Must read – politische und wissenschaftliche Buchtipps: Radikale Zärtlichkeit – Warum Liebe politisch ist von Seyda Kurt

In dieser Reihe stellt euch die Redaktion Politik und Wissenschaft der Kupferblau interessante, lehrreiche oder auch kontroverse Lektüre aus dem Bereich der Politik und (Populär-)Wissenschaft vor. Hier findet ihr Bücher zu relevanten Themen, die uns gerade auch als Studierende beschäftigen. Frei nach dem Motto „Must read“ – das treibt die Welt aktuell um!

Genauso revolutionär wie ihre Ideen und Visionen ist Şeyda Kurts Buch Radikale Zärtlichkeit – Warum Liebe politisch ist. Die Journalistin reflektiert darin Vergangenheit, Gegenwart und den Ursprung des Verhältnisses von strukturellen Machtverhältnissen und romantischen Beziehungen, beleuchtet Probleme und Konsequenzen, und entwirft letztlich eine radikale Zärtlichkeit als „Programm der Gerechtigkeit“.

Warum sie schreibt, erklärt Kurt schon zu Beginn ihrer Analyse: „Ich glaube nicht an eine Natur der (romantischen) Liebe, die unterdrückt wird und befreit werden muss – und schon gar nicht glaube ich an eine