Antijudaisten und Menschenhändler oder Lichtgestalten?

Seit Jahrzehnten wird an der Uni Tübingen über eine Namensstreichung beziehungsweise Umbenennung diskutiert. Eberhard und Karl sollen aus dem Namen weichen, da ihnen Antisemitismus, Menschenhandel und ein absolutistischer Herrschaftsstil vorgeworfen wird. Bei einer Podiumsdiskussion durften nun Befürworter*innen und Gegner*innen der Namensstreichung zu Wort kommen.

Das Podium

Der Name „Eberhard Karls Universität Tübingen“ sorgt – derzeit sogar überregional – für Diskussionen. Zwar ist das Thema schon seit den 70er-Jahren immer wieder im Gespräch, doch nun soll vom Senat endlich eine Entscheidung getroffen werden. Zur Vorbereitung auf diese Entscheidung wurde ein Gutachten veröffentlicht, in dem die zwei Namensgeber Graf Eberhard und Herzog Karl Eugen von Württemberg aus historischer Sicht beurteilt wurden. Am Dienstag, dem 05.07.2022 fand zudem eine offene Podiumsdiskussion statt, bei der jede*r zu Wort kommen konnte. Auf dem Podium saßen die Professorin Sigrid Hirbodian vom Institut für Geschichtliche Landeskunde und Historische Hilfswissenschaften und Professor Bernd Grewe vom Institut für Geschichtsdidaktik und Public History. Beide waren Mitglieder der Arbeitsgruppe, die das Gutachten erstellte, wobei Sigrid Hirbodian sogar deren Vorsitzende war. Komplettiert wurde die Runde von Hanna Veiler, die als Vertreterin der Jüdischen Studierendenunion an der Diskussion teilnahm. Die Runde moderierte Anja Meitner, die die Außenstelle Tübingen der Landeszentrale für politische Bildung leitet.

Das Podium bei der Namensstreichungsdebatte. Von links: Moderatorin Anja Meitner, Sigrid Hirbodian, Hanna Veiler und Bernd Grewe.

Die Eröffnung

Eröffnet wurde die Diskussion vom Rektor Prof. Dr. Bernd Engler, der zu Beginn die wichtigsten Informationen zur Debatte zusammenfasste. Auch er wird Ende Juli im Senat über die Namensstreichung abstimmen, zeigte sich jedoch in seiner Eröffnungsrede neutral. Danach stellte Professorin Hirbodian noch einmal die wesentlichen Inhalte des Gutachtens vor. Falls ihr genaueres über das Gutachten nachlesen wollt, findet ihr hier einen unseren Artikel dazu und hier das Gutachten selbst. Hirbodians Fazit lautete, dass sowohl Eberhard als auch Karl Lichtgestalten Baden-Württembergs seien und extrem wichtig für das Überleben der Uni Tübingen. Zudem müssten beide im Kontext ihrer Zeit betrachtet werden, in der Antijudaismus, Menschenhandel und ein absolutistischer Herrschaftsstil nichts Außergewöhnliches gewesen seien.

“Kaum eine Person im 15. Jahrhundert ist nicht judenfeindlich gewesen. Das gehörte damals zum normalen Gedankengut.”

Sigrid Hirbodian, Professorin für Geschichtliche Landeskunde

Was spricht gegen die Namensstreichung?

Bei diesem kurzen Einblick in das Gutachten wurde auch Hirbodians eigene Meinung deutlich. Sie argumentierte auf dem Podium stellvertretend für die Gegner*innen der Namensstreichung. Eines ihrer wichtigsten Argumente war, dass die beiden Namensgeber nicht aufgrund ihrer Judenfeindlichkeit und des Menschenhandels im Namen der Uni geführt werden, sondern wegen ihrer Verdienste um die Universität. Ziel sei es, eine regionale Identität und Identifikation zu schaffen, die diese Namen ermöglichen würden. Immerhin wären beide Personen Lichtgestalten der württembergischen Geschichte gewesen. Zudem plädierte sie für einen bewussten und kritischen Umgang mit dieser Vergangenheit, die der Name der Universität erst ermöglichen würde. Eine Namensstreichung führe ihrer Meinung nach nur zu Geschichtsvergessenheit. Zudem betonte sie immer wieder, dass man beide Personen im historischen Kontext sehen müsse. Kaum eine Person sei im 15. Jahrhundert nicht judenfeindlich gewesen. Es gehörte vielmehr zum normalen und zeitgenössischen Gedankengut.

Was spricht für die Namensstreichung?

Gegen diese Argumentation stellten sich Professor Grewe und Hanna Veiler. Beide plädierten für ein Namensstreichung. Für Grewe stellte sich vor allem die Frage, ob eine Uni die Benennung nach Antijudaisten und Menschenhändlern aushalten könne. In seinen Augen sollte sie das nicht können. Seiner Meinung nach sind Namen auch immer ein Teil der Identität, und in einer Demokratie, wie wir sie heute erleben, sollten Monarchen kein Teil mehr davon sein und hätten daher im Namen der Uni nichts zu suchen. Zudem gehe es darum, die Namensgeber und ihre Handlungen aus heutiger Sicht zu beurteilen. Dazu brauche es Sensibilität und die kritische Reflexion der eigenen Vorstellungen von Normalität. Grewe meinte, er habe seine eigene Privilegien als „alter, weißer Mann“ hinterfragt und wolle sich auf der Seite derjenigen positionieren, die nicht gehört würden.

