2 Jahre ohne Fasnet – Jetzt noch verrückt als davor?

Nari-Naro, Alaaf, Heulau und whatever. Fasnet, die Zeit, in der jede*r verrückt sein darf. Manche hassen sie, manche lieben sie. Für jemanden, der*die Fasnet liebt, ist ein Leben ohne diese wohl kaum vorstellbar. Zumindest war das vor zwei Jahren noch so. Wie bei so vielem hat Corona auch hier einen Strich durch die Rechnung gemacht und nun die zweite Saison infolge verhindert. Trotz allem soll das närrische Herz nicht komplett ausbluten – Ein kleiner Exkurs über die 5. Jahreszeit.

Fastnet ist Tradition

Seit Jahrhunderten zelebrieren wir diese Zeit des Jahres. Früher zu Teilen kürzer als heute, mittlerweile fängt es je nach Region am 11.11 oder am 06.01 an und geht bis zum Aschermittwoch. Die Anfänge des Festes lassen sich bereits 5.000 Jahre zurückdatieren, in die Zeit Mesopotamiens. Jedoch ist es erst seit dem 17. Jahrhundert vollständig bezeugt. Bezüglich des Namens herrscht heute noch fast ein interner kultureller Krieg. Während es für die einen Karneval ist, ist es für die anderen Fasnet/Fastnacht. Wenn man genauer hinschaut, sind aber nicht nur die Namen unterschiedlich, sondern auch die Inhalte, beziehungsweise Akteur*innen. Während man beim Kölner Karneval politisch-satirische Paradewägen bestaunen kann, wird man bei der schwäbisch-alemannischen Fasnet von den Hästräger*innen ordentlich in die Mangel genommen. Doch was alle Akteur*innen gemeinsam haben, ist die Liebe zu ihrer Tradition. 

Ein Fest für Jung und Alt

Die weiße Tanzgarde der Betzinger Krautskräga

Bunt, laut und immer voller Trubel – Wenn ein Außenstehender fragen würde, was Fasnet ist, wäre dies wohl eine prägnante Erklärung. Für jede*n, die*der auf Fasnet steht oder sie kennenlernen möchte, ist etwas dabei. Umzüge für die Raudies, Hallenfasnets für die Partymäuse, Seniorenfasching für die Generationen mit weißem Haar und Kinderfasching für die Kleinen. Der Kinderfasching war für viele Fans vermutlich  der Einstieg ins närrische Leben. Egal ob Cowboy oder Prinzessin, jedes Kind mag es, sich zu verkleiden und ein Tag lang das zu sein, was es sich erträumt.  Ein besonderes Highlight, das viele Kinderaugen strahlen lässt, ist der Auftritt einer Tanzgarde – Funkelnde Kostüme, viel Schminke und faszinierende Akrobatik. Auf der Alb Hupfdohlen genannt, bei den Landesmeisterschaften Hochleistungssportler*innen.  Egal welcher Name gewählt wird, ein ordentlicher Spagatsprung lässt jede*n den Atem anhalten!

Ein typisches Häs, bestehend aus Maske, Schellengurt und Fell

Als Gegenstück zum Gardetanz gibt es das Narrentum. Vom Glitzerfummel bis hin zur Maske und zum Schellengurt. Das Narrentum besteht überwiegend  aus Hästräger*innen. Hästräger*innen sind meistens erwachsene Personen, die sich mit einem Häs vermummen und die Zuschauer*innen ärgern. Je nach Verein sieht das Häs unterschiedlich aus, besteht aus unterschiedlichen Bestandteilen und erweckt unterschiedliche Reaktionen bei den Zuschauer*innen.  Seien es nun Hexen, Kartoffeln, Neandertaler oder Katzen, in der Fasnet gibt es schätzungsweise 1.700 verschiedene Narrenzünfte. Für jeden Geschmack ist etwas dabei. Während Gardetänzer*innen auf der Bühne entertainen, sind Hästräger*innen die Stars auf den Umzügen. Für Kinder gibt es Süßigkeiten, für Erwachsene Fesselungen mit Kabelbindern im ‘Fifty Shades of Grey’-Style, oder ein Make-Over mit dem Saustift (ein bunter Stift von Landwirt*innen, welcher benutzt wird, um eine Sau für die Schlachtung zu markieren). Als Hästräger*in hat man die Möglichkeit, sich hinter einer Maske zu verstecken, Schabernack zu treiben und den Alltag zu vergessen. Niemand kann erkennen, wer sich unter der Maske verbirgt und niemand realisiert, dass es Lehrer*innen oder Anwält*innen sind, die  dir gerade Schnürsenkel klauen.  

