“Queer durch Tübingen” oder Kreuz und Quer durch das Museum ?

Queer in Tübingen

Ein Ereignis! Tübingen präsentiert die Geschichte ihrer LGBTQ Community! Man sollte sich jedoch nicht zu früh freuen. Was sich nach einem revolutionären Schritt nach vorne anhört, scheint sich eher als ein gut gemeinter Schritt in die richtige Richtung zu entpuppen. Eine Review der Ausstellung “Queer durch Tübingen”.

Tritt man durch die Eingangstür des Tübinger Stadtmuseums, um sich die Ausstellung „Queer durch Tübingen“ anzusehen, ist die Vorfreude groß. 24 Biografien aus Tübingen, angefangen bei König Karl von Württemberg, hin zur Schauspielerin Maren Kroymann über Regenbogenfamilien bis zu jungen trans*Menschen, sind hier, bis zum 17 Juni, ausgestellt. Die Ausstellung wirbt mit den Aussichten auf eine Veranschaulichung der Repression, Verfolgung, Emanzipation, juristischen Lockerungen und medizinischen Möglichkeiten der queeren Community und deren Entwicklung. Zudem lassen die sechs Interviews mit queeren Personen aus Tübingen, die von der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld zur Verfügung gestellt wurden,  auf einen spannenden Einblick in die queere Geschichte hoffen.  

Was sich hinter den Türen des Museums verbirgt

Tritt man ein, wird man von einer kleinen, hutzligen Puppe mit Kehrbesen begrüßt, die sich in regenbogenfarbener Schürzte hin und her bewegt und mit kleinen daher geblabberten Sätzen auf die Ausstellung aufmerksam macht. Einige Schritte weiter betritt man die überschaubare Halle, samt den Exponaten und beginnt die  Reise durch die queere Welt Tübingens.

Stadtmuseum in Tübingen begrüßt mit dieser Puppe.

Gelungene Aspekte der Ausstellung

Die Ausstellung glänzt in ihrem Wiedererkennungswert. Sie zeigt mithilfe von Fotografien die Geschichte des Paragraphen 175 und Tübingens besondere Rolle bei seiner Abschaffung. Dieser besagte, nach der Fassung des 10. März 1994, dass „(1) Ein Mann über achtzehn Jahren, der sexuelle Handlungen an einem Mann unter 18 Jahren vornimmt oder von einem Mann unter 18 Jahren an sich vornehmen lässt, [wird] mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe bestraft (wird)“ . Durch die Wiedererkennbarkeit der Orte schafft die Ausstellung ein Bewusstsein der Geschichte Tübingens und dadurch einen völlig neuen Blick auf die Stadt selbst.  Einen ähnlichen Effekt erzielt auch die  ausgestellte Karte, auf welcher queere Orte markiert sind. So schafft die Ausstellung Bewusstsein. Man erfährt unter anderem von dem Pub 13, einem überregional bekannten Treffpunkt für queere Professor*innen, Student*innen und Künstler*innen von 1962 bis 1990,  dem Frauenbuchladen und vielen weiteren Orten.

Ein weiteres schönes Detail der Ausstellung, sind die persönlichen Exponate, die die queeren Tübinger Geschichten begleiten. Man findet neben kleinen  Buttons bunte Plakate ehemaliger Veranstaltungen der LGBTQ Community in Tübingen, sowie kleine Erinnerungen in Form von selbstgebastelten Hochzeitskerzen und Familienfotos, die eine private Atmosphäre schaffen. Sehenswert ist ebenfalls das dort ausgestellte Kostüm der Dragqueen  Frl. Wommy Wonder,  die ihre Karriere im Lindenhof Theater Melchingen, dem Sudhaus Tübingen und dem LTT startete und bis heute noch tourt.

Kostüm der Dragqueen  Frl. Wommy Wonder  © Jana Svetlolobov

Zuletzt ist besonders die Interaktivität der Ausstellung zu loben. Besucher der Ausstellung können sich  an der großen Wand am Ende der Ausstellung, auf der hölzerne Karteikarten über Begriffen aus der queeren Community bekannt machen. Zudem kann man sich auf einen Blick in die Mitte des Raumes freuen.  Dort sind Bücher mit unterschiedlichen illustrierten Fotografien zu finden. In dieser Hinsicht ist die Ausstellung durchaus empfehlenswert.

Einige Fauxpas

Wie jede Ausstellung hat aber auch diese einige nicht ganz durchdachte Konzepte, die den einen oder die andere Besucher*in verwirren könnten. Wer sich auf die großen Bildschirme, samt der schwarzen Kopfhörer gestürzt hat, um sich die queeren Geschichten Tübingens anzuhören, durfte sich auf eine interessante Überraschung freuen. Zwar erzählten die Interviewten über ihre Geschichte, es wurden jedoch  nur die Antworten der Interviewten aufgezeichnet, die Fragen hingegen blieben im Verborgenen. Dies machte es schwierig den Gesprächen zu folgen und auf Anhieb zu verstehen, worüber das Gespräch handelte. 

Diejenigen, die auf eine weitreichende Erklärung zu den Exponaten hofften, mussten sich mit nur einigen Zeilen genügen. Einige Quellen der Exponate waren schlicht mit „Privat“ gekennzeichnet, wohingegen andere gar keine Kennzeichnungen hatten. Zwar ließe sich einwenden, dass hier Geschichten von noch lebenden Menschen beschrieben wurden, doch bereitet es gerade in dem Tagebuch einer transgeschlechtlichen Person Schwierigkeiten. Wenn weder über die Person noch über die  Authentizität der Quelle etwas bekannt ist, mindert das den Eindruck des Exponates.

Tagebuch einer transgeschlechtlichen Person

Ebenfalls wünschenswert wären deutlichere Erklärungen gewesen,  die bestimmte Details der Exponate erleuchten würden. Unter Anderem wird direkt am Anfang der Ausstellung eine Figur gezeigt, die scheinbar sowohl männliche als auch weibliche Merkmale trägt. Diese werden grob auf einer Karte beschrieben. Betrachtet man die Figur jedoch selbst, erkennt man die Merkmale kaum. Hier wäre ein gezieltes Aufzeigen der Merkmale, beispielsweise durch das Drucken von vergrößerter Bilder von Vorteil gewesen. 
Trotzdem ist die Ausstellung gerade für die Menschen geeignet, die sich mit dem Thema LGBTQ noch nie auseinandergesetzt haben und gerne mehr über Orte und die Geschichte der queeren Community in Tübingen erfahren möchten. Wer sich jedoch bereits intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt hat und auf neuen Input hofft, sollte wohl nach einer anderen Ausstellung Ausschau halten.

Fotos: Jana Svetlolobov 

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