“Es erinnert sich heute niemand mehr an den Namen auch nur eines Juden oder einer Jüdin, die wegen Eberhard ihre Existenz verloren haben.”

Hanna Veiler, Vorsitzende der Jüdischen Studierendenunion

Reale Belastung für jüdische Studierende

Auch Hanna Veiler als Vertreterin der Jüdischen Studierendenunion, die an der Uni Tübingen Kunstgeschichte und Französisch studiert, hält den Namen der Uni für untragbar. Für sie ist klar, dass der damalige Antisemitismus, obwohl nicht gewaltsam verübt, doch den Nährboden für die späteren Verbrechen der NS-Zeit darstellte. Sowohl der Antisemitismus Eberhards als auch der Nationalsozialismus basierten auf christlicher Judenfeindlichkeit. Sie stellte sich die Frage, wer diese erinnerungspolitische Debatte bestimmt, denn für jüdische Studierende sei der Name Eberhards eine tagtägliche Konfrontation mit Antisemitismus. Sein Name würde stets in ihren Lebensläufen stehen und sei somit Teil ihrer Biografie. Durch die Streichung des Namens würde eine größere Reichweite geschaffen werden, die auf das Problem aufmerksam mache. Auf das Argument der regionalen Identifikation antwortet sie mit einem Augenzwinkern, dass württembergische Identität wohl aus mehr bestehe als aus Antisemitismus.

Die eigentlich wichtige Frage im diesem Diskurs sollte sein, an wen wir uns erinnern. Schließlich erinnere sich niemand an den Namen auch nur eines Juden oder einer Jüdin, die damals unter Eberhard ihre Existenz verloren haben. Veiler sieht auch keinen Widerspruch zwischen Eberhards Antisemitismus und seinen Verdiensten um die Stadt und die Uni. Natürlich hätten auch Antisemit*innen stets Leistungen vollbracht. An dieser Stelle nennt sie nur das Stichwort „Autobahnen“. Es ist ihr wichtig, den Antisemitismus des 15. Jahrhunderts nicht zu relativieren. Antisemitismus, sagte sie, habe es nicht nur zwischen 1933 und 1945 gegeben.

Was sagt das Publikum?

Nach dieser einführenden kurzen Diskussion und Positionierung wurde die Diskussion für alle Anwesenden geöffnet. Dabei wurde klar, dass auch das Publikum im Saal stark gespalten war. Besonders viele Studierende meldeten sich zu Wort und zeigten sich unzufrieden mit der Tatsache, dass Eberhard und Karl – zwar nicht wegen ihres Antisemitismus bzw. Menschenhandels, aber trotzdem – im Namen der Uni geführt werden. Viele fanden zudem, dass auf andere Art und Weise der Geschichtsvergessenheit entgegengewirkt werden kann. Erinnern müsse nicht mit Ehren einher gehen. Hirbodian argumentierte an dieser Stelle, dass eben durch diese Namensdebatte auch in 30 Jahren noch der Problematiken gedacht werden würde, die der Name mit sich bringe – falls die Uni ihn dann noch trage. Veiler hielt dagegen und meinte, dass die Betroffenenperspektive vergessen würde. Denn so müssten sich auch in 30 Jahren noch junge Juden und Jüdinnen solchen Frage stellen und die persönlichen Folgen, die dieser Name mit sich bringe, tragen.

Doch auch von den Zuschauenden sprachen sich einige gegen die Namensstreichung aus. Eine Person meinte, es fehle der Debatte an Demut. Man müsse sich eingestehen, dass kein Mensch jemals moralisch fehlerfrei gewesen sei. Auch andere Zuschauer*innen erinnerten daran, dass jede historische Persönlichkeit auf ihre Art und Weise ambivalent gewesen sei. Ein anderer Zuschauer sagte, für ihn liege der Fokus ganz klar auf den Verdiensten der Personen um die Uni. Bei keinem würde dieser Name ein Gefühl von Antisemitismus auslösen. Veiler widersprach, und sagte, dass der Zuschauer dies nicht bewerten könne. Es gebe in Deutschland keine Räume, die frei von Antisemitismus seien.

Die Entscheidung liegt beim Senat

Der Podiumsdiskussion gelang es, einen offenen Raum für die Namensstreichungsdebatte zu schaffen, in der jede*r seine*ihre Gedanken äußern konnte. So bliebt die Debatte stets sachlich und verschont von Buh-Rufen, jedoch spürte man die Gespaltenheit des Publikums. Ende Juli wird sich zeigen, ob im Senat die erforderliche Zwei-Drittel-Mehrheit zustande kommen wird, die es für eine Namensänderung braucht.

Fotos: Theresa Hoff

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