“Wenn die Welt nicht untergeht, werde ich die Musik weiter verfolgen.”

Sein neuestes Lied “Thunderstorm” bezeichnet er als einen Schlag in den Magen – kurz und kraftvoll. Der Halbbrasilianer will mit seiner Musik, die eine Mischung aus Classic-, Blues- und Psychedelic Rock ist, eines klar machen: Rock ist nicht tot. Ein Interview mit Musiker Matze Ventura Lang, kurz “Ventura”.

Tübingen ist grau an dem verregneter Samstagnachmittag, als ich Matze treffe. Wir sitzen in einem Restaurant an der krummen Brücke und nach nur ein paar Minuten Gespräch wird klar, dass der 27 -Jährige gerne erzählt – und viel zu sagen hat. Matze ist in Brasilien groß geworden und hat dort eine deutsche Schule besucht, mittlerweile spricht er 12 Sprachen. Er kommt mir vor wie ein echter Weltenbummler, überall und nirgendwo zuhause. Die Musik habe in seinem Leben eigentlich schon immer eine wichtige Rolle gespielt. Beeinflusst durch seinen Opa und seinen Onkel, der ihm als Kind LED Zeppelin und The Doors zum Hören gibt, klingt Matzes Musik heute mal kratzig, mal psychedelisch, mal melancholisch. Aber immer ehrlich. Ein Gespräch über Heimat,  das Gefühl anders zu sein und warum es nervig ist, wenn Menschen um den heißen Brei reden. 

Über Heimat und zuhause

Kupferblau: Du bist in Brasilien geboren und aufgewachsen. Mit 18 bist du nach Deutschland gekommen,  vor Kurzem bist du 27 geworden und du sprichst 12 Sprachen. Wo fühlst du dich am meisten zuhause?

Matze: Das ist eine schwierige Frage. Ich glaube, ich habe keine Heimat in dem Sinne. Es sind eher verschiedene Orte. Rio ist so ein Ort, aber ich bin seit 2015 nicht mehr dort gewesen, vieles hat sich verändert. Dort liegt meine Vergangenheit, Kindheitserinnerungen. Lissabon spricht mich auch sehr an, dort habe ich sehr intensive Momente meines Lebens gefühlt. Einige meiner Lieder sind auch dort entstanden. Außerdem im Donautal, Kreis Tuttlingen, dort fühle ich mich auch zuhause.

© Jonathan Kamzelak

Ich glaube, ich habe keine Heimat in dem Sinne.

Matze Ventura Lang

Kupferblau: Und Tübingen?

Matze: Langsam fühle ich mich auch hier zuhause. Mein Verhältnis zu Tübingen ist eine Hassliebe, ich hatte gerade anfangs viel Stress in dieser Stadt. Jetzt bin ich fast 6 Jahre hier und habe in diesen Jahren viel erlebt.

Kupferblau: Wie kommt es, dass du hier so viele kennst?

Matze: Es gibt einen Spruch auf Portugiesisch, der mich gut beschreibt: Sich wie ein Fisch außerhalb des Wassers zu fühlen. Wie auf dem falschen Planeten. Deshalb bin ich stets auf der Suche, immer schon.  Ich spreche viele Leute an, viele kennen mich. Und ich bin nicht schüchtern, obwohl ich mich als introvertierter Mensch bezeichnen würde. Ich brauche meine ruhigen Momente, aber wenn ich draußen bin, bin ich immer auf der Suche nach irgendwas. In der Ethnologie gibt es ein Konzept, das nennt sich teilnehmende Beobachtung. Mein Leben fühlt sich an wie eine teilnehmende Beobachtung, das heißt ich bin nie unter meinen Menschen, sondern immer eine Art Außenseiter. 

Kupferblau: Geht es darum auch in ‘Outstanding Outside’, deiner neuesten Single? 

Matze: Ja genau. Ich habe das Lied hier in Tübingen geschrieben, anders als viele der anderen Lieder, die älter sind. Es geht auch um den Leistungsdruck, den ich jetzt mit 27 spüre. “I exist and I can’t deny that we live to work and work to die” ist eine Zeile. Die schwäbische ‘Schaffe, schaffe, Häusle baue’ Mentalität, das von Termin zu Termin hetzen, alles ist da mit drin. ‘Lebe ich um zu arbeiten oder arbeite ich um zu leben?’ Ist eine Grundfragen, die ich mir in ‘Outstanding Outside’ stelle. 

Über Inspiration und musikalische Erziehung

Kupferblau: Die Inspiration deiner Lieder kommt also aus dem Alltag? 