Zu viel des Guten?

Ein typischer Anblick bei einer Hallenfasnet

Viele Kritiker*innen der Fasnet prangern unter anderem genau das an: Erwachsene würden sich wie Kinder verhalten oder die Fasnet sei ein einziges Saufgelage Und damit liegen sie noch nicht einmal falsch.  Doch was ist so schlimm daran, mal wieder Kind zu sein? Wer sein restliches Leben im Griff hat und kontinuierlich Verantwortung tragen muss, dem*der soll es auch mal vergönnt sein, sich kindisch auf dem Boden herumzuwälzen und ein Konfettibad zu nehmen.  Und zum Thema Alkohol lässt sich nur sagen: Wo früher eine Leber war, ist heute eine Minibar! Die meisten Studierenden werden es nachfühlen können.

Ein Stück Familie

Fasnet ist nicht nur ein Hobby. Die meisten sind bereits seit ihrer Kindheit aktiv dabei. Vereinsmitglieder sind nicht nur irgendwelche Fremden, sie sind fast wie eine zweite Familie. Es werden Freundschaften fürs Leben geschlossen. Corona hat viele Familien stark getroffen, weswegen das Jammern über ein ausgefallenes Fasnet sicher als Jammern auf hohem Niveau gilt. Aber Corona hat auch vielen Gardetänzer*innen, Hästräger*innen, Karnevalist*innen, usw. die Chance genommen, Zeit mit der Zweitfamilie zu verbringen. Zwar versucht man über Zoom oder WhatsApp in Kontakt zu bleiben, doch viele werden bestätigen können, wie effektiv so etwas auf Dauer ist – es fehlt der direkte Austausch. Daher stellt sich die Frage: Sind nach zwei Jahren ohne Fasnet die Narren noch verrückter geworden als davor? Wenn der Ausgleich zum spröden Leben fehlt, der Kontakt zur Zweitfamilie auf ein Minimum reduziert wurde und die Leber vermutlich Bestwerte aufzeigt, muss diese Frage wohl mit einem klaren Ja beantwortet werden. Doch sind nicht alle Bürger*innen mittlerweile, zumindest ein wenig,  verrückt geworden? Kriege um Toilettenpapier, Laufbänder im Homeoffice-Büro oder unkontrollierte Mundbewegungen hinter der FFP2-Maske sind nur ein paar Beispiele, die sich seit Beginn der Pandemie abgespielt haben. Also ist es wohl vertretbar, wenn auch die Narren noch närrischer geworden sind als zuvor. Und schreit das nicht nach einer phänomenalen nächsten Fasnet, wenn alles danach ausschaut, dass es noch verrückter zugehen wird als sonst?

Daher mein Aufruf an alle da draußen, deren Herz für die 5. Jahreszeit schlägt: Haltet durch, bleibt euren Vereinen treu und drückt die Daume für das nächste Jahr!

P.S.: Wer nach der Maskenpflicht immer noch nicht seine Mundbewegungen in den Griff bekommen hat, ist jeder Zeit dazu eingeladen, die FFP2-Maske durch eine Häs-Maske zu tauschen. 

Fotos: Bianca Hörsch

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