Es geht um Leben und Tod – Einblick in Tübingens Intensivstationen

Intensivstationen, Triage und Impfpflicht. Diese Worte kommen uns allen aus den Medienberichten der letzten Wochen bekannt vor. Für mehr Durchblick bei diesen Themen hat “Sectio chirurgica” am 02.12.21 eine Podiumsdiskussion in der Klinischen Anatomie Tübingen veranstaltet. Neben Einblicken in die Tübinger Intensivstation haben Expert*innen medizinische Vorgänge und Auswirkungen der Pandemie auf Personal und Patient*innen erläutert.

Normalerweise drehen in der Klinischen Anatomie Tübingen erfahrenen Chirurg*innen und Anästhesist*innen Lehrfilme für Studierende. Am 02.12.21 fand hier eine übertragene Podiumsdiskussion statt. Die besprochenen Themen wurden durch Videos aus den Stationen begleitet und von den Expert*innen erläutert. Professor Dr. Bernhard Hirt leitete die Diskussion und führt die circa 1500 Zuschauer*innen durch den Abend. Zu Gast waren Michael Schlotterer, pflegerische Bereichsleitung der Intensivstation 39; Prof. Dr. Dr. Urban Wiesing, Ethik und Geschichte der Medizin; Prof. Dr. Stefanie Joos, Allgemeinmedizin & Interprofessionelle Versorgung und Prof. Dr. Peter Rosenberger, Anästhesiologie und Intensivmedizin.

Intensivstationen und aktuelle Lage

Zu Beginn informiert Herr Michael Schlotterer über die aktuellen Zahlen in der Tübinger Intensivstation. Die Station 39 sei bereits zur Hälfte mit Corona-Erkrankten gefüllt. Das seien 18 Menschen. (Stand 02.12.21). Davon seien 14 ungeimpft und vier hätten einen Impfdurchbruch erlebt. Ein Impfdurchbruch kann bei Vorerkrankungen oder auch Immunschwächen verzeichnet werden und reduziert die Wirkung der Impfung.

Insgesamt seien 25 Covidpatient*innen auf Tübinger Intensivstationen. Professor Rosenberger erzählt von den Auswirkungen der erhöhten Infektionswerte: “Wenn die hohen Infektionszahlen da sind, dann dauert es circa zwei Wochen und dann kommen teilweise täglich zwei bis drei Patienten auf die Intensivstationen”.

Die Patient*innen seien nicht nur ältere Menschen. Es wurde darauf aufmerksam gemacht, dass auch junge Menschen betroffen seien und auf Intensivstationen liegen. Auch hier gibt es Fälle mit schweren Verläufen und ausgeprägten Langzeitfolgen.

Was beschränkt die Bettenzahl?

Mehrfach betonten die Expert*innen die Bedeutsamkeit der Pflegekräfte. Neben den Coronapatient*innen seien nochmal genauso viele andere Patient*innen auf der Intensivstation, die auch auf Pflegepersonal angewiesen seien. Auch wenn mehr Betten zur Verfügung stehen würden, helfe das nicht viel. Da Pflegekräfte und Ärzte und Ärztinnen fehlen, können nicht viel mehr Menschen behandelt werden.

„Apparate haben wir für sehr viele Betten und wir können da sicherlich mehr zur Verfügung stellen, aber die limitierte Ressource ist der Mensch und bei uns vor allem die Pflegekräfte.“

Prof. Dr. Peter Rosenberger, Anästhesiologie und Intensivmedizin

Auf der Intensivstation 39 sind rund 150 Ärzte, Ärztinnen und Pflegekräfte vor Ort. Während der ersten Welle wurde in Tübingen Personal von anderen Bereichen auf die Intensivstationen versetzt. Damit arbeiteten auf der Station 39 laut Schlotterer an die 300 Menschen.  

Auch wenn diese Zahl auf den ersten Blick nach viel aussieht, ist nicht genug Personal vorhanden, um diese Besetzung dauerhaft aufrechtzuerhalten. Je nach Belastung fallen laut Herr Schlotterer „Nicht-Covid“ Krankenhausbetten weg und Operationen müssen zusätzlich verschoben werden. Weil die Belastung in den Corona-Wellen besonders hoch sei, müssten Operationssäle geschlossen werden, damit das Personal auf den Corona-Stationen arbeiten könne. Das habe zur Folge, dass jetzige kleine Eingriffe wegen der Verschiebung zu großen Eingriffen würden und sogar unwiderrufliche Schäden anrichteten. Somit wirke sich die Überlastung der Krankenhäuser auch auf nicht infizierte Menschen aus.