Matze: Manches erfinde ich auch, aber im Endeffekt sind es immer biografischen Elemente, die in meine Songs einfließen. Musik war für mich früher schon eine Art Zufluchtsort. Ich habe lange bei meiner Großmutter in Rio gelebt und mich dort in meinem Zimmer eingeschlossen und einfach nur Instrumente gespielt. In meiner Kindheit sind auch nicht so einfache Dinge passiert und Musik hat mit immer geholfen, diese zu verarbeiten. 

Kupferblau: Zuletzt kam deine Single “Thunderstorm” raus. Gibt es ein Lied, das dir besonders am Herzen liegt?

Matze: Neulich habe ich mit der Band für einen neuen Song geprobt, der “Eyes” heißt. Es geht um eine Person, die einen sehr krassen Blick hat, der mich geflasht hat. Das Lied ist bluesy, aber auch heavy. Wahrscheinlich kommt es noch dieses Semester raus. “Outstanding Outside” und “Rising Sun” finde ich auch ziemlich geil. 

Kupferblau: Welche musikalischen Vorbilder hast du? 

Matze: Jack White von den White Stripes, mit ihm würde ich auch gerne mal auf der Bühne stehen. Ich wollte nicht sein wie er, als Teenager hatte ich eher das Gefühl einer Jünger und Meister Beziehung. Ich glaube, er wäre weird genug, um mich zu verstehen. Es gibt viele Parallelen in unseren Leben: Auch Jack White ist in einer Nachbarschaft aufgewachsen, wo alle um ihn herum andere Musik gehört haben. Ich bin mit den Blues Platten und CDs meines Opas groß geworden, mein Onkel und Opa haben sehr viel Musik gehört und viel an mich weitergegeben. Der Einfluss meines Onkels auf meinen Musikgeschmack war groß, manchmal hat er sich hingesetzt und mir ganz bewusst The Doors oder LED Zeppelin gezeigt. In der deutschen Schule in Brasilien wollten die Kinder Pop oder HipHop hören, da habe ich natürlich mit meinen Rock und Blues Liedern nicht reingepasst. 

© Jonathan Kamzelak

Rock ist nicht tot!

Matze Ventura Lang

Kupferblau: Was gefällt dir am Rock am meisten? 

Matze: Die Einfachheit. Übrigens: Rock ist nicht tot, das ist wichtig zu betonen! Mein Lieblingsgenre ist aber Blues. Es gibt ein fixes Schema, nach dem man spielt, aber es ist gleichzeitig unglaublich ehrlich und emotional. Es geht sehr deep, man haut einfach alles raus. Das hat mir sehr geholfen, als ich Stress mit meiner Mutter hatte und bei meiner Oma leben musste. 

Über den Fluch und Segen von Autismus

Kupferblau: Du gehst in deinem Alltag und auf Social Media sehr offen damit um, dass du dich auf dem autistischen Spektrum befindest. Wann hast du deine Diagnose bekommen? 

Matze: Als ich 22 war. Davor war ich 7 Monate in der Psychiatrie, weil ich suizidal geworden bin. Dann habe ich die Diagnose bekommen und bin ich ziemlich fatalistisch geworden. Aber es war vor allem eine Erleichterung, ich konnte mir viele Sachen aus der Kindheit erklären. Zum Beispiel, dass ich mich immer so auf Figuren wie Willy Wonka, den Joker oder auch Peter Pan fixiert hab. Die leben in ihrer eigenen Welt, das habe ich auch gemacht. Es ist nur eine Frage des richtigen Bereiches, des richtigen Platzes. Dann macht es Sinn. 

Kupferblau: Und in welchen Momenten fühlst du dich am richtigen Platz?

Matze: Wenn ich auf der Bühne bin, wenn ich spiele. Oder wenn ich meine Sachen für die Philosophie mache, ich bin eine kleine Leseratte. Ich habe vor ein Buch zu schreibe. Wenn ich meine Projekte umsetzen kann, wenn ich meine Spur in der Absurdität des Lebens hinterlassen kann, dann fühlt es sich richtig an. Nicht für Andere, sondern für mich! Diese Zeit hier ist begrenzt, ich will etwas daraus machen. 

Kupferblau: Ist Autismus Fluch oder Segen?

Matze: Ich sehe es als Gabe, die mit einer Herausforderung kommt. Es ist sowohl Fluch als auch Segen. Es gibt viele Menschen, die dich nie verstehen werden, die Gesellschaft ist nicht unbedingt vorbereitet auf Menschen wie uns. Trotzdem schenkt es uns den Blick von außen, die outsider’s perspective. Das ist für mich eine Gabe, ein Geschenk, für das ich einen Preis zahle.

Kupferblau: Gibt es Situationen, in denen dich die Leute wegen Autismus missverstehen? 

Matze: Ja, die Art wie ich rede oder meine Attitude – das nehmen manche als aggressiv, pushy oder zu direkt wahr. Oder sie legen mir Worte in den Mund.  Alles wird überinterpretiert, das ist nervig. 

