Einfach machen – Poetry-Slam ausprobieren

Eine Bühne, ein Text, 6 Minuten. Das ist Poetry-Slam. Doch wie schafft man es, auf dieser Bühne zu stehen? Wo findet man Inspiration für Texte? Was finden aktive Slammer*innen so toll an ihrem Hobby? Die Kupferblau war im Gespräch mit bekannten Slammer*innen und Newcomer*innen aus Tübingen, um sie nach Tipps und Erfahrungen zu fragen.

Poetry-Slam – was ist das eigentlich?

Poetry-Slam bedeutet übersetzt Dichter-Schlacht. Ein Begriff, der vielleicht an Waffen und Krieg, im Fantasy-Fall an gutaussehende Schauspieler*innen und dramatische Musik erinnert. Manch eine*r denkt vielleicht auch an die klassische Essensschlacht, bei dem Freund und Feind mit Kohlenhydraten, Sahne oder Tomaten beworfen wird. All das findet sich wohl auf keiner Slam-Bühne. Traditionell steht hier nur ein einzelnes Mikrofon vor dem Publikum. Dieses Publikum ist meist bunt gemischt, deckt alle Altersklassen ab und beinhaltet die verschiedensten Persönlichkeitstypen. Vom stylischen Hipster bis zur Korsett-tragenden, betagten Dame ist alles dabei. Die Poetry-Slam Bühnen können ebenfalls ganz unterschiedlich aussehen: Slammende sieht man Open-Air im Park, auf Theaterbühnen oder in Turnhallen. Nicht erst seit gestern gibt es auch verschiedene Online-Formate.

Der Legende nach stammt Poetry-Slam aus Chicago, der erste Poet war demnach Marc Kelly Smith. Der revolutionierte das bekannte Vorlesen am Tisch und entwickelte Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts den Poetry Slam. Bald danach hatte das Konzept von Poet*innen, die ihre eigenen Texte vortragen und dafür vom Publikum – nicht von einer Jury! – bewertet werden, nach Deutschland geschafft. Mittlerweile gibt es hierzulande zahllose Meisterschaften, und natürlich die regionalen Auftritte.

In Tübingen gibt es seit 2004 den Poetry-Slam Tübingen, ins Leben gerufen von Asli Kücük. Und auch unser Campus-Magazin richtete seit dem Wintersemester 2019/20  jährlich den Kupfer-Slam aus. Wir von der Kupferblau haben uns die Zeit genommen, mit drei Poet*innen zu sprechen, die schon bei mindestens einer dieser Slams aufgetreten sind.

Plakat unseres letzten Kupferslams

Tübinger Poet*innen

Tonia Krupinski

Da ist zum einen Tonia Krupinski, Rhetorik-Studentin in Tübingen. Als  wir sie fragten, wie sie denn zum Slam gekommen ist, antwortete sie:

“Ich bin durch den Brechtbau gelaufen, auf dem Mülleimer lag ein Zettel “Slammer*innen gesucht – Amnesty international”. Da dachte ich mir, dass ich das mal ausprobieren will und hab mich einfach angemeldet. Das war Ende 2019. Völlig panisch hab ich in der Nacht davor einen Text geschrieben, diesen dann, super nervös ins Mikrofon atmend, mit zitterndem Textblatt vorgetragen. Es hat mir Spaß gemacht und ich hab seitdem nicht mehr aufgehört.”

Diese Geschichte zeigt, wie leicht der Einstieg in die Slam-Szene sein kann. „Einfach machen. Einen Text schreiben, ihn Freund*innen vorlesen, ihn, wenn man sich gut damit fühlt, auf die Bühne bringen!“ das rät Tonia allen, die mit mal ein bisschen Poetry-Slam Luft schnuppern wollen.
Tonia schreibt ihre Texte gerne über Dinge, die sie bewegen. Von guter Laune zu Alltagsstress und Weltschmerz, allgemein sei alles dabei. Am liebsten mag sie lyrische und ästhetische Texte. Das, was sie am Slam am meisten genießt, ist die unmittelbare Rückmeldung vom Publikum.

Mittlerweile steht Tonia regelmäßig auf vielen Bühnen in ganz Deutschland. Sie erzählt mit leuchtenden Augen von den Touren, auf die sie oft fährt, von einem Slam zum anderen, von den Leuten, die sie immer wieder trifft oder auch neu kennen lernt.

Die Slammerin Marina Sigl bei einem Auftritt.
Marina Sigl

Eine dieser Personen ist Marina Sigl. Auch sie ist viel in der Slam-Szene anzutreffen. Denn neben ihrer Tätigkeit als Slammerin, moderiert sie Slam-Veranstaltungen und ist Mitwirkende der Bücher “Dichterwettstreit“. Marina kommt ursprünglich aus Konstanz, lebt aber mittlerweile in Tübingen. Wie Tonia tritt sie nicht nur hier in Tübingen, sondern überall in Deutschland auf. Ihren Weg zum Poetry-Slam beschreibt sie so: 

“Geschrieben habe ich im Endeffekt schon immer. Das hat angefangen mit lustigen Texten für die Abizeitung, dann hatte ich später einen Blog mit Kurzprosa und Lyrik und irgendwann habe ich eine Hochschulgruppe für kreatives Schreiben gegründet, weil mir der Austausch über das Schreiben und über eigene Texte gefehlt hat. Dort kam dann zum ersten Mal die Idee auf, vor Publikum zu performen und ich habe beschlossen, bei einem Poetry Slam teilzunehmen. Beim lokalen Veranstalter habe ich mich über die offene Liste angemeldet, teilgenommen – und dann einfach nicht mehr aufgehört.”

