Ist Männlichkeit eine Kompetenz? Zur Ressortverteilung im neuen Bundeskabinett

Im Zeitraum von 1949 bis 2017 wurden lediglich 43 der 263 Ministerposten an Frauen vergeben. Daher ist es ein wichtiger Schritt, dass im neuen Bundeskabinett unter Kanzler Olaf Scholz erstmals eine paritätische Verteilung der Ministerien zwischen Männern und Frauen vorgenommen wurde. Wir haben uns umgehört, was die Tübinger*innen zu dieser Verteilung sagen. Ist das Geschlecht für viele ein wichtiges Kriterium bei der Vergabe der Ministerien und wie schätzen sie die neuen Minister*innen ein?

Ich stehe auf dem Marktplatz in der Innenstadt, vor mir diskutieren Marian (26) und Mandy (27) miteinander. Ich habe die beiden nach ihrer Meinung zur neuen Bundesregierung gefragt. Marian beschreibt, was für ihn einen guten Minister oder eine gute Ministerin ausmacht. Expertise ist ihm wichtig, wie sie beispielweise der neue Gesundheitsminister Karl Lauterbach mitbringe. Aber auch den Rat externer Experten anzunehmen sei wichtig. Marian überlegt kurz, ob Annalena Baerbock für das Amt der Außenministerin geeignet ist, da sie noch relativ wenig Erfahrung hat. Mandy schaut ihn empört an und meint, dass das wieder eines dieser Geschlechterklischees sei. Frauen müssten immer mehr leisten und mehr Erfahrung haben, um in der Gesellschaft die gleiche Anerkennung zu bekommen. Die Eignung und Kompetenz eines jungen Mannes würden nicht so schnell in Frage gestellt argumentiert sie weiter – so zum Beispiel bei dem Österreicher Sebastian Kurz, den alle für sein junges Alter bewundert haben. Marian überlegt kurz und stimmt ihr dann zu.

Am 8. Dezember wurde nach langen Koalitionsverhandlungen endlich die Bundesregierung unter Kanzler Olaf Scholz vorgestellt. Es fiel sofort ins Auge, dass die Ministerien gleichermaßen an Männer und Frauen verteilt wurden. Mit dem Außen- und dem Innenministerium haben sogar zwei Ministerien zum ersten Mal eine Frau an der Spitze. Damit bleibt das Finanzministerium das einzige Ressort, welches bisher noch nie von einer Frau geleitet wurde. Das Familienministerium wird wie in über 80% der Fälle weiterhin von einer Frau geleitet. Anders ergeht es dem Gesundheitsministerium, das historisch gesehen von mehr Frauen als Männern geleitet wurde, jedoch mit Karl Lauterbach wieder einen Mann an der Spitze hat.

“Ich finde es nicht gut, dass schon wieder eine Frau das Verteidigungsministerium leitet, weil die einfach nicht so viel Ahnung von der Materie haben.”

Eine Tübingerin (55)

Kompetenz anstatt Geschlecht?

Bei einer Umfrage in der Innenstadt wollten wir wissen, was die Tübinger*innen von der Verteilung der Ministerien halten. Schnell wird deutlich, dass die meisten von der paritätischen Verteilung der Ressorts gehört haben und diese gut heißen. Jedoch nennen fast alle Befragten ein Kriterium, welches bei der Ernennung der Minister*innen wichtiger sei als deren Geschlecht – nämlich Kompetenz. Eine berechtigte Forderung! Allerdings stellte sich mir immer mehr die Frage, ob Kompetenz bei Männern und Frauen mit zweierlei Maß gemessen wird.

Sobald wir auf einzelne Minister*innen zusprechen kamen, zeigten sich Unterschiede in der Beurteilung. Karl Lauterbach traute man stets zu, der Herausforderung einer weltweiten Pandemie gewachsen zu sein, während an Annalena Baerbock immer wieder Zweifel geäußert wurden. Sie habe nicht genügend Fingerspitzengefühl und Erfahrung für den Posten als Außenministerin. Auch die Tatsache, dass schon wieder eine Frau zur Verteidigungsministerin ernannt wurde, fand eine Tübingerin befremdlich, „da sie doch nicht so viel mit der Materie zu tun hat“. Lobend wurde nur die neue Innenministerin Nancy Faeser genannt, der man aufgrund ihrer Teilnahme am NSU-Untersuchungsausschusses eine klare Haltung gegen Rechtsextremismus zutraute.

Niedrige Vertrauenswerte für Ministerinnen

Ist es vielleicht nur Zufall, dass vor allem den neuen Ministerinnen in unserer Umfrage weniger Kompetenz eingeräumt wurde? Eine aktuelle Forsa-Umfrage zeigt deutlich, dass die Ergebnisse sich auch außerhalb Tübingens bestätigen. Mit Svenja Schulze (Wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit) kann nur eine der acht Ministerinnen zumindest die Hälfte der Deutschen (51%) von ihrer Eignung überzeugen. Anders sieht es bei den Ministern der neuen Regierung aus. Hier müssen sich lediglich Marco Buschmann (Justiz) und Volker Wissing (Verkehr und Digitales) mit Umfragewerten unter der 50%-Marke begnügen. Minister wie Karl Lauterbach (73%) und Cem Özdemir (65%) haben sogar fast doppelt so hohe Vertrauenswerte wie viele Ministerinnen.

Bemerkenswert ist weiterhin, dass Frauen in Bereichen, die nicht mit typischen „Frauenangelegenheiten“ assoziiert werden, für weniger kompetent gehalten werden. So sagen nur 26%, dass sie die neue Verteidigungsministerin Christine Lambrecht für geeignet halten; Anne Spiegel, die in Zukunft das Familienministerium leiten wird, halten jedoch 48% für kompetent.  Spiegeln diese Umfragewerte eine berechtigte Kritik an einzelnen Personalien wider oder zeigen sie nur, dass Männlichkeit in Deutschland noch immer eine Kompetenz ist?

Damit wären wir wieder bei dem Dilemma, dem auch Marian und Mandy in ihrer anfänglichen Diskussion gegenüberstanden. Ab wann ist die Kritik an einer Frau in hohen Positionen berechtigt und wann bedienen wir uns nur geschlechterspezifischer Stereotypen? Wir leben in einer Gesellschaft, die Kompetenz oft weißen Männern zuschreibt, daher ist es manchmal wichtig, die eigenen Bedenken zu hinterfragen.

Beitragsbild: Hannah Burckhardt

Bild Karl Lauterbach: Von Sandro Halank, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=113153291

Bild Annalena Baerbock: Von Michael Brandtner – Eigenes Werk, CC-BY 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=109424344

Bild Christine Lambrecht: Von Olaf Kosinsky – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=57396705

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