A49 und Dannenröder Forst: Zwischen Recht und Gerechtigkeit

Ein großes Waldgebiet aus Vogelperspektive, ruhige Musik, Vogelgezwitscher. Doch dann ein Schnitt zu einem Haufen aufgerissener Erde, Baulärm, Waldrodung. So beginnt der Film „Die Autobahn – Kampf um die A49“, der am Montagabend im Kino Atelier gezeigt wurde. Zu einer anschließenden Diskussionsrunde eingeladen waren der Regisseur Marten Pfeiffer und OB Boris Palmer.

In ihrem Dokumentarfilm begleiten die beiden Filmemacher Frank Marten Pfeiffer und Klaus Stern die Besetzung und Räumung des Dannenröder Forsts im Kontext des Neubaus der Autobahn A49. Seit gut 50 Jahren schon ist der Bau einer Autobahn geplant, welche im Norden Hessens die A7 bei Kassel und die A5 kurz hinter Marburg bei dem kleinen Städtchen Homberg verbinden soll. Ziel ist es, eine direktere Verbindung für den Fernverkehr zwischen Kassel und Gießen zu schaffen.

Etwa die Hälfte der Strecke von Kassel aus ist bereits gebaut und in Betrieb, doch der Bau der anderen Hälfte geriet in den letzten 30 Jahren immer wieder ins Stocken. Unter anderem liegt das an dem letzten knapp 18 km langen Stück, das einmal mitten durch den Dannenröder Forst führen soll. 27 Hektar Wald sollen dafür planiert werden.

Persönliches Interesse als Motivation

Pfeiffer und Stern zeigen in ihrem Film die Abläufe von über 12 Monaten Waldbesetzung, eine Abseilaktion über der A3, den Unmut von Anwohnenden, sowohl über den Autobahnbau als auch über die Waldbesetzung, und die politischen Anstrengungen und Wirrungen hinter dem Bauprojekt.

Die beiden Regisseure erklären auf der Website, die Motivation hinter dem Film sei persönliches Interesse an der Kontroverse. Für Stern war die hohe Zustimmung zu der Autobahn in seinem direkt an der geplanten Trasse liegenden Heimatdorf Wiera ausschlaggebend, Pfeiffer hingegen interessierten besonders die politischen Umstände.

Ziel des Baus der A49 ist es, eine direktere Verbindung für den Fernverkehr zwischen Kassel und Gießen zu schaffen. Die Autobahn soll 18km durch den Dannenröder Forst führen.

Das schlägt sich auch in ihrem Film nieder: „Die Autobahn“ ist kein einseitiger Bericht über die bis zu 100 Umweltaktivist*innen, die im Oktober 2019 über ein Jahr lang den 1000 ha (100 km2) großen Dannenröder Forst unter dem Motto „Wald statt Asphalt“ besetzten.

Im Gegenteil: der Dokumentarfilm nimmt sämtliche mögliche Blickwinkel ein, verschafft allen Seiten Gehör, Kritiker*innen und Befürworter*innen, Aktivist*innen und Einsatzkräften, privaten Waldeigentümern, Förstern und den zuständigen Verkehrsministern. Hier zeigt sich die für den Dokumentarjournalismus wichtige Neugier und der Drang zum vollumfänglichen Erfassen und Abbilden der Sachlage.

Diese Art von Begeisterung für sein Thema ließ Frank Marten Pfeiffer auch nach der Vorführung des Filmes bei der anschließenden Diskussionsrunde durchblicken. Er beschrieb den Filmprozess als emotional, besonders beim Begleiten der Aktivist*innen und der dem Bau abgeneigten Anwohner*innen. Zugleich betonte er jedoch, sein Ziel sei von Anfang an gewesen, ausgewogen und differenziert zu berichten und auch die Seite der Einsatzkräfte zu zeigen.

Dies sei jedoch leider oft nicht einfach gewesen, da die Polizei seine Anfragen, einen Einsatz filmisch zu begleiten, oftmals mit der Begründung, dies sei „zu gefährlich“ abgewiesen hätte.

Elektroauto oder Schienenverkehr?