Es zeigt sich also: Wer einmal angefangen hat, der kommt schwer wieder los vom Poetry-Slam. Wer sich einmal in Poetry-Slam verliebt hat, der hat wohl eine Liebe fürs Leben gefunden. Wie sieht diese Liebe für Marina aus? Was mag sie am Poetry-Slam besonders?

“Das Besondere an Poetry Slam ist, dass es ein sehr modernes, sehr unmittelbares Literaturformat ist, in dem Texte tatsächlich zum Leben erweckt werden und von den Teilnehmenden mit allem, was sie zu bieten haben, performt werden. Poetry Slam vereint außerdem viele unterschiedliche Stile – von Comedy über Kabarett bis hin zu tiefsinniger Lyrik – und jeder Poetry Slam Abend ist daher wie ein großes, sehr buntes, Überraschungsei.”

Das besondere am Poetry-Slam ist, dass (…) Texte tatsächlich zum Leben erweckt werden.

Marina Sigl

Natürlich wollten wir auch von Marina wissen, welche Stile und Themen sie am liebsten mag. Welches ihre Lieblinge in dieser großen Palette sind. Sie antwortet: 

Ich schreibe prinzipiell über alles, wobei natürlich oft ein autobiografischer Bezug in meinen Texten zu finden ist. Mir ist die Form allerdings wichtiger als das Thema – am liebsten schreibe ich entweder lustige Texte oder gefühlvolle Lyrik. Mein Ziel dabei ist, das Publikum mit einem schönen Gefühl zurückzulassen, indem ich sie entweder in eine lyrische Klangwelt entführe oder zum Lachen bringe.

Während Tonia also mehr Wert auf Themen legt, die ihr wichtig sind, steht für Marina die Form und das Publikum im Mittelpunkt. Es gibt also unterschiedliche Herangehensweisen an das Verfassen von Texten. Bei der Frage, wie man am besten mit dem Slammen anfangen könnte, sind die beiden sich jedoch einig: Auch Marina findet, dass man es einfach mal ausprobieren sollte:

“Einfach machen! Schreib deinen lokalen Veranstalter an, frag nach einem Startplatz und dann probier’ dich einfach aus. Es gibt quasi überall Plätze über die offene Liste und die Slam-Szene freut sich immer über neue Gesichter.”

Eine typische Poetry-Slam Bühne, hier aus dem LTT Tübingen.
Hagen Wagner

Jemand, der das mit dem Slam einfach mal ausprobiert hat, ist Hagen Wagner. Er ist ein Newcomer in der Slam-Szene. Sein Debut war der letzte Kupfer-Slam, der digital stattfand. Wir haben Hagen gefragt, wie es sich angefühlt hat, seinen ersten Poetry-Slam zu bestreiten:

Dazu kann ich sagen, dass es für mich ein sehr intensives Erlebnis war, die Texte, die man ja eigentlich immer nur für sich selbst geschrieben hat, jetzt vor einem Publikum vorzutragen. Der Text funktioniert anders, wenn man ihn, statt leise zu lesen, anderen vorspricht. Ich verarbeite mit Lyrik oft sehr persönliche Dinge, das hat dann etwas sehr Intimes. Ich war am Anfang unsicher, ob ich mich darin wohlfühlen würde, doch am Ende war es genau die richtige Entscheidung beim Kupfer-Slam mitzumachen, weil einem sowohl Publikum als auch die anderen Slam-Poet*innen das Gefühl gegeben haben, dazuzugehören – du bist hier und deine Stimme verdient es, gehört zu werden. Damit konnte ich viel Erwartungsdruck und Lampenfieber abbauen.

Klar, online war natürlich nicht dasselbe wie im Saal mit echtem Publikum – der Applaus war eingespielt, die Übertragungsqualität des Mikros über Zoom ließ auch zu wünschen übrig – was bei der Stimme als Medium des Slams ja umso bedauernswerter ist… Dafür aber hatte ich die Gelegenheit, in meinen eigenen vier Wänden zu bleiben und mich dadurch ein wenig “selbstsicherer” zu fühlen. Ich konnte sogar meine Jogginghose anziehen, ohne dass es jemanden gestört hat. Was mir allerdings sehr gefehlt hat, war die poetische Atmosphäre. Das lässt sich über Zoom leider kaum simulieren. Daher hoffe ich sehr, dass der nächste Slam wieder in Präsenz stattfinden kann, sobald die Pandemie es zulässt.”

Einfach trauen!

Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass es prinzipiell ganz einfach ist, zum Slam zu kommen: Es reicht, einen Veranstalter in der Nähe zu finden, anzuschreiben und teilzunehmen. Vielleicht klappt das nicht direkt beim ersten Mal, aber dran bleiben lohnt sich! Und für alle, die nicht – oder nicht sofort – auf der Bühne stehen wollen, empfiehlt sich immer noch der Besuch von Poetry-Slams. Alle angehende*n Künstler*innen lernen von Vorbildern und der Konkurrenz. Und außerdem ist ein Poetry-Slam mit all den Gefühlen, der Lyrik und den verschiedenen Persönlichkeiten immer eine Erfahrung wert.

Wir hoffen, wir konnten euch einen guten Einblick in den Einstieg in die Slam-Szene bieten, und bedanken uns bei Marina, Tonia und Hagen für die guten Gespräche.  

Fotos: Clara Eiche, Natalie Friedrich
Plakat: Kupferblau Redaktion

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