Professorin Dr. Stefanie Joos, betont die Relevanz der Hausärztinnen und -ärzte. Sie tragen eine große Verantwortung in der rechtzeitigen Einweisung in Krankenhäuser. Zusätzlich haben sie zur Zeit einen großen Mehraufwand durch Impfungen oder Hausbesuche.

Einblick in Intensivstation

Ein Lehrvideo demonstriert den Ablauf einer Einlieferung eines COVID-Patienten. Gute Teamarbeit des Personals sei hier zentral. Es müssen so schnell wie möglich alle lebenserhaltenden Maßnahmen ergriffen werden. Professor Rosenberger verdeutlicht, dass bei schweren Verläufen in etwa einer Stunde alle lebenserhaltenden Funktionen durch Geräte oder Medikamente unterstützt werden. In dem Video sieht man einen COVID-Patienten, der an schwerer Atemnot leidet und von drei Pfleger*innen versorgt wird.

Häufig wurde die sogenannte ECMO angesprochen, die Extrakorporale Membranoxygenierung. Dieses Gerät unterstützt oder übernimmt die Lungenfunktion. Bei schwer erkrankten Coronapatient*innen wird dieses Gerät über große Blutgefäße angeschlossen und kann sogar vollständig die Funktion der Lunge ersetzen.

Professor Rosenberger bei Diskussion. Schulungsvideo im Hintergrund.

Triage

Das Wort Triage kommt aus dem Französischen und heißt so viel wie “Auswahl” oder “Schichten”. Im medizinischen Bereich ist hiermit die Einteilung der Patient*innen gemeint, um zwischen milden und schweren Fällen zu unterscheiden. Die Ärzte und Ärztinnen bestimmen eine Reihenfolge der Behandlungen. Dieses Verfahren ist besonders aus der Kriegsmedizin bekannt. Das Ziel des Verfahrens ist es, dass möglichst wenig Menschen sterben. Soziale Schichten, Behinderungen oder Geschlecht werden nicht beachtet. Man orientiert sich an einer Entscheidungshilfe der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI). Das Formular bietet ethische und gesetzliche Richtlinien für den Ernstfall.

Trotzdem hat laut dem Grundgesetz jede*r Bürger*in in Deutschland ein Recht auf medizinische Versorgung. Die Triage ist also nicht an eine Krankheit gebunden und beträfe somit alle Patient*innen, die auf einer Intensivstation liegen. Im schlimmsten Fall müsste dann ein*e Patient*in mit schlechten Überlebenschancen das Bett „räumen“, um einer anderen Person mit besseren Chancen das Bett auf der Station zu überlassen. Dieser Fall sei noch nicht eingetreten in Tübingen. Trotzdem macht Professor Dr. Dr. Urban Wiesing auf noch stärkere psychische Belastung des Personals aufmerksam, das jetzt schon ausgelastet sei.

„Wir können nicht von einer Welle in die nächste reiten. Wir haben die Welle Covid. Wenn die Covid-Welle vorbei ist, haben die Welle „Operationen aufholen“ und dann kommt schon die nächste Covid-Welle. […] Meine persönliche Meinung ist ganz klar eine Impfpflicht, um aus diesem Teufelskreis herauszukommen.“

Michael Schlotterer, pflegerische Bereichsleitung der Intensivstation 39

Impfpflicht

Die Expert*innen sprachen sich alle für eine allgemeine Impfpflicht aus. Eine einrichtungsbezogene Impfpflicht sei nicht genug, da besonders in Krankenhäusern bereits sehr hohe Impfquoten beim Personal zu verzeichnen sind.

“Impfung ist nicht nur Privatsache, sondern sie ist, weil ich infektiös bin, auch Gesellschaftssache. Die jetzige Situation ist die: weil 20 % der Bevölkerung ihre Freiheit nutzen, sich nicht zu impfen, sind 100 % der Gesellschaft eingeschränkt.”

Prof. Dr. Dr. Urban Wiesing, Medizinethik

Abschließend betonen alle Anwesenden die Relevanz einer Impfpflicht mit dem Verweis auf andere Impfungen, die bereits verpflichtend sind. Besonders mit Blick in die Intensivstationen appellieren sie für die Impfung und die Booster. Professor Holderried, ärztlicher Leiter des Mobilen Impfteams Tübingen, macht erneut auf die mobilen Impfzentren aufmerksam. Dennoch sei dies auch nur ein kleiner Fortschritt und keine akute Lösung für die Überlastung der Intensivstationen.

Bei Interesse oder mehr Informationen zu „Sectio chirurgica“ findet ihr hier die Website und den YouTube Kanal.

Fotos: Klinische Anatomie Tübingen

Ein Kommentar zu “Es geht um Leben und Tod – Einblick in Tübingens Intensivstationen”

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.