Wie es Begann und Weiterging – Hinter den Kulissen der Queeren Ausstellung

Zusammen mit der Museumsleiterin Frau Wiebke Ratzeburg, der Kuratorin der Ausstellung Frau Eva-Marie Blattner und Frau Lena Leinich, lichtet Kupferblau die Ideen hinter der Ausstellung “Queer durch Tübingen” in einem Interview und stößt dabei auf das ein oder andere unerwartete Detail.

Besucht habe ich  die Ausstellung “Queer durch Tübingen” schon Anfang Juni. Also war ich nicht erstaunt, als ich den altbekannten Saal mit den vielen bunten Biographien wiedersah. Neu für mich waren jedoch die drei Damen, die das ganzen Projekt in die Wege geleitet haben. Freundlich begrüßten sie mich, als wir uns an den Tisch setzten und uns dem Thema widmeten:  Wie kam es eigentlich zu dieser Ausstellung und wie waren die Reaktionen?

Von links nach rechts Frau Blatter, Frau Ratzeburg, Frau Leinich

Das Interview

Frau Ratzeburg: “Also Frau Blattner ist die Projektleiterin gewesen. Ich als Museumsleiterin bin im Gespräch und im Austausch und versuche  zu beraten oder zu steuern.”

Frau Leinich: “Ich bin als Praktikantin dazugestoßen. Das war wirklich glückliche Fügung. Ich hatte ein Jahr davor über queere Frauen in der Vormoderne geschrieben und habe Frau Blattner angeschrieben wegen eines Praktikums, und war dann gleich mit dabei.”

Wie alles begann…

Kupferblau: “2017 hat es bereits einen Rundgang gegeben, der sehr viel Resonanz bekam. Ist die Ausstellung aus diesem Grund entstanden?”

Frau Ratzeburg: „Die Initiative für dieses Projekt ging von Herrn Rauch, dem Leiter des Stadtarchivs, aus. Herr Rauch meinte, dass er, wenn er das Stichwort Queer in sein Findbuch eingibt, nichts kommt. Das heißt, wir haben keine Queere Geschichte in Tübingen dokumentiert. Dann meinte er, nein, das stimmt nicht, man muss das Archiv anders lesen. Er hat dann mit einem Historiker zusammen angefangen stichprobenartig im Archiv zu suchen und hat natürlich queere Geschichten gefunden und machte dann die erste Führung zu schwulen Geschichte von Tübingen. Da kamen unheimlich viele Leute und brachten ihre Geschichten, brachten ihre Objekte. Daraufhin ist er auf uns zugegangen. Und wir vom Stadtmuseum haben dann auch gesagt, das ist ein wichtiges Thema, ja da machen wir mit!

Kupferblau: “Das heißt, es hat 2017 begonnen. Und wie lange hat es tatsächlich gedauert, bis das Ganze hier auf die Beine gestellt wurde?”

Frau Blattner: “Wir sind 2022 dazu gekommen, vorher nicht, (…) und wir haben versucht, so ein bisschen korrektiv zu sein, dass wir auch eine Regenbogenfamilie da haben oder einen jungen Transmann, damit wir daraus eine runde Sache machen und man das Thema auch bis heute eben aktualisiert.”

Die Schöpferidee der Exponate

Kupferblau: “Frau Blattner, Sie haben einen großen Teil der Ausstellung gestaltet. Welche Grundidee hatten Sie  für dieses Konzept? Wenn die Leute herkommen und das Ganze sich angesehen haben, was sollte idealerweise hängen geblieben sein?”

Frau Blattner: “Also, mich hat jede Biografie unglaublich berührt. Und ich finde, jede Biografie war etwas ganz Kostbares. Und das sollte auch in der Ausstellung rüberkommen. Deswegen haben [wir] uns entschieden jeder Biografie eine Stelle zu geben. Das war die Hauptintention, dass man mal auf Augenhöhe mit den Personen, die hier ausgestellt werden, steht. Dass man, wenn man reinkommt, zuerst ein Foto auf der einen Seite hat, aber dann neugierig wird und guckt was hinter der Stelle steht. Das ist auch so gelungen.”

