Neue Ideen? Ziviler Ungehorsam und die letzte Generation

In den letzten Wochen waren in ganz Tübingen Plakate der „Letzten Generation“ zu sehen, die zu einem Vortrag einluden. Zu lesen war die Forderung „Stoppt den fossilen Wahnsinn!“ – auf den Abbau fossiler Rohstoffe bezogen. In mehreren Städten wurde dieser Vortrag am Donnerstag, den 12. Mai, das erste Mal gehalten und wird bis Ende Juni bundesweit an verschiedenen Standorten zu sehen sein. Doch wer ist diese Letzte Generation, und warum wird für einen Vortrag eine so große Kampagne abgehalten?

Der Treffpunkt war eine kleine Straßenkreuzung in Lustnau um 18:20. Als Erster vor Ort war Nelson Butterfield, der Redner, dem wir später noch ein paar Fragen stellen konnten. Als sich um halb sieben an der Kreuzung etwa 10 weitere Leute versammelt hatten, ging man ums Eck in das für den Vortrag gemietete Café “viertel vor”.

Dystopische Zukunft

Dort offenbarte sich recht bald, worum es bei der Letzten Generation eigentlich geht. Zu Beginn verdeutlichte Nelson den Anwesenden das Ausmaß der Klimakrise, um zu begründen, was danach kommen sollte. Die Plakate versprachen schließlich, einen „Plan“ zu haben. Nelson bezog sich viel auf verschiedene Forscher*innen, Wissenschaftler*innen und sonstige Personen vom Fach – so u.a. auf Sir David King, einen ehemaligen Berater der britischen Regierung in Sachen Klima. Dieser wurde auf dem Plakat zitiert mit dem Satz: „Die nächsten 3-4 Jahre werden die Zukunft der Menschheit bestimmen.“ Daraus, dass wir die letzte Generation sind, die das Klima noch retten kann, ergibt sich der Name dessen, was sich als eine neue zivile Protestbewegung für Klimaschutz begreift.

Diese Plakate waren in den letzten Tagen in ganz Tübingen zu sehen. ©Die Letzte Generation

Ziviler Ungehorsam

Nach langen, eher vagen Ausführungen über das Ausmaß der Krise und wie wenig von Seiten der Regierung(en) dagegen getan wird, folgte also nun der Plan der Bewegung. Er lautet: Ziviler Ungehorsam. Bereits Ende Januar erlangte die Letzte Generation mediale Aufmerksamkeit durch die Blockade von Autobahn-Auffahrten.

Nun ist die Idee, durch Straßenblockaden Aufmerksamkeit für die Lösung der Klimakrise zu generieren. Nicht wirklich neu, doch es ging ja nicht um Ideen, sondern um einen konkreten Plan. Laut Nelson, dem Redner, lautet er folgendermaßen: Bis Juni sollen durch die Vorträge möglichst viele Menschen mobilisiert werden, um (erst mal) in Berlin über Wochen hinweg täglich Straßenblockaden durchzuführen. Das war auch das tatsächliche Ziel des Vortrags: Viele Leute zusammenzuschließen, die bereit sind, zumindest einmal festgenommen zu werden oder auch Haftstrafen infolge mehrerer Festnahmen auszusitzen. 

“Es werden so lange Straßenblockaden gemacht in Zusammenhang mit anderen Aktionen, bis die Regierung unsere Forderungen erfüllt, weil wir nicht hinnehmen können, dass die Regierung weiterhin untätig bleibt.

Nelson Butterfield, Mitglied bei “Die Letzte Generation”

Die vorrangige Forderung der Bewegung ist der Stopp von Investition in den Ausbau fossiler Infrastruktur. Es sollen mindestens 500 Aktivist*innen für eine außergewöhnlich lange Reihe an Blockaden mobilisiert werden  – Tausende halte man allerdings auch für realistisch. Sinn und Zweck der Blockaden sei dabei, die Regierung in puncto Klimaschutz unter Druck zu setzen, quasi unter Zugzwang. Wie Nelson sagte: „Ziel ist es, unüberhörbar zu sein.“

Wirksamkeit von Blockaden?

Die Rezeption durch das links-liberale bis links-autonome Publikum war durchaus kritisch. Während der öffentliche Diskurs sich meist gegen die Protestform des zivilen Ungehorsams selbst richtet, war die Kritik in der an den Vortrag anschließenden Diskussionsrunde eher die, ob das Blockieren explizit von Straßen bei der Regierung etwas bewirkt. So gingen Straßenblockaden den meisten nicht weit genug oder wurden einfach für ineffektiv befunden, um eine an die Bundesregierung gerichtete Zeichensetzung und den damit erwünschten Systemwandel zu erreichen.

Die “Letzte Generation” richtet sich vor allem gegen den Ausbau und die Investion in fossile Energien. ©Pixabay

Die Letzte Generation geht mit ihrem Vorhaben der Straßenblockaden gar so weit, dass sie sich in ihren Prinzipien auf die ‚freedom riders‘ beruft und sich mit diesen vergleicht. Diese waren Teil der US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung der 1960er Jahre. Ob jedoch wie damals entsprechend viele Leute mobilisiert werden können und ob das überhaupt einen vergleichbaren Effekt hätte, ist der Einschätzung jedes*r Einzelnen überlassen. Das gilt auch für die Überzeugung Nelsons, dass die Blockaden tatsächlich etwas über den Störfaktor hinaus bewirken und mehr Menschen für den Kampf für Klimagerechtigkeit gewinnen würden.

Wer sich genauer über die Ideen der Letzten Generation informieren oder den Vortrag online ansehen will, kann dies auf www.letztegeneration.de tun. Auf den Einwand hin, dass andere Bewegungen wie Extinction Rebellion mit fast deckungsgleichen Forderungen und Ideen bereits ihr Glück versucht haben, betont die Letzte Generation, dass sie, anders als frühere Bewegungen, die Blockaden solange durchziehen werde, bis sich etwas ändert. Ob das der Fall sein wird, wird sich zeigen. Wir sind gespannt.

Beitragsbild: Leo Merkle

Plakat: Die Letzte Generation

Bild von Kraftwerk: Pixabay

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