Servus und Bonjour – zwei Auslandsstudentinnen berichten – Aix en Provence

Erster Teil: Aix-en-Provence

Deutschsprachig oder doch eine Fremdsprache? Großstadtflair oder Naturnähe? Viele Möglichkeiten haben sich uns geboten, als wir auf der Suche nach einem Auslandsstudienplatz waren. So ging die eine nach Wien und die andere nach Aix-en-Provence. Wir nehmen dich mit und geben Einblicke in das Leben als Auslandsstudierende – in zwei verschiedenen Ländern zur selben Zeit.

Ausblick auf Aix-en-Provence und das Gebirge Sainte-Victoire.
Bianca Hörsch (22): Verbringt ihr viertes Studiensemester (Empirisches Kulturwissenschaft und Allgemeine Rhetorik) an der Universität Wien.
Sophie Noël (20): Verbringt ihr viertes Studiensemester (Empirische Kulturwissenschaft und Philosophie) an der
Aix-Marseille Université in Südfrankreich. Der Campus der Humanwissenschaften befindet sich in Aix-en-Provence.

Bienvenue en France!

Azurblauer Himmel, dunkelgrüne Zypressen und das Meer. Das ist Südfrankreich für mich gewesen, bevor ich mein Auslandssemester gestartet habe. Ehrlich gesagt, ist dieses Bild ja recht simpel und vielleicht eher ein Klischee. Mittlerweile habe ich ein bunteres Bild von der Provence. Seit Januar bin ich in Aix-en-Provence – vor Ort auch einfach Aix genannt. Die französische Partnerstadt von Tübingen liegt 30 Kilometer nördlich von der am Mittelmeer gelegenen Hafenstadt Marseille entfernt. Aix hat 145.000 Einwohner*innen, von denen – wie in Tübingen – ein Drittel Student*innen sind.

Parc Gilbert Vilers im Westen von Aix.
Place d’Albertas in der Altstadt.
Studierendenleben und Corona-Maßnahmen à la française

Die Dinge, die wir erträumen, sind auch manchmal die Dinge, vor denen wir am meisten Angst haben. Ich hatte großen Respekt vor meinem Auslandssemester. Aufgrund der unvorhersehbaren Coronalage wäre ich beinahe in Tübingen geblieben. Frankreich – und vor allem der Süden des Landes – war schließlich Anfang des Jahres Risikogebiet. Meine Befürchtungen vor einem Online-Semester in Aix wurden nicht Realität. Und so verbrachte ich im Ausland mein erstes Präsenzsemester. Ab Februar wurden die Corona-Maßnahmen reduziert. (Das Sommersemester beginnt in Frankreich schon Mitte Januar.) In den Unigebäuden wurde die Maskenpflicht schnell abgesetzt. Im März wurden die Clubs geöffnet und von Impfnachweisen kann hier nicht mehr die Rede sein. 

Gang und Gäbe ist es, sich als Auslandsstudent*innen zusammenzutun (sei es über Social-Media-Gruppen, Wohnheimsgemeinschaften oder Kommiliton*innenkreis). Wenn sich die Gelegenheit bietet, ist es super, wenn man dabei auch mit den französischen Studierenden in Kontakt tritt. Das stellte sich für meine bekannten Sprachstudierenden als schwierig heraus. Da ich hier allerdings nicht Sprachen studiere – sondern Anthropologie – lernte ich viele weltoffene Menschen kennen. Ob es nun vom Fach abhängt oder nicht, sei dahin gestellt. So konnte ich über die Kurse und die Fachschaft “Anthopo’sphère” jedenfalls Anschluss an meinen jetzigen französischen Freundeskreis gewinnen. Hast du Kontakt zu Einheimischen, kannst du das Land noch einmal ganz anders erkunden. Ich wurde zum Beispiel auf eine Abschlussfeier in ein Ferienhaus in Châteauneuf-du-Rhône eingeladen und bekam durch Kontakte auf dem Wochenmarkt wertvolle Geheimtipps für weniger bekannte Dörfer.

Der zentrale Springbrunnen Rotonde.
Entdecke die Provence

Das Schlendern auf der Flaniermeile Cours Mirabeau und in der Altstadt sind ein Muss! Die Altstadt mit all ihren kleinen Bars, Cafés, Brunnen und Straßenmusiker*innen lädt zum Verweilen ein. Hier drei meiner Lieblingsorte um und in Aix:

Sainte Victoire. Sowohl heute, als auch früher, gilt der Berg als Inspirationsquelle für viele Menschen. Sei es zum Wandern, zum Paragleiten oder auch als Mal-Motiv. Ein bekannter Künstler aus Aix war Paul Cézanne.