Kupferblau: Also sollen dich die Leute mehr beim Wort nehmen? 

Matze: Ja, schon. Wenn ich metaphorisch rede, dann äußere ich das. Ich versuche immer ganz klipp und klar zu sprechen, sonst habe ich das Gefühl, ich werde missverstanden. Manchmal triggern mich auch die Leute. Wenn sie nicht ehrlich sind zum Beispiel oder um den heißen Brei herumreden. Ich öffne mich den Leuten und ich erwarte eine Art Fair Play, eine Gegenseitigkeit. Das passiert oft nicht.

Über Ventura und die Zukunft

Kupferblau: ‘Ventura’, das bist du.  Seit neuestem stehst du aber nicht mehr ganz alleine auf der Bühne… 

Matze: Richtig. Ich arbeite jetzt mit einer Band, drei Musiker und Musikerinnen zusammen, wir heißen Ventura and the wrong planet. Ventura – das bin ich. The wrong planet kommt von dem Gefühl, sich anders oder fehl am Platz zu fühlen. Die Lieder sind hauptsächlich von mir komponiert, wir stehen aber zusammen auf der Bühne. Und wir wollen am 16. Juli im Pfleghof ein Konzert spielen und bewerben uns in Stuttgart. Ich bin super dankbar, dass ich so talentierte Musiker*innen kennengelernt habe!

Kupferblau: Wie schwer ist es, in Tübingen aufstrebender Solo Künstler bzw. Band zu sein? 

Matze: Die Szene ist so mittelgut vernetzt. Richtig organisiert kommt mir das aber nicht vor, vielleicht gibt es da was und ich habe es nicht mitbekommen. Ich bin aus Prinzip Außenseiter, aber ich hatte Glück, dass ich so viele Leute kenne. Finanziell springt noch nichts dabei rum, aber das ist auch gerade nicht das Ziel. Wir wollen erst einmal die Aufmerksamkeit der Leute bekommen, um unsere Musik verbessern zu können. Aber langfristig muss auch in der Realität bleiben und sehen, wie ich mich finanziere. Manchmal bin ich doch sehr auf meinem eigenen Planeten. 

Kupferblau: Was müsste passieren, dass du von deinem Traum, Musik zu machen, abkommst? 

Matze: Wenn die Welt nicht untergeht, werde ich die Musik weiter verfolgen. Aber ich mache ja viele Dinge, ich kann mich nicht nur auf eine Sache fokussieren. Ich will schreiben, die Philosophie verfolgen, das Audiovisuelle reizt mich auch. Überall stecke ich meine Schnauze rein, und irgendetwas wird klappen. Diese Unruhe, nie befriedigt zu sein, das drängt mich raus in die Welt. 

© Jonathan Kamzelak

Diese Unruhe, nie befriedigt zu sein, das drängt mich raus in die Welt.

Matze Ventura Lang

Kupferblau: Was sind deine Pläne für die Zukunft? 

Matze: Ich versuche, nicht zu sehr an die Zukunft zu denken, sonst grüble ich zu viel und komme da nicht mehr raus. Wer weiß, was die Zukunft bringt. Kurzfristig gesehen würde ich gerne der Musik mehr Zeit widmen und ein Album rausbringen. Und mehr Konzerte spielen!

Kupferblau: Was würdest du dir wünschen, was würdest du den Leuten sagen? 

Matze: Die Welt ist komplexer als man denkt. Es gibt viele Winkel, die noch erkundigt werden können. Die Leute sollten sich nicht so viel Druck machen. Es gibt einen Weg, seine innere Balance zu finden – trotz der ganzen Scheiße, die es auf der Welt gibt. Sie sollen auf sich selbst hören. Ich bin froh, wenn ich Musik machen kann und die Leute sich darin wiederfinden. Das schafft eine Connection, die man nicht so häufig hat. Das wäre cool: Zu wissen, dass ich nicht so auf dem falschen Planeten bin, wie ich denke. Einen Weg für Dialog zu öffnen. 

Kupferblau: Das heißt, die Message lautet: Hört meine Musik ?

Matze: Auch, ja! Bitte hört meine Musik, folgt gerne auf social media und erzählt euren Freund*innen von mir. Und ladet mich ein, damit ich bei euch spielen kann! 

Kupferblau: Du hast Bock? 

Matze: Ich hab Bock. 

 

Zum reinhören: https://open.spotify.com/artist/5lOi6ppeikIBzfz4EzpU5r?si=k8xuMX1iSnaQlnHNC3-inA&utm_source=copy-link
Matzes Instagram: Matze (@lostinawrongplanet) • Instagram-Fotos und -Videos

Fotos: © Jonathan Kamzelak 

 

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