Männer und Männlichkeit in Kriegen

Ein Vortrag zu Geschlechterrollen in der Friedens- und Konfliktforschung

Während kriegerischen Konflikten wird Männlichkeit eng mit Gewalt verknüpft. Diese Verknüpfung kann nach dem Krieg bestehen bleiben und zu großen Problemen führen. Sie entsteht, um Männer zum Kämpfen zu motivieren. Bei einem Vortrag der HSG für Außen- und Sicherheitspolitik berichtete der Politikwissenschaftler Hendrik Quest von seinen Forschungen in Liberia.

Militär wird in unserer Gesellschaft nach wie vor mit Männlichkeit in Verbindung gebracht. So war es bis 2001 für Frauen in der Bundeswehr nicht möglich, eine militärische Laufbahn einzuschlagen. Die Änderung stieß auf Kritik, und selbst heute – über zwanzig Jahre später – handelt es sich bei der überwiegenden Mehrheit der Soldat*innen in der Bundeswehr um Männer.

Damals wie heute wird das oft damit begründet, dass Männer allein schon aus biologischen Gründen bessere Soldaten abgeben würden. So sind Männer tendenziell größer und stärker als Frauen und daher, so die Annahme, auch eher in der Lage, den extremen Belastungen bewaffneter Konflikte standzuhalten.

Und dennoch wissen wir aus den Registern europäischer Armeen des 19. Jahrhunderts, dass der durchschnittliche männliche Rekrut dieser Zeit derart mangel- und unterernährt war, dass er in Sachen Körpergröße und -kraft den meisten heutigen Frauen eher unter- denn überlegen gewesen sein dürfte (Quelle), was wiederum die europäischen Nationalstaaten nicht davon abhielt, Kriege gegeneinander zu führen.

In der Geschichte lassen sich zahlreiche Beispiele dafür finden, wie ausschließlich männliche Streitkräfte von Armeen aus Männern und Frauen besiegt wurden. Sei es im zweiten Weltkrieg, wo sich auf Seiten der Sowjetunion bis zu sechs Millionen Frauen der Roten Armee anschlossen (Quelle) oder im Fall der israelischen Streitkräfte, denen sowohl Frauen als auch Männer angehören und die zu den fähigsten der Welt gezählt werden.

Geschlechterrollen und ihr Einfluss auf das Verhalten der Geschlechter

Wenn es also keine zwingenden natürlichen Gründe dafür gibt, dass das Militär eine Männerdomäne sein muss, wieso ist das dann damals wie heute in den allermeisten Gesellschaften der Fall? Um solche Fragen beantworten zu können, kommt in den Sozialwissenschaften das Konzept Gender in Spiel.

Unter Gender versteht man die sozialen Rollen, die Männer und Frauen abhängig von ihrem biologischen Geschlecht in einer Gesellschaft zugewiesen werden. Eine zentrale Feststellung der Forschung ist, dass sich männliche und weibliche Geschlechterrollen kaum bis gar nicht durch die biologischen Eigenschaften der Geschlechter erklären lassen, weshalb sie sich auch – im Gegensatz zu den biologischen Eigenschaften von Männern und Frauen – im Laufe der Zeit wandeln.

So galt das Reiten bis ins 19. Jahrhundert hinein als eine Männerdomäne. Das änderte sich jedoch sehr schnell, als in Folge der technischen Entwicklung des 20. Jahrhunderts Pferde sowohl ihre militärische – als Teil der Reiterei – sowie ihre alltägliche Bedeutung als Fortbewegungsmittel verloren. Seitdem gilt ein hohes Interesse an Pferden als eher typisch für Frauen.

Gewaltzentrierte Männlichkeit – Wenn Gewalt von einer Notwendigkeit zur Selbstverständlichkeit wird

Hendrik Quest, Mitarbeit am Lehrstuhl für Internationale Beziehungen und Friedens- und Konfliktforschung am Institut für Politikwissenschaft der Uni Tübingen, beschäftigt sich schon lange mit der Frage, wie sich das Bild von Männlichkeit in einer Gesellschaft wandelt, wenn es zu bewaffneten Konflikten kommt und welche Folgen das wiederum für eine Gesellschaft hat.