Die Book In Bar ist ein Café, das einen in den Bann von Büchern führt. Literatur auf verschiedensten Sprachen, Klassiker und neue Erscheinungen stehen für alle Interessierten bereit. Und auch wenn man nicht lesen will, lädt der Ort für ein Kaffeebesuch mit Freund*innen ein. Zusammengefasst ist die Book In Bar ein Co-Working-Space mit einem besonderen Ambiente.

Der Strand von Sainte-Croix ist mein absoluter Lieblingsstrand an der Côte Bleue westlich von Marseille. Er liegt in einer Bucht und ist umgeben von Kiefern.

La monnaie…

Ich habe für 330€ im Monat ein “studio” (Einzimmer-Wohnung) in einem Studentenwohnheim bewohnt. Bekannte von mir haben je nach Wohnlage (z.B. Wohnung in der Altstadt) durchaus auch 700€ monatlich gezahlt. Da mein Wohnheim 15 Minuten Fahrstrecke von Campus und Innenstadt entfernt ist, lohnte sich die 100€ Stadt-Buskarte (Jahrestarif für Studierende). Mit der Karte kannst du zusätzlich den Bus (Linie 50) zwischen Aix und Marseille für 1€ pro Strecke nutzen. Vor dem Auslandsaufenthalt habe ich in der Gastronomie gearbeitet. Ein Job während dem Studium lohnt sich, um Erfahrungen außerhalb des Unialltags zu sammeln und um finanziell auf eigenen Füßen zu stehen. Im Ausland hingegen habe ich nicht gearbeitet. Kostenpflichtige Events konnte ich gut mit dem Ersparten und dem Mobilitystipendium leisten – doch sei gesagt, dass die Provence (und vor allem Aix) eine teure Gegend ist.

Fit mit Tipp: So klappt der Frankreichaufenthalt

Bist du mit dem Auto unterwegs, dann wirst du früher oder später eine Tankstelle aufsuchen müssen. Deinen Sprit zahlst du in Frankreich normalerweise immer an Automaten. Diese akzeptieren in der Regel nur Kreditkarten.

Die Semesterzeiträume in Frankreich unterscheiden sich von denen bei uns. Im Nachbarland ist das Sommersemester von Januar bis Mai. Hierfür war in diesem Fall die Hybridität der Veranstaltungen in Tübingen hilfreich. So konnte ich mein Tübinger Wintersemester in Frankreich abschließen. Auch wenn die Online-Uni hier hilfreich war, war ich froh, endlich die Seminare in Deutschland hinter mich zu bringen, um ganz in Frankreich anzukommen. Ansonsten: Für diejenigen, die keine Online-Veranstaltungen mehr haben werden, lohnt es sich, das Semester vor dem Frankreichaufenthalt gut zu planen und durchaus weniger Kurse zu belegen.

Aufgepasst auf französischen Straßen! Will man dem Klischee glauben schenken, kann man durchaus beobachten, dass schnelles Fahren im Süden zum Alltag gehört. In französischen Städten ist es allerdings geläufig, dass die Straßen viele Bodenerhöhungen haben, um Rasen zu vermeiden. Das kann am Anfang ungewöhnlich sein. Außerdem sind die Kreisverkehre zweispurig.

Tour de Provence

Ein Auslandssemester ohne Reisen? Muss nicht sein. Mit diesen Orten, entdeckst du die Vielfältigkeit der Provence:

  • Großstadt Marseille 
  • Dorf Roussillon und die Ockerfelsen Colorado Provençal
  • Das französische Venedig Martigues
  • Die Studentenstadt der Camargue Montpellier
  • Das Höhlendorf Saint-Chamas
Vieux Port (Alter Hafen) Marseille.
Roussillon. Mauer mit dem typisch roten Ocker.
Colorado Provençal.
Martigues.
Montpellier.
Saint-Chamas und im Hintergrund habitats troglodytiques
(Höhlenunterkünfte).

Den Artikel unserer Redakteurin im Auslandssemester in Wien findet ihr hier.

Fotos: Bianca Hörsch, Sophie Noël, privat.

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