Allerlei Rechtes im Kreis Tübingen

Tübingen ist für viele eine kleine verträumte, linksliberale, grüne Stadt am Neckar.  Fahrradfahrer*innen wohin das Auge reicht, eine Innenstadt, die noch nicht von Autos eingenommen wurde, feministische Buchläden, Vintage-Läden, und so viele fleischlose Alternativen. Vielleicht sollte man sich aber nicht zu schnell täuschen lassen. Denn auch im vermeintlich alternativen Tübingen gibt es allerlei Rechtes. Der Arbeitskreis Politische Bildung lud am Mittwoch, dem 24.11.2021, zum Vortrag „Allerlei Rechtes im Kreis Tübingen“ ein. Die Veranstaltung fand im studentischen Clubhaus statt, wo der Referent Lucius Teidelbaum seine Beobachtungen extremer Rechter in und um Tübingen teilte.

von Kristina Remmert und Emilian Weber

Lucius Teidelbaum ist freier Journalist, Publizist und Rechercheur. Von ihm erschien zuletzt im Unrast-Verlag das Buch „Die christlichen Rechten in Deutschland“.

Sein Vortrag unterteilte sich dabei in vier große Themenblöcke: 1.Was bedeutet „Rechts“? 2. Rechte Geschichte in und um Tübingen. 3. Allerlei Rechtes im Kries Tübingen. 4. Ein Fazit.

Was bedeutet “rechts”?

Teidelbaum beginnt seinen Vortrag – wie jeder gute Referent – mit der Frage nach der Definition. Er erklärt, dass es sehr unterschiedliche Auffassungen von dem Begriff gibt, er selber aber würde das politische „Rechts“ als antiegalitäre Einstellung gegenüber bestimmter Gruppen definieren. Unterscheiden muss man das noch einmal vom Begriff “rechtsextrem”. Rechtsextreme suchen sich ein konstruiertes Kollektiv. Die Herstellung und Verteidigung der Homogenität dieses Kollektivs werden dem Individualrecht und der demokratischen Ordnung vorgezogen. Zentral in der Differenzierung von „Rechten“ ist für Teidelbaum die Unterscheidung von zwei Varianten: Die erste Variante ist die Einstellungsebene, der schätzungsweise 10 Prozent der Bevölkerung zugerechnet werden können. Weniger hingegen sind Teil der zweiten Variante, der aktiven Ebene, bei der aus der Einstellung heraus Politik betrieben wird.

Rechte Geschichte in Tübingen

Historische Ereignisse, die im rechten oder gar rechtsextremen Lager zu verorten sind, wirken zum Teil bis in die Gegenwart hinein. So gebe es zum Beispiel  in den Gärten der Verbindungshäuser Gedenksteine, die bezeugen, dass man hier “zum Teil sehr verklärt auf den ersten Weltkrieg zurückschaut”, erklärt Teidelbaum. “Man denkt oft, wo Studierende sind, sind linksliberale Räume – aber das muss nicht immer so sein.”

Das treffe auch auf Stadt und Universität zu. Schon zur Zeit der Weimarer Republik sei Tübingen eine Hochburg des Nationalismus gewesen, was auch die sogenannte Zweite Lustnauer Straßenschlacht bezeuge. Eine “Säuberung” im Sinne der Nationalsozialisten sei letztlich fast gar nicht mehr nötig gewesen. In den 1970er Jahren habe dann vor der Mensa Prinz Karl eine weitere Straßenschlacht stattgefunden – unterstützt von der Wehrsportgruppe Hoffmann (WSG), die auf ca. 300 Gegendemonstrierende einschlug.

Sowohl Uwe Behrendt, der 1980 einen antisemitischen Doppelmord an Shlomo Lewin und seiner Lebensgefährtin Frida Poeschke beging, als auch Gundolf Köhler, der Oktoberfest-Attentäter, waren beide Tübinger Studierende. Behrendt war einst Verbindungsmitglied, Köhler zeitweise Mitglied der WSG.