Frau Leinich: “Auch das Rausnehmen der Voreingenommenheit, die die Menschen oft haben. Man kommt mit einer Vorstellung rein, was ein schwuler Mann ist, was eine lesbische Frau ist, was eine Transperson ist. Und natürlich, wenn man jetzt auch die Stelle von Maren Kroymann zuläuft, dann erkennt man, das ist Maren Kroymann und sie ist lesbisch, aber bei den eher unbekannten Personen wollten wir erst mal, dass die Leute darauf zulaufen und gar nicht erst wissen, um wen es sich eigentlich handelt. Was ist das Prädikat dieser Person, warum ist sie in dieser Ausstellung und, dass man dies erst auf der Rückseite erfährt, dass es erstmal unklar ist, so wie auch im echten Leben.”

Die Reaktionen der Tübinger

Kupferblau: “Wie haben die Tübinger auf diese Ausstellung reagiert?”

Frau Ratzeburg: “Also sehr offen, obwohl wir uns wirklich auch am Anfang gefragt haben, wie offen nimmt die Tübinger Stadtgesellschaft dieses Thema auf? Und wir haben wirklich das Gefühl, es ist sehr offen. Die queere Community,  das ist natürlich eine Zielgruppe, die das total wertschätzt und, die sich auch extrem sichtbar gemacht und wertgeschätzt fühlt, weil wir das als städtische Institution machen. Das war mir überhaupt nicht so klar. Es ist echt erstaunlich, wie wir da tatsächlich als städtische Institution quasi eine Meinungsschranke darstellen.”

Kupferblau: “War denn am Anfang diese Sorge da, machen wir das jetzt wirklich, weil auch eine Resonanz zurückkommen könnte, die nicht so positiv ausgefallen könnte?”

Frau Ratzeburg: “Ja, auf jeden Fall, es war ein gewisses Risiko. Gerade vielleicht, dass Leute sagen: Oh, das ist aber jetzt hier eine kleine Minderheit, über die ihr eine große Ausstellung macht und eigentlich sind wir auch gesellschaftlich nicht im Konsens, wie wir mit dieser Minderheit umgehen. Oder es hätte auch wirklich so sein können, dass nur die kleine, queere Community kommt. Und alle anderen sagen: ist ja nicht unser Thema, was haben wir damit zu tun?

Wir haben auch eigentlich schon gedacht, vielleicht kriegen wir schon auch mal die eine oder andere Anfeindung oder so ein Unterschwelliges: Muss das denn sein? Und da kam aber wirklich nichts. Ich meine, klar, die Leute, die es ablehnen, kommen vielleicht gar nicht, aber deswegen war es für uns auch wirklich eine wichtige Aufgabe daraus eine einfach zugängliche populäre Ausstellung zu machen, die alle verstehen. Auch die, die nicht in der queer Community sind. Also hat Frau Blattner auch zum Beispiel das Glossar gemacht, damit man ein bisschen locker damit umgeht. Und ich glaube, das finden viele einfach witzig, interessant und toll.”

Kupferblau: “Also haben Sie versucht das Thema ein bisschen aufzulockern und verständlicher zu machen?”

Frau Blattner: “Zum Einen das, zum Anderen versuchten wir, das Thema in irgendeiner Form in die Stadt zu tragen. Weil queere Orte [eben] verbinden. Also vermeintlich queere Orte, die wir mit queer verbinden, sind ja oft auch Lieblings- oder gern besuchte Orte von Heteros. Ins Arsenal geht jeder gern, aber dass das ein queerer Ort ist, wissen nicht viele. Oder der Salon der Hundert, ja, das war ein unglaublich beliebter Ort von der gesamten Bevölkerung, weil man da bis 04:00 Uhr Party machen konnte. Und indem wir diese Orte nach außen tragen, zeigen wir, dass die Stadt eine queere Geschichte hat.”

Frau Ratzeburg: “Das war natürlich auch mit den Orten die Möglichkeit raus zu gehen, das ist ja sprichwörtlich ein Coming out. Also rauszugehen und mit dem Thema auf die Straße zu gehen.”

Die Interviews der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld

Kupferblau: “Bei den Interviews, die ihnen von der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld zur Verfügung gestellt wurden, hat man nur die Antworten gehört. Gab es da einen expliziten Grund?”