In seinem Vortrag am letzten Donnerstag (14.7) „Gewaltzentrierte Männlichkeit in und nach bewaffneten Konflikten“, zu dem er von der Hochschulgruppe für Außen- und Sicherheitspolitik eingeladen wurde, gab er eine Reihe von Einblicken in seine Forschungsergebnisse.

„Was wir in der Friedens- und Konfliktforschung beobachten ist, dass in bewaffneten Konflikten Männlichkeiten in vielen Fälle auf irgendeine Weise um Gewalt herum zentrieren und dadurch in irgendeiner Form zu einem Problem werden, sowohl für den Frieden als auch für die Gesellschaft.“

Hendrik Quest – 14.7.2022

Auf den ersten Blick könnte das Thema auf einen Außenstehenden sehr abstrakt wirken. Auf Nachfrage, welche Bedeutung Geschlechterrollen für bewaffnete Konflikte grundsätzlich haben, plädiert Quest jedoch dafür, dass man diese nicht unterschätzen sollte. Beispielsweise sind sie wichtig, um Soldaten die Motivation zum Kämpfen zu geben. So verweist Quest auf Untersuchungen zum amerikanischen Bürgerkrieg. Das Verhältnis der übermittelten Anzahl an abgefeuerten Schüssen und der Anzahl der Toten aus diesem Krieg, legt nahe, dass Soldaten auf dem Schlachtfeld deutlich seltener in der Lage waren, ihr Ziel zu treffen, als auf dem Schießstand (Quelle). Es wird angenommen, dass es den meisten Menschen auch unter Extrembedingungen sehr schwer fällt zu töten und Soldaten, ob bewusst oder unbewusst, häufiger danebenschießen, wenn ein anderer Mensch das Ziel ist.

Damit ein Mensch in einer Kriegssituation dazu gebracht werden kann, jemanden zu erschießen, braucht es sehr starke Anreize, so argumentiert Quest, und über die Gestaltung von Geschlechterrollen kann eine Gesellschaft genau solche Anreize schaffen.

In Liberia wurde zwischen 1989 und 2003 ein Bürgerkrieg zwischen verschiedenen Milizen, die sich lose entlang ethnischer Gruppen formierten, ausgetragen.

Denn: Die meisten von uns identifizieren sich entweder als Mann oder als Frau, eine Identifikation, die meist eine hohe persönliche Bedeutung hat. Das Geschlecht spielt nicht nur für die private Identität eine große Rolle, sondern vor allem für die öffentliche: Es ist uns wichtig, von anderen Menschen als Mann oder Frau wahrgenommen zu werden.

Dementsprechend ist man als Mann auch eher geneigt, Verhalten an den Tag zu legen, das in der jeweiligen Gesellschaft von anderen als männlich angesehen wird und solches zu unterlassen, das als unmännlich betrachtet wird. Veränderungen der gesellschaftlichen Geschlechternormen können dementsprechend auch Verhaltensänderungen bei Männern und Frauen hervorrufen. Dies wiederum könne man gerade in bewaffneten Konflikten gut beobachten, so Quest: „Was wir in der Friedens- und Konfliktforschung beobachten, ist, dass in bewaffneten Konflikten Männlichkeiten in vielen Fällen auf irgendeine Weise um Gewalt herum zentrieren und dadurch in irgendeiner Form zu einem Problem werden, sowohl für den Frieden als auch für die Gesellschaft.“

So wurde Gewalt in Folge des liberianischen Bürgerkriegs von 1989 bis 2003 zu einem selbstverständlichen Bestandteil von Männlichkeit. Es entstand etwas, was er und andere Forscher als „gewaltzentrierte Männlichkeit“ bezeichnen. Dabei wird Gewalt zunehmend nicht mehr nur als eine Notwendigkeit im Kontext des Krieges hingenommen, sondern zu einem selbstverständlichen Teil von Männlichkeit, zu etwas, was ein typischer Mann einfach tut, ganz unabhängig davon, ob gerade Krieg herrscht oder Frieden. Das wiederum, so das Argument von Quest, wird allerspätestens dann zum Problem, wenn aktive oder ehemalige Soldaten nach Ende des Konfliktes Gewalt weiterhin als einen Ausdruck ihrer Männlichkeit betrachten und entsprechend weiterhin anwenden.

