Ein Besuch bei der Offenen Erzählbühne Tübingen

Jeder Mensch hat eine Geschichte. Und jeder Mensch kann Geschichten erzählen. Dieser Überzeugung folgend fand am Dienstag, 22. Februar, die zweite Offene Erzählbühne Tübingen im Café Haag statt. Gedichte, Märchen und Anekdoten, selbst geschrieben oder nacherzählt. Ein Bericht über die wohl schönste Märchenstunde Tübingens.

Was haben zwei Meerjungfrauen, ein Bär in Försteruniform und eine stehengebliebene Standuhr gemeinsam? Sie alle sind Teil von Geschichten, die bei der Offenen Erzählbühne am vergangenen Dienstagabend erzählt wurden. Jeden letzten Dienstag im Monat kann jede*r mit einer Geschichte auf die Bühne kommen und in zehn Minuten das Publikum mit der eigenen Erzählung begeistern. „Ich finde Geschichtenerzählen einfach magisch“, sagt Hanna Nennewitz und grinst breit. Sie ist eine der beiden Initiatorinnen der Offenen Erzählbühne Tübingen. „Viele denken, sie könnten gar nicht frei Geschichten erzählen. Dabei machen wir das eigentlich den ganzen Tag  – wir sind uns dessen bloß nicht bewusst“, sagt sie. „Besonders toll zu sehen ist, wenn jemand zum ersten Mal erzählt. Wenn eine Person den Schritt wagt, zu sich selbst zu sagen: Ich kann das, ich gebe mir einen Schubs. Wenn sie auf der Bühne steht, merkt sie dann, wie unfassbar toll das ist.“

Am Dienstagabend lässt sie ihren Blick durch das noch leere Café Haag schweifen. In Kürze werden alle Plätze belegt sein. Auf jedem Tisch steht ein kleines Kärtchen: Reserviert. Langsam füllt sich der Raum. Die Biedermeier-Sessel auf der Bühne werden von violettem Licht angestrahlt. Gläser werden sachte aneinandergestoßen, Freund*innen versammeln sich in kleinen Gruppen und schauen sich gespannt um. Hanna läuft zwischen den eintreffenden Gäst*innen umher, in der einen Hand eine dunkelgrüne Schiebermütze, in der anderen einen Stapel Schmierpapier. Sie sammelt Namen. Denn jede Person, die an diesem Abend eine Geschichte erzählen möchte, kann ihren Namen in die Mütze werfen. Die Reihenfolge der Erzähler*innen wird dann ausgelost. Am Ende des Abends kann ein*e Erzähler*in zwei Kinokarten gewinnen. Bald ist die Mütze voller weißer Papierschnipsel, hinter denen sich ganz verschiedene Geschichten verbergen.

gemütliche Stimmung im Cafe Haag

Freies Erzählen als Kunstform

Jede Person hat etwa zehn Minuten Zeit, um etwas zu erzählen. Legenden, Gedichte, Rätsel – alles schon dabei gewesen. Wichtig ist Hanna, dass die Personen frei erzählen. „Ich finde, dass freies Erzählen mehr Freiheiten bietet, als wenn jemand etwas vorliest. Das birgt eine Lebendigkeit, die man beim Vorlesen einfach nicht bekommt“, sagt Hanna. Erzählen ist für sie eine ganz eigene Kunstform.

Diese Kunst hat Hanna schon früh erlebt. Ihre Mutter aus der Nähe von Braunschweig ist Erzählkünstlerin. Durch sie hat Hanna das Format Erzählbühne kennengelernt. Denn Erzählbühnen gibt es in ganz Deutschland. Bei der Erzählbühne Berlin erzählen zum Beispiel erst Teilnehmende aus dem Publikum ihre Geschichten. Anschließend kommen professionelle Erzähler*innen mit ihren Geschichten auf die Bühne. Das Konzept wollte Hanna nach Tübingen holen, mit ein paar Abwandlungen. Bei der Tübinger Erzählbühne werden keine professionellen Erzählkünstler*innen eingeladen, denn die Veranstaltung soll kostenfrei bleiben. Außerdem sollen sich die Menschen im Publikum nicht von Profis verunsichert fühlen.

Mit ihrer Freundin Marlene Krekeler hat sie vor einem Jahr die Offene Erzählbühne Tübingen gegründet. Erst online, mit ein paar Freund*innen, die sich abends trafen, um sich Geschichten zu erzählen. Als Präsenzveranstaltungen wieder möglich waren, suchten sie nach einem Ort, an dem sich Menschen in Person zum Geschichtenerzählen treffen können – und wurden im Café Haag fündig. Um weiter auch überregional Geschichten erzählen und hören zu können, findet die digitale Erzählbühne weiterhin statt, jeden zweiten Dienstag im Monat.

Hanna auf der offenen Erzählbühne

Viele der Menschen, die am vergangenen Dienstag zur Erzählbühne gekommen sind, sind schon zum zweiten Mal da. Sieben Menschen erzählen eine Geschichte. Mal lauter, mal leiser. Sie führen das Publikum über Kopenhagen nach Warschau, in königliche Gemächer und muffige Bärenhöhlen. Im Raum ist es ganz still, nur die Bar klimpert, klirrt und zischt im Hintergrund. Das Publikum lacht hin und wieder leise. „Für mich ist das das Allergrößte: Wenn der Raum ganz still ist. Alle fiebern mit der Person auf der Bühne mit. Und dann freuen sich alle miteinander. Das ist ein ganz besonderes Gefühl.“

Die nächste Offene Erzählbühne findet am Dienstag, 29. März, statt.

 

Fotos: Laura Winter

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