Naschen mit den Augen – Rückblick auf das spanische Filmfestival

Das Festival de Cine Espanol fand vom 1. bis zum 8. Dezember im Kino Atelier statt. In diesem Rahmen wurden 15 Filme vorgeführt, dir alle aus dem spanischen Raum kommen. Den Zuschauer*innen wurde damit nicht nur die Möglichkeit gegeben, in die Welt des spanischen Filmemachens einzutauchen, sondern auch in andere Umgebungen und Thematiken, wodurch die Filme eine besondere Faszination erwecken.

„Wir freuen uns auch sehr hier zu sein“, ruft einer der Zuschauer durch den Kinosaal als Antwort auf die Ankündigung des Films Clara Sola (2021), der die spanischen Filmtage in Tübingen am Mittwoch, dem 08. Dezember abschließt. Und wie wir uns freuen! Nachdem der ChocoMARKT abgesagt wurde, hatten wir wenigstens in dieser Woche die Möglichkeit unsere Abende besonders zu gestalten, in andere Welten einzutauchen und ein wenig mit den Augen zu naschen.
Insgesamt 15 Filme wurden im Kino Atelier in der vergangenen Woche (1.-8. Dezember) gezeigt. Bei allen Filmen handelt es sich um Produktionen, die sich auf beeindruckend vielfältige Weise mit Thematiken des spanischsprachigen Raums beschäftigen. Sowohl in Spielfilmformaten als auch in Dokumentation können wir Zuschauer*innen Einblicke in uns fremde Traditionen, Kulturen und Umgangsweisen gewinnen.

Große Auswahl – weite Blicke

Die Filme sind dabei in vier Kategorien unterteilt: „Neue Filme aus Spanien“, „Hier & Dort“, „Indigenes Kino“ und „ChocoKINO“. Die Kategorie „Neue Filme aus Spanien“ umfasst neun Filme, die allesamt aus Spanien stammen. Unter die Kategorie „Hier & Dort“ fallen ein Film aus Mexiko, einer aus Peru und ein weiterer aus Costa Rica. Die Kategorie „Indigenes Kino“ wird auf der Website des Cine Espanol besonders hervorgehoben, denn am 10. Dezember ist der Internationale Tag der Menschenrechte, welchen sich das Festival im Vorhinein zum Anlass nahm, um auf die Rechte von Minderheiten und indigenen Volksgruppen aufmerksam zu machen. Mit dem Dokumentarfilm „El Maíz en Tiempos de Guerra“ (Mais in Kriegszeiten, 2016), der am 02.12 im Kino zu sehen war, fiel die Wahl auf einen Film, der auf eindringliche Weise die Bedeutung der biologischen Vielfalt und der traditionellen Produktionsweisen unterstreicht. Das „ChocoKINO“ steht als letzte Säule des abgesagten chocoMARKTs und beinhaltet zwei Filme, bei denen sich alles um Schokolade und Kakao dreht.

Die Auswahl der Filme ist ebenso abwechslungsreich wie spannend und spiegelt damit die Vielfalt der (spanischen) Kulturen und Traditionen wider. Die meisten Filme wurden in Originalsprache mit englischem Untertitel gezeigt und haben die Zuschauer*innen dadurch noch einmal mehr in die authentisch dargestellten Alltagsszenarien mitgenommen.

Clara Sola – krönender Abschluss des Festivals

Den Abschluss machte der Spielfilm Clara Sola. Eine grandiose Wahl, wurde dieser Film doch bereits Anfang des Jahres schon bei den Oscars nominiert als bester internationaler Film. Bei einer kurzen Einführung erfahren wir, dass keine*r der Schauspieler*innen professionell sei und auch die Hauptdarstellerin, Wendy Chinchilla Araya, mit diesem Film ihr Leinwanddebüt feiere. Doch davon ist bei dem Film nichts zu merken. Wir tauchen tief ein in den Alltag einer kleinen Familie bestehend aus Mutter, Tochter und Nichte, die in einer kleinen Hütte im Dschungel Costa Ricas wohnt. Die 40-jährige Protagonistin Clara, wird – das wird gleich zu Beginn des Films deutlich – von ihrer Mutter als Verkörperung der Jungfrau Maria betrachtet. Die Mutter kleidet sie in Gewänder, macht ihr die sonst so zerzausten Haare und nimmt sie mit zu Nachbarn, bei denen sie ihre Rolle als Heilerin und Jungfrau erfüllen soll. In mindestens ebensolcher Deutlichkeit zeigt sich, dass Clara davon wenig begeistert ist.

Halt findet Clara zum einen bei dem Pferd der Familie, der weißen Stute Yuca, mit der sie durch das Grün des Dschungels streift und so Zuflucht findet in der Natur und der Natürlichkeit.
Zum anderen bei ihrer Nichte, die kurz vor ihrem 15-ten Lebensjahr steht. Aufgrund der Zeit, die die beiden miteinander verbringen, wird Clara konfrontiert mit dem jugendlichen Erwachen. Damit steht nicht nur der Gegensatz von Zwang und Freiheit im Raum, sondern auch der von Religion und Sinnlichkeit.

Mit kunstvollen Inszenierungen und einer kreativen Kameraführung zieht die Geschichte die Zuschauer*innen in ihren Bann. Eine Welt, in der Lust und Leidenschaft als eklig abgetan und verboten werden, bei der Finger in Chilischoten getaucht werden um Masturbation zu verhindern, erscheint bizarr und weit weg. Dabei müssen wir gar nicht so weit schauen.

Der Abspann läuft und alle Anwesenden warten in gespannter Ruhe bis auch der letzte Name die Leinwand verlassen hat. Dann wird durchgeatmet und getuschelt. Mit Clara Sola findet das Festival de Cine Espanol ein gelungenes, eindrückliches Ende.

Letzte Chance

In den kommenden Tagen habt ihr noch die Chance vereinzelte Filme des Festivals im Kino Arsenal zu schauen – wer Zeit hat, sollte das unbedingt tun. Es lohnt sich!

Sanmai: la novia del desierto: Fr., 10.12. um 18:15Uhr

Clara Sola: Fr., 10.12, um 20:15Uhr

Fotos: Festival de Cine Espanol

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