Boris Palmer, ehemals verkehrspolitischer Sprecher der Grünen-Fraktion im Landtag, lobte vor Ort den Film für seine Ausgewogenheit und kritisierte den ehemaligen Verkehrsminister Andreas Scheuer für seine Argumentation der Entlastung von A5 und A7. Er hätte, so Palmer, den Bau der Autobahn verhindern können, hätte er gewollt – zumindest vor „dem Gerichtsbeschluss“. Welchen genau er damit meinte, konnte er leider auf Nachfrage nicht näher ausführen.

Boris Palmer (links) in der Diskussion mit Marten Pfeiffer (Mitte).

Palmer sprach an, dass Autobahn-Befürworter*innen oftmals argumentieren, die Alternative zu dieser Autobahn sei ein Ausweichen auf Bundesstraßen, so wie es aktuell stattfindet. Dies bedeute eine hohe Belastung Einheimischer durch Lärm und Abgase. Elektromotoren sieht er als zumindest kurzfristige Lösung für dieses Problem.

Pfeiffer selbst hingegen findet den Schienenverkehr elementar, ganz im Sinne der Verkehrswende, und betonte, dass aus mangelndem politischem Willen zu wenig über mögliche Alternativen zum Bau der A49 diskutiert werde. Stattdessen bestehe ein Wille zum Bau einer Autobahn, welche zudem zum Großteil aus privaten Geldern im Rahmen einer öffentlich-privaten Partnerschaft (ÖPP) finanziert werde. Dieser Wille lässt sich tatsächlich im festen Beschluss des letzten Autobahnstücks im Koalitionsvertrag der hessischen schwarz-grünen Landesregierung von 2018 beobachten.

Recht wahren und Recht haben

Dem hessischen Verkehrsminister und Vize-Ministerpräsidenten Tarek Al-Wazir (B90/Die Grünen) wird seit langem die Schuld am Autobahnausbau gegeben. Dieser beteuert jedoch stets seinen langjährigen Kampf gegen die Autobahn und berief sich auch in dem Dokumentarfilm auf bestehendes Baurecht und unterschriebene Verträge. Dass ihm dadurch wirklich die Hände gebunden sind, zweifeln große Teile der Klimaaktivismus-Szene an.

Dass die Rodung des Dannenröder Forsts tatsächlich notwendig ist, zweifelt die Klimaaktivismus-Szene an und greift zur Protestform des zivilen Ungehorsams.

So wurde im Film auch eine Demonstration von Greenpeace vor dem hessischen Landtag im Oktober 2020 gezeigt: Der Umweltschutzverein war der rechtlichen Auffassung, dass sich an den Verträgen durchaus noch rütteln ließe, gab jedoch zu, sich mit den Beschlüssen des Bundesverwaltungsgerichts aus Juni und Juli nicht beschäftigt zu haben.

Aktuell gilt ein seit Mai dauernder Baustopp für den letzten Streckenabschnitt Richtung Homberg: Im Gebiet des Herrenwaldes bei Stadtallendorf, wenige Kilometer vor dem Dannenröder Forst, wurden Sprengstoffüberreste aus dem Zweiten Weltkrieg gefunden. Offenbar wurde diese Gegend vom NS-Regime als Munitionslager verwendet.

Nächste Vorführung in Rottenburg

Momentan touren die beiden studierten Regisseure mit ihrem Film, der im Mai beim Münchner Filmfestival Dok.fest 2022 seine Premiere feierte, durch Deutschland, vorwiegend durch Hessen. Am 22. September kehrt der Film jedoch wieder in die Umgebung Tübingen zurück: er wird in Rottenburg im Kino im Waldhorn von Frank Marten Pfeiffer vorgestellt, welcher selbst aus der Nähe von Stuttgart kommt.

Der Film wurde vom WDR mitfinanziert und wird im Herbst im öffentlich-rechtlichen Rundfunk ausgestrahlt und später auch in den Mediatheken abrufbar sein. Auch auf Netflix soll der Film erscheinen, allerdings gibt es hierfür noch keine nähere Zeitangabe.

Bild Palmer und Pfeiffer: Leo Merkle

Pressebilder: Sternfilm

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