Studium in der Krise

Viele Studierende fühlen sich allein. Allein vor ihrem Laptop, allein in ihrem Zimmer, allein in ihrem Studium. Die erneute Rückkehr zur Online-Lehre lässt viele verzweifeln. Doch was tun, wenn weder studentische Gremien wie der Studierendenrat noch die Unileitung Verständnis zeigen? Ein Student aus dem dritten Bachelor-Semester erzählt von der Verzweiflung, von seinem Studium in der Krise.

Die Sonne verschwindet allmählich hinter der Schwäbischen Alb. Malte (Name geändert) steht auf einem Aussichtspunkt auf dem Schlossberg und lässt seinen Blick über Tübingen schweifen. Er nimmt sich lange Zeit, bevor er etwas sagt.

„Ich weiß einfach nicht mehr weiter. Man fühlt sich irgendwann abgespeist.“

Diesen Satz wird er im Gespräch noch öfter sagen. Malte studiert im dritten Semester an der Philosophischen Fakultät. In diesem Semester hatte er zum ersten Mal Präsenzveranstaltungen, hat zum ersten Mal mit Kommiliton*innen und Profs im selben nicht digitalen Raum diskutieren können. Jetzt, etwa zwei Monate nach Semesterbeginn, stellen die Dozierenden den Präsenz-Unterricht wegen der steigenden Corona-Fallzahlen nach und nach wieder ein. Was bleibt, ist in erster Linie Frust bei den Studierenden. In seinen Seminaren seien alle Personen geimpft, sagt Malte. Als er und seine Kommiliton*innen ihre Dozierenden fragten, warum sie wieder in den Online-Modus wechseln, seien sogar die ratlos gewesen. Also wandten Malte und seine Freund*innen sich an verschiedene Ebenen der Uni: den Studierendenrat, den Fakultätsrat, sogar an die Unileitung. Eine plausible Antwort mit einer nachvollziehbaren Begründung habe er nicht bekommen, sagt er.

Die Antworten der Unileitung und des Studierendenrats hätten schließlich dieses Gefühl in ihm geweckt: abgespeist zu werden. Wie Malte haben viele in der Pandemie ihr Studium angefangen, sind aus weit entfernten Orten extra nach Tübingen gezogen und sitzen nun im dritten Semester vor ihrem Laptop statt im Hörsaal.  „Gegen die Fakten können wir natürlich nichts machen“, sagt Malte. „Corona ist einfach Mist. Wir leugnen ja nicht, dass das ein gefährliches Virus ist. Aber langsam wissen wir einfach nicht mehr weiter“. Ihr Frust und ihre Verzweiflung kommen vor allem von dem Gefühl, nicht wahrgenommen zu werden.

Wenn Nachfragen nichts bringt, müsse man sich eben anders Gehör verschaffen. Aber wie? Die Gruppe hätte schon überlegt, wie sie mehr Aufmerksamkeit für ihre Lage bekommen könnte, erzählt Malte. Ein paar seiner Kommiliton*innen wollen Banner malen und an Uni-Gebäuden aufhängen oder zu einer kleinen Demonstration aufrufen. Das Problem: „Wir wollen nicht mit den Querdenker*innen in einen Topf geworfen werden“, sagt er. Dass mehrere Studierende unzufrieden mit den aktuellen Regeln sind, zeigt zum Beispiel die Gründung einer studentischen Querdenken-Gruppe. Auch der Studierendenrat hat mehrere E-Mails bekommen, in denen Studierende um Solidarität baten, weil sie sich durch die Corona-Maßnahmen der Universität ungerecht behandelt fühlen. „Wir befürworten die Corona-Maßnahmen zum Großteil. Wie die Situation an der Uni geregelt wird, verstehen wir aber nur bedingt“, sagt auch Malte. Immer wieder betont er, dass er und seine Freund*innen keine Querdenker*innen seien. Aber was wollen sie, wenn sie mit den Maßnahmen eigentlich einverstanden sind und keine vermeintliche Corona-Diktatur wittern? Malte sagt: „Wir wollen einfach ernst genommen werden.“

Ein ehemaliger Mittelpunkt studentischen Lebens: Vor der Corona-Pandemie fanden im Clubhaus jede Woche Feste statt; außerdem trafen sich hier Hochschulgruppen.

Das ist wohl der Knackpunkt. Es geht um Anerkennung der eigenen Situation. Darum, dass einer ganzen Generation an Studierenden die Erfahrungen der ersten Semester verwehrt bleiben. Dass sie sich nicht in den Gängen von Hörsaalzentren verirren, sich mit Kommiliton*innen im Seminarraum streiten und nach dem Seminar den Streit bei einem Kaffee weiterführen können. Diese Verluste werden als selbstverständlich angesehen, das wegfallende Studi-Leben als Bagatelle gewertet. Am meisten ärgere ihn die Rücksichtslosigkeit einiger weniger, die sich noch immer nicht impfen lassen wollen – dabei sind 90 Prozent der Studierenden in Baden-Württemberg geimpft. „Ich habe mittlerweile wenig Verständnis dafür, wenn sich die Mehrheit so massiv einschränken muss, nur, weil sich ein paar Leute nicht impfen lassen wollen“, sagt Malte. Er kenne Leute, die ihr Studium wieder abgebrochen haben, weil sie sich ihre Zimmer in Tübingen nicht mehr leisten können oder weil durch die Isolation die psychische Belastung zu hoch geworden ist. Viele würden sich außerdem die Frage stellen, ob ihr Studium durch das Hin und Her der vergangenen Semester überhaupt einen Sinn ergibt.

Aber einfach zur Präsenzlehre zurückzukehren ist auch nicht die Lösung, das sagt auch Malte. Er und seine Freund*innen hoffen auf mehr hybride Veranstaltungen. So könnten viele Studierende wenigstens ein kleines Stück des normalen Studienalltags zurückbekommen. Malte hat noch einen zweiten Wunsch: „Es wäre schön, nicht einfach im Abstand von ein paar Wochen vor vollendete Tatsachen gestellt zu werden“. Er wünscht sich mehr Transparenz von Seiten der Unileitung, mehr Möglichkeiten zur Einbindung der Studierenden in Entscheidungen, die ihren Alltag so massiv betreffen. Nicht mehr mit einer Antwort abgespeist werden, die die eigene Ohnmacht ausdrückt. Vielleicht ist es das, wovon wir mehr brauchen: einander zuhören und aufeinander zugehen – egal, ob im Rektor*innenbüro oder in der Mensa.

Beitragsbild: Marko Knab
Foto: Sina Gramlich

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