Nicht nur neonazistische Gewalt gehört zu der rechten Szene, sondern auch rechte Verlage, wie es sie im Kreis Tübingen einige gibt

 Allerlei Rechtes im Kreis Tübingen

Die (extreme) Rechte umfasst weit mehr als die neonazistische Szene. Auch einige Verlage in und um Tübingen stellen eine Form der Organisation Rechter dar. So ist der einstmals als Grabert-Verlag gegründete Hohenrain-Verlag heute noch als Versandhandel tätig, er wird vom Enkel des Gründers geführt – was die Frage nach Kontinuitäten aufwirft. Der antidemokratische Verlag Antaios lässt seine Bücher in Tübingen binden. In Rottenburg sitzt der noch heute erfolgreiche Kopp Verlag, der rassistische Bücher versendet und/oder herausgibt und die Regierung sowie die Linke und Grüne zum Feindbild hat. Der Verlag hat außerdem eine eigene Nachrichtenseite. “Man könnte auch sagen, die Druckmaschine des Kopp-Verlages ist die eigentliche Lügenpresse”, meint Teidelbaum. Autor*innen des Verlages seien zum Teil in der extremen Rechten aktiv, hätten in Tübingen studiert oder gelehrt und Kontakte zu Verbindungen: “Das zeigt eine Kritikunfähigkeit und fehlende Distanz der Verbindungen zur extremen Rechten.”

Auch die parlamentarische Rechte ist in Tübingen vertreten, wobei zu beachten sei, dass parlamentarisch nicht gleichbedeutend mit demokratisch ist. Der AfD-Kreisverband ist nicht besonders aktiv, die Junge Alternative BW allerdings sei in Tübingen gegründet worden. Aus identitären Kreisen heraus sei von wenigen Personen im Oktober 2021 die Aktion “Zapfenstreich statt CSD” organisiert worden, aber: “Die Identitären haben ein Medienkonzept, das davon lebt, dass man über sie berichtet.” 

Zudem fänden in Tübingen, Reutlingen und Rottenburg gelegentlich Veranstaltungen der rechtsextremistischen Kleinpartei “Der III. Weg” und damit der neonazistischen Szene statt. Teidelbaum erklärt: “Die Anhänger*innen sind gefährlich, auch auf der Straße, aber eben nicht besonders wirkmächtig.”

Darüber hinaus biete die homophobe, christliche Rechte in der Region healing rooms an; die reaktionäre und rechte Esoterik verbreite antisemitische Verschwörungserzählungen, Querdenken sei auch hier aktiv und rechtsoffen, in Rottenburg sei die türkisch-nationalistische Rechte (Graue Wölfe) aktiv und Boris Palmer erfahre viel Zuspruch von rechts. 

1987 wurde der aus dem Iran Geflüchtete Kiomars Javadi von Angestellten eines Tübinger Supermarktes in Tübingen erwürgt. Die Polizeibeamten legten der Leiche zuallererst Handschellen an.

Fazit

Was ist nun mit Tübingen und Umgebung heute? Ist es ein als links-grün verkanntes rechtes Pflaster, oder doch eine wie eingangs erwähnte alternative Bubble? Lucius Teidelbaum kommt zum Schluss, dass Tübingen wohl kaum als rechte Hochburg bezeichnet werden kann, man aber auch nicht der Selbsttäuschung unterliegen solle, es gäbe keine Rechten. Die extreme Rechte würde zwar kaum noch wahrgenommen werden, sie ist aber durchaus vertreten. Trotzdem bleibt beim berühmt-berüchtigten ersten Eindruck das Bild eines grünen, alternativen Tübingens. Allerdings kann man sich sicher sein, dass das Klischee einer alternativ-grünen Person vielleicht genauso wenig zutrifft wie die eines Rechtsextremen.

Zum selber schlau machen

Fotos: Kristina Remmert (mit Genehmigung des Veranstalters)

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