Frau Ratzeburg: “Man muss es so sehen, dass die Interviews von der Magnus Hirschfeld Stiftung sehr lang sind. Die wollen historische Dokumente damit schaffen, also, da erzählt jemand wirklich in 8 Stunden  sein ganzes Leben. Das ist dann wie ein Buch. Wir, als Museum oder Forschende, bedienen uns daraus und sagen: Ah, das ist für uns ein wichtiger Teil, weil der betrifft jetzt Tübingen. Natürlich wäre es was anderes gewesen, da haben sie auch Recht, wenn wir jetzt gesagt hätten, wir hätten 3 Fragen gehabt an alle, und wir hätten die Interviews selber gemacht, dann wäre es sicher genau auf den Punkt gewesen. So weiß man natürlich nicht, was die Person die letzten anderthalb Stunden vorher schon erzählt hat. Wir haben versucht Stellen zu finden, die für die Personen aussagekräftig sind oder auch für einen bestimmten Teil der queeren Geschichte  Tübingens. Aber das gelingt vielleicht auch nicht immer.”

Wird es eine Fortsetzung geben ?

Kupferblau: “Glauben Sie denn, dass Sie auch künftig die Entwicklung der queeren Community hier in Tübingen verfolgen werden?”

Frau Ratzeburg: “Also erstmal war es auf jeden Fall ein guter Auftakt mit einer großen Ausstellung das Thema wirklich nach vorne zu bringen. Zukünftig gehen wir in anderen Ausstellungen mit dem Thema Queer anders um. Genauso wie man mittlerweile Emanzipation in jeder Ausstellung mit thematisiert, würde ich mir bei queer auch wünschen, dass man sagt: OK, wenn es bei einer:m der  Künstler*innen, über die wir erzählen, einen queeren Aspekt gibt, dann bringen wir den auch rein. Ja, also, wir werden versuchen es in unserer Arbeit auch weiterhin präsent zu halten und reinzubringen.”


Frau Blattner: “Und städtischerseits ist das so, dass das Projekt im Stadtarchiv weitergeführt wird. Da bleiben wir natürlich in engem Kontakt.”

Eine Einschätzung für die Zukunft

Kupferblau : “Vielleicht als keiner Abschluss, haben Sie denn das Gefühl, dass es jetzt besser wird für diese Gruppe oder, dass die Abgrenzung einfach gesellschaftlich netter gestaltet wird?”

Frau Ratzeburg: “Im Gegensatz zu der Zeit, wo es noch den Paragraphen 175 gab, sind natürlich viele Fortschritte gemacht worden und und ich glaube schon, dass wir jetzt eine bessere Situation haben. Dass wir eben auch zum Beispiel im Stadtmuseum Tübingen so eine Ausstellung machen können und das kein Oberbürgermeister [Hans Gmelin] mehr sagt; Nein, das wollen wir nicht, sondern sagt sehr gut. Andererseits gibt es halt Gruppendiskussionen und es gibt Meinungen, die immer noch sagen: Ja, das ist nicht in Ordnung, oder man muss die Leute umerziehen oder noch schlimmer. Diese Meinung gibt es schon auch immer noch und das ist eine Gefährdung, die immer da ist. “

Frau Blattner: “Auch die Transgeschlechtlichkeit beschäftigt mich schon. Ich kenne ein paar wenige und das klappt nur so gut, weil sie ein intellektuelles Elternhaus haben, das absolut hinter den Jugendlichen steht. Wenn man im Schwarzwald geboren ist, in einem etwas kleinem Ort, da ist man echt verloren, finde ich. Also ich glaube, da ist die Bandbreite heute auch noch groß. Es ist viel Unterstützung für Jugendliche da, aber teilweise könnte ich mir auch vorstellen, dass es Elternhäuser gibt, wo es auf Unverständnis stößt.“

Das Fazit

In dem ersten Artikel zu der queeren Ausstellung hatte ich meine Zweifel an der Ausstellung, doch in dem Gespräch mit den Verantwortlichen kristallisierte sich schnell, dass nicht nur viele durchdachte Konzepte und Ideen hinter dem Projekt stehen, sondern auch der Wille etwas zu ändern. Wenn auch nur in kleinen Schritten. 

Wer sich selbst von der Arbeit des Museums überzeugen will, kann sich dem Projekt der Aufarbeitung kolonialer Orte in Tübingen anschließen und selbst seine Geschichte oder Gegenstände am 21. Juli von 14-18 Uhr oder 24. Juli von 11-16 Uhr teilen.

Bildrecht: Marvin Feuerbacher

 

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