auf dem Programm. Für das Akademische Orchester liegt die Hoffnung eher auf einem zeitnahen Einstieg in den verkleinerten präsenten Probenbetrieb.

Verstärkung erwünscht

Viele Studierende schrecken sicher der hohe Standard, das Repertoire und das Vorsingen oder Vorspielen davon ab, Kontakt zum Akademischen Chor oder Orchester zu suchen. Dennoch hat es in den vergangenen Semestern einen recht großen Zulauf an neuen Mitgliedern gegeben und UMD Philipp Amelung ist auch für die Zeit nach Corona zuversichtlich. Obwohl es im Orchester eine Obergrenze in der Besetzung gibt und das Orchester für einige Konzerte bereits mit Platzproblemen zu kämpfen hatte, leben Chor und Orchester von semesterweise wechselnden Musikbegeisterten. So freuen sich viele Stimmen über weitere Unterstützung. Wie in den meisten Orchestern, fallen hier vor allem die Kontrabässe und Bratschen ins Gewicht. Im Chor sind besonders Tenöre und Bässe gefragt.

Die Aufnahme in Chor, Kammerchor oder Orchester erfolgt immer zu Beginn eines Semesters. Aktuelle Infos zu Probenterminen, -plänen und Kontaktaufnahme finden sich auf der Website des Collegium Musicum. Etwas Chor- oder Orchestererfahrung wird vorausgesetzt sowie die motivierte Teilnahme an wöchentlichen Proben (dienstags ab 20 Uhr) und jeweils einem Proben- und Konzertwochenende sind erwünscht. Einen Versuch wäre es also auf jeden Fall wert. Motivation genug sind schließlich die mitreißenden und qualitativ hochwertigen Konzerte zum Semesterende sowie spaßige Proben mit über 50 Kommilitonen aus verschiedensten Studiengängen.

So lässt sich zum Schluss dem Akademischen Chor und Akademischen Orchester viel Erfolg beim digitalen Probenprojekt wünschen und gespannt auf dessen Ergebnis warten!

Titelbild: Rosina Bonsch

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