Vier gegen Palmer

Am 23. Oktober diesen Jahres ist es wieder soweit: Die Stadt Tübingen wählt ihre*n Oberbürgermeister*in. Dabei stellt sich die große Frage, ob Boris Palmer die dritte Wahl in Folge für sich entscheiden kann und somit weitere acht Jahre in diesem Amt verweilen wird. Im Gegensatz zu den zwei vorherigen Wahlen wird er dieses Jahr nicht als Kandidat der Grünen ins Rennen gehen, sondern als unabhängiger Kandidat. Gegen wen er sich durchsetzen müsste, um die Wahl zu gewinnen, erfahrt ihr in diesem Artikel.

Boris Palmer ist der amtierende Oberbürgermeister der Stadt Tübingen, und das bereits seit 16 Jahren. Der 49-Jährige konnte die Wahlen 2006 und 2014 als Kandidat der Grünen jeweils im ersten Wahlgang für sich entscheiden. Er studierte Mathematik und Geschichte auf Lehramt an der Uni Tübingen und in Sydney. In seiner politischen Karriere war Palmer bereits Mitglied des Baden Württemberger Landtags und kandidierte 2004 für das Amt des Oberbürgermeisters in Stuttgart, verlor die Wahl jedoch. Dieses Jahr wird er als unabhängiger Kandidat antreten, da aufgrund kontroverser und rassistischer Äußerungen ein Parteiausschlussverfahren gegen ihn eingeleitet wurde. Anfang diesen Jahres hatte das Schiedsgericht der Grünen vorgeschlagen, dass Palmer seine Parteimitgliedschaft bis 2023 ruhen lassen solle. Der Vorschlag wurde sowohl von Palmer als auch vom baden-württembergischen Landesvorstand der Grünen akzeptiert. Seinen aktuellen Wahlkampf finanziert er mithilfe der Spenden von Bürger*innen. 

Ulrike Baumgärtner – Die Grünen

Die Grünen haben nun bereits eine Gegenkandidatin ernannt: Ulrike Baumgärtner wird gegen Palmer ins Rennen geschickt. Der Partei gehört sie seit 2006 an. Sie studierte Politikwissenschaft an der Uni Tübingen und ging danach Lehrtätigkeiten an zahlreichen Hochschulen nach. Zudem war sie persönliche Mitarbeiterin von Boris Palmer während seiner Zeit im Landtag. Der Kupferblau gegenüber beschreibt die 43-Jährige sich selbst als Mutter von drei Kindern, die mit einem der größten 1. FC Kaiserslautern-Fans verheiratet ist und seit zweieinhalb Jahrzehnten glücklich in Tübingen lebt. Auf unsere Frage, wie sie sich als Oberbürgermeisterin für studentische Angelegenheiten einsetzen würde, antwortete sie:

“Meine Leidenschaft für die Tübinger Kommunalpolitik habe ich erst nach dem Studium entdeckt. Am Ende meiner Promotionszeit kehrte ich zurück und wurde auf Anhieb zur Vorsitzenden des Gemeinderats gewählt. Dort trafen wir Entscheidungen, die auch die Lebensbedingungen von Studierenden prägen: Wohnungspolitik, Mobilitätsangebote, Klimaschutzmaßnahmen, Aufenthaltsqualität auf öffentlichen Plätzen, Räume für Kultur.

Ist auf dem Europaplatz künftig Raum für Einkaufen, Partylocation und Kunst? Mit solchen aktuellen Fragen würde ich als Oberbürgermeisterin gezielt das Gespräch suchen, um Studierenden Lust auf die Gestaltung ihrer Stadt zu machen und sie an Entscheidungen, die sie betreffen, gezielt zu beteiligen. Denn gemeinsam sind wir Tübingen.”

Ulrike Baumgärtner
Die Weilheimer Ortsvorsteherin Dr. Ulrike Baumgärtner löst Boris Palmer als Kandiatin der Grünen ab.

Sofie Geisel – SPD

Mit Sofie Geisel wird auch die SPD eine Kandidatin ins Rennen um den Posten des*der Oberbürgermeister*in schicken. Auf ihrer Website stellt sie sich als 50-jährige Mutter von drei Söhnen vor. Sie hat in Tübingen Politikwissenschaft und Volkswirtschaftslehre studiert. Seit 15 Jahren arbeitet sie für die Industrie- und Handelskammer (DIHK), deren Geschäftsführung sie angehört, und wo sie für 100 Beschäftigte und 19 privat-öffentlich finanzierte Projekte verantwortlich ist. Obwohl sie zur Zeit in Berlin wohnt, beschreibt sie Tübingen als ein Stück Heimat. Sie bringt Erfahrung in den Themen Familie, Kinderbetreuung und Teilzeit mit, die sie auch in ihrer Karriere begleitet haben. Zudem hat sie im Rahmen ihrer Tätigkeit für die DIHK Unternehmen dabei beraten, wie sie Klimaschutz in ihren Unternehmensstrukturen verankern können. Auf ihrer Website schreibt sie auch, dass Nachhaltigkeit ein zentraler Wert für sie sei. Auf die Frage, wie sie sich für studentische Belange einsetzen möchte, antwortet sie:

