Vom Nervenzusammenbruch zum Nobelpreis – ein Besuch im Tübinger Hesse-Kabinett

Jung, orientierungslos und zwei abgebrochene Ausbildungen hinter sich. Dies ist nicht etwa die Beschreibung eines Tübinger Studierenden im achten Semester, der etwas zu gerne feiern geht. Nein, dies ist der Zustand, in dem Hermann Hesse 1895 in Tübingen ankam, um hier seine Buchhändlerlehre zu beginnen.

Steht man auf dem belebten Holzmarkt in Tübingen, so wandert der Blick für gewöhnlich zu den vollbesetzten Stufen der Stiftskirche oder zu einer der häufigen Kundgebungen, die sich für eine bessere Welt einsetzen. Neben all diesem Trubel gerät eine Besonderheit am Tübinger Holzmarkt häufig aus dem Blickfeld: Eingequetscht zwischen Tchibo und dem Eiscafé „Figo“ befindet sich der unauffällige Eingang zu der 1823 gegründeten Buchhandlung und dem Antiquariat J.J. Heckenhauer. Hier arbeitete, worauf auch ein kleines Schild neben dem Eingang hinweist, Hermann Hesse als Buchhändler.

Bücher, Bücher & Bücher

Seit etwa neun Jahren gibt es nicht mehr nur ein Schild, das auf die Zeit Hesses in Tübingen hinweist, sondern auch eine passende Dauerausstellung: das Hesse-Kabinett.

Betritt man den Flur, der zum Antiquariat Heckenhauer und zum Hesse-Kabinett führt, so offenbart sich eine Überraschung: die gesamte Länge des Gangs ist auf der linken Seite voller schöner alter Bücher. Oberhalb eines kleinen Treppenabsatzes befindet sich das Antiquariat und direkt eine Tür weiter das Hesse-Kabinett. Betritt man das Kabinett, so steht man auf denselben knarzenden Holzdielen wie einst Hesse während seiner Lehrjahre. Das Hesse Kabinett ist ein gemütliches kleines Museum – die großen Fenster lassen viel Licht herein und auf der rechten Seite des Raumes stehen zwei Regalwände voller alter Bücher.

 

Der Eingang zum Hesse Kabinett und zum Antiquariat Heckenhauer.

“Die Stadt gefällt mir wohl” – Hesses Zeit in Tübingen

Was genau brachte Hesse denn nun nach Tübingen? Hesse wurde in Calw geboren, wuchs in einer pietistischen Familie und wurde von seinen Eltern streng erzogen. Später sollte er Theologie studieren – so zumindest der Wille seiner Eltern. Doch Hesse selbst wollte Schriftsteller werden. Die Konflikte mit seinen Eltern führte so weit, dass der 14-jährige Hesse in eine depressive Phase verfiel und sogar einen Suizidversuch unternahm. Daraufhin wurde Hesse in einer Nervenheilanstalt untergebracht.

„Ich wollte ja nichts als das zu leben versuchen, was von selber aus mir heraus wollte. Warum war das so sehr schwer?“
– Zitat aus Hesses Roman „Demian“
 
Hesse trifft Stadtwerke: Hesse Kunstwerk auf einem Stromkasten am Tübinger Holzmarkt.

Später begann er zwei verschiedene Ausbildungen: die erste brach er nach drei Tagen wieder ab, seine Mechanikerlehre schloss er zwar ab, allerdings sah er in diesem Bereich keine Zukunftsaussichten für sich.  Nach all diesen Krisen sehnte sich Hesse nach Stabilität. So begann der 18-jährige Hesse im Oktober 1895 eine Lehre in der Buchhandlung und dem Antiquariat Heckenhauer in Tübingen. Seine Arbeitszeiten gingen von acht Uhr morgens bis acht Uhr abends. War er fertig mit der Arbeit, so ging er nach Hause und las Goethe oder Nietzsche. Während seiner Zeit in Tübingen gelang es ihm, sein Leben zu stabilisieren und in geregelte Bahnen zu lenken. Tübingen war somit ein wichtiger Grundstein für seine spätere Tätigkeit als Schriftsteller. Als Krönung seines literarischen Schaffens wurde Hesse 1946 sogar der Nobelpreis für Literatur verliehen – auch wenn er selbst damals wenig begeistert darüber war.

Hesse fasziniert weltweit

Der Besuch des Hesse Kabinetts ist mit oder auch ohne Führung möglich. Entscheidet man sich für eine Führung, so erfährt man allerhand spannende Details über Hesse und das Kabinett, für die man andernfalls erst eine dicke Biografie hätte lesen müssen. Um ein Beispiel zu nennen: Hättet ihr gedacht, dass Hermann Hesse insbesondere auch im asiatischen Raum viel gelesen wurde und wird? Daher kommen viele Besucher des Hesse Kabinetts aus Asien. Das zeigt sich auch beim Blättern durch das Gästebuch: es lassen sich zahllose, begeisterte Einträge von Menschen aus Japan oder Südkorea finden, die Hermann Hesse in seinem ehemaligen Lehrgeschäft ein Stückchen näher gekommen sind. Woomok Jeong aus Südkorea hat folgende Nachricht niedergeschrieben:

Dank Hermann Hesse konnte ich damit anfangen Deutsch zu lernen. Ohne ihn konnte ich nicht an mein ernst denken! Jedes mal als ich mich Selbstmindergefühl fühle, lese ich seine Bücher. Dadurch bekomme ich Energie: In zwei Wochen beginne ich mein Studium an der Uni Tübingen: Ich hoffe es geht voller Glücklichkeit!!”

Informationen für den Besuch

Falls ihr nun neugierig geworden seid und gerne selbst das Hesse Kabinett besuchen möchtet, dann könnt ihr das am Dienstag, Mittwoch oder Samstag tun. Das Kabinett ist jeweils von 11 bis 17 Uhr geöffnet. Der Eintritt ist frei. Jeden Samstag wird ab 16 Uhr eine halbstündige Führung angeboten. Für die Führung wird eine Teilnahmegebühr von 3,50€ (ermäßigt 2,50€) erhoben. Die Adresse lautet Holzmarkt 5, das Kabinett ist somit direkt neben der Stiftskirche zu finden. 

Fotos: Laetitia Gloning

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