Nach Ende des Bürgerkrieges wurden die Streitkräfte Liberias neu aufgestellt und ausgebildet. Besonders hohen Wert wurde darauf gelegt, Soldaten, die während des Bürgerkrieges Kriegsverbrechen begangen hatten, aus den Streitkräften zu entfernen.

Damit Formen gewaltzentrierter Männlichkeit zurückgedrängt werden können, braucht es institutionelle Reformen, gerade bei den Sicherheitskräften. Im Fall von Liberia lobt Quest konkrete Reformen in der Art und Weise, wie Kriegs- und Gewaltverbrechen innerhalb des Militärs aufgearbeitet werden. So wurde nach Ende des Krieges verfügt, dass bei Untersuchungen von Gewaltverbrechen innerhalb des Militärs mindestens ein Angehöriger der Untersuchungskommission einen höheren Rang haben muss als der Beschuldigte. Nur so kann dabei sichergestellt werden, dass es überhaupt zu einer Aufarbeitung kommt. Hierdurch wiederum signalisiere das liberianische Militär seinen Soldaten, dass willkürliche Gewaltanwendung nicht mehr als eine Selbstverständlichkeit hingenommen und entsprechend bestraft wird.

Männer als Täter, Frauen als Opfer? – Die Realität sieht anders aus

Ein weiterer Aspekt betrifft das Verhältnis zwischen Tätern und Opfern während und nach dem Krieg. Wie Quest hervorhebt, war es keineswegs so, dass während des Bürgerkrieges die Täter nur Männer und die Opfer von Gewalt nur Frauen gewesen seien. Er geht davon aus, dass bei manchen der bewaffneten Gruppen Frauen bis zu 30 Prozent der Kämpfer*innen stellten. Dennoch wurde dieser Umstand von großen Teilen der Gesellschaft während und nach dem Krieg weitestgehend ausgeblendet.

Die Gleichsetzung von Tätern mit Männern und Frauen mit Opfern führt dabei nicht nur dazu, dass Gewalt von Männern gegenüber Frauen normalisiert wird. Frauen, die während des Bürgerkriegs zu Soldatinnen wurden, können zwar davon profitieren, dass die Gesellschaft ihnen diese Vergangenheit nicht zutraut – etwa weil sie so im Gegensatz zu ehemaligen Soldaten nach Ende des Krieges keine Stigmatisierung für diese Vergangenheit erfahren. Es kann ihnen jedoch auch schaden, weil beispielsweise Demobilisierungsprogramme, die sich an ehemalige Soldat*innen richten, einstmalige Soldatinnen nicht als solche anerkennen und ihnen Unterstützung bei der gesellschaftlichen Wiedereingliederung verweigern, so Quest.

Weibliche Gewalt wird oft als Ausnahme von der Regel betrachtet

Quest berichtet von seinen Erfahrungen beim Durchführen von Interviews in Liberia: Wenn ihm dort jemand von der Ausübung von Gewalt durch Frauen berichtet habe, seien die jeweiligen Frauen oftmals als besonders grausam beschrieben worden.

Quest hält dies jedoch für eine Verzerrung der Tatsachen. Bei den Gewalttaten, von denen ihm erzählt wurden, habe es sich lediglich um Verbrechen gehandelt, die im Bürgerkrieg so auch von Männern begangen worden seien. Er erklärt sich die verzerrte Wahrnehmung der Befragten so, dass sich diese den Umstand, dass auch Frauen zu Täterinnen wurden, dadurch zu erklären versuchen, dass die betroffenen Frauen als besonders grausam abgetan werden, auch wenn objektiv gesehen nichts dafür spricht, weil „man damit die weibliche Gewalt als Ausnahme stilisieren kann.“

Neben Reformen auf institutioneller Ebene können jedoch auch Veränderungen im Bereich der Zivilgesellschaft mit dazu beitragen, dass gewaltzentrierte Männlichkeit zurückgedrängt wird. In Liberia hebt Quest die Rolle von Nichtregierungsorganisationen hervor, die sich während und nach dem Krieg für eine stärkere Beteiligung von Frauen einsetzten und einige Erfolge verzeichnen konnten. Ihre Unterstützung ermöglichte 2006 unter anderem, dass Ellen Johnson-Sirleaf als erste Frau zur 24. Präsidentin Liberias gewählt wurde. Die stärkere Beteiligung von Frauen kann helfen, die Zuschreibung von Frauen als  einseitig passiv zu überwinden.

Ellen Johnson-Sirleaf war von 2006 bis 2018 die erste und bislang einzige Präsidentin Liberias. Für ihre Rolle in der Stabilisierung Liberias nach Ende des Bürgerkrieges erhielt sie 2011 den Friedensnobelpreis.

Gewaltzentrierte Weiblichkeit? Warum sie theoretisch möglich ist, jedoch praktisch kaum vorkommt

Gegen Ende des Vortrages wird die Frage diskutiert, warum es während bewaffneten Konflikten ausgerechnet zu einer stärkeren Gewaltzentrierung von Männlichkeit komme und ob auch die Entstehung von gewaltzentrierter Weiblichkeit grundsätzlich denkbar sei. Quest sieht die Männlichkeitsvorstellungen der meisten Gesellschaften als Ursache. In den meisten Gesellschaften, in denen Frauen nach wie vor benachteiligt werden, wird die Bevorzugung von Männern oft damit legitimiert, dass Männern als Beschützer von Frauen dargestellt werden.

Bereits in dem Männlichkeitsbild in friedlichen Gesellschaften ist Gewalt implizit ein Teil von Männlichkeit. Von der „beschützenden“ Männlichkeit im Frieden ist es dann, sobald Krieg ausbricht, nur ein kleiner Schritt zur gewaltzentrierten Männlichkeit. Solange weiterhin die Vorstellung von Männern als Beschützern und von Frauen als Schutzbedürftigen besteht, ist es demnach wahrscheinlicher, dass sich im Falle eines bewaffneten Konfliktes gewaltbejahende Einstellungen vor allem mit Männlichkeit verbinden.

Braucht eine Gesellschaft im Krieg gewaltzentrierte Männlichkeit?

Zuletzt wird aus dem Publikum die Frage gestellt, ob Gewalt als ein Teil von Männlichkeitsvorstellungen unbedingt schlecht sein muss. Schließlich, so argumentiert ein Zuhörer, gibt es ja auch Situationen, in denen man Gewalt nur noch mit Gewalt bekämpfen kann. In solchen Fällen bräuchte man auch eine Bevölkerung, die bereit sei zu kämpfen. Ist also eine gemäßigte Form von gewaltzentrierter Männlichkeit nicht sogar erstrebenswert? Braucht es nicht gerade in solchen Situationen eine “Kriegerkultur”?

Vorneweg stellt Quent klar, dass es sich bei der Frage um eine normative Frage handelt und er daher nur auf Grundlage seiner persönlichen normativen Überzeugungen und nicht als Wissenschaftler antworten kann. „Ich finde, dass wir uns darüber Gedanken machen sollten, dass eine solche warrior culture gesellschaftliche Kosten hat.“ Als größte Gefahr sieht er, dass gewaltlose Lösungen bewaffneter Konflikte allein durch die Existenz einer solchen Kriegerkultur für die Gesellschaft unvorstellbar werden könnten: „Die Kosten sind, dass andere Möglichkeiten, die womöglich Menschenleben schonen, gar nicht mehr denkbar sind. Und das bedeutet am Ende auch, dass man sie nicht durchdenken und zu einer Abwägung kommen kann, ob sie vielleicht die bessere Option sind.“

Der Vortrag zeigt dabei auch: Geschlechterperspektiven werden nicht nur von Wissenschaftler*innen, sondern auch von Politiker*innen in den Internationalen Beziehungen zunehmend ernster genommen. Anhand von Forschungen wie der von Hendrik Quest lässt sich nachvollziehen, dass es dafür handfeste Gründe gibt.

 

Fotos: Pixabay, Wikimedia Commons

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