„Gute Kommunalpolitik in Tübingen funktioniert nur gemeinsam mit den gut 28.000 Studierenden. Ich möchte deshalb mit Studierenden ins Gespräch darüber kommen, welche Ideen sie haben, wie Tübingen die Zukunftsfragen zu Wachstum, Klimaschutz und Teilhabe beantworten kann. Ich werde mehr für bezahlbares Wohnen in der Stadt tun und dabei auch das Studierendenwerk in die Pflicht nehmen, die Wohnheimplatzquote auf mindestens 20% zu erhöhen. Ich möchte Einsamkeit zum Thema machen und die in der Stadt bestehenden Teilhabe-Möglichkeiten gezielter mit Studierenden zusammenbringen. Und ich werde die Suche nach zusätzlichen Orten für die Clubszene neu anstoßen und bestehende, wie z.B. das Sudhaus, besser anbinden.“

Sofie Geisel
Auch die SPD-Kandiatin Sofie Geisel will das Gespräch mit Studierenden suchen; außerdem die Wohnheimplatzquote erhöhen und die Clubszene fördern.

Markus Vogt – Die PARTEI

Eine weitere Partei, die einen Kandidaten für die Wahl aufgestellt hat, ist die Satirepartei die PARTEI. Für sie wird im Oktober Markus Vogt antreten. Er ist der Tübinger Kreisvorsitzende von die PARTEI und war von 2014 bis 2020 Mitglied des Stadtrates. Neben seiner Tätigkeit in der Politik ist Vogt zudem Liedermacher, Kabarettist und Philosoph. Bereits bei der letzten Wahl ist er gegen Boris Palmer angetreten, konnte aber lediglich 3,8% der Stimme für sich gewinnen. Seiner eigene Website zufolge liegen seine politischen Schwerpunkte auf satirischen Inhalten und dem Radverkehr. Auf die Frage wie er sich für studentische Belage einsetzen möchte, antwortet er:

Da das ursprüngliche Projekt der PARTEI “Universität 21” derzeit politisch wohl nicht realisierbar ist (unten studieren, oben massiv Wohnraum bauen), würde ich zumindest alle Reihenhäuser und Einfamilienhäuser um das doppelte aufstocken, um dort oben Studierende wohnen zu lassen.
Eigenheimbesitzer würden verpflichtet werden, mindestens einen Studierenden aufzunehmen, der wahlweise auch gegen ein Tier aus dem Tierheim eingetauscht werden könnte.
Sollte es in Tübingen eine Seilbahn geben, würde ich mich für einen speziellen Studiengang einsetzen, der diese Mobilitätsform wissenschaftlich untersucht
.“

Markus Vogt

Hicham Hidam – Unabhängiger Kandidat

Ein letzter Anwärter auf den Posten, der wie Boris Palmer als unabhängiger Kandidat bei der Wahl antreten wird ist Hicham Hidam. Der Tübinger Gastronom ist Inhaber des Restaurants “le romarin”, seit 2020 betreibt er auch dessen Tochterrestaurant “La Médina”. Entsprechend seiner marokkanischen Herkunft bietet er dort marokkanische Küche an.  Nachdem er 2002 sein Diplom für Elektrotechnik erhielt, sammelte er zahlreiche Erfahrungen in der Gastronomie und Hotellerie auf unterschiedlichen Kontinenten beispielsweise in Afrika, Europa oder Südamerika. Zudem engagierte er sich ehrenamtlich bei Projekten zur Überwindung von Analphabetismus. Als Oberbürgermeister möchte er sich vor allem für den Ausbau des Verkehrsnetzes einsetzen und Klimaschutzprojekte zur Energiewende und Müllreduktion vorantreiben.  Zudem will er eine Sozialpolitik betreiben, die die Schaffung von bezahlbarem Wohnraum und  integrationspolitischen Modellprojekten ermöglicht.

Die Bewerbungsfrist für Kandidierende läuft bis zum 26. September. So kann es sein, dass noch die eine oder andere Kandidatur eingereicht wird. Die Frage, ob die CDU eine*n eigene*n Kandidat*in nominieren wird, steht offen.

Beitragsbild: Isabel Jarama

Foto Ulrike Baumgärtner: Ulrike Baumgärtner

Foto Sofie Geisel: Lidia Tirri / LT Fotografie / lidia@tirri.de

 

Ein Kommentar zu “Vier gegen Palmer”

  1. Kurze Frage: Wieso hat Palmer nicht auf die Frage geantwortet, wie er in einer eventuell weiteren Amtszeit Studierende in kommunalpolitische Themen einbinden würde? Wollte er nicht, oder wurde er nicht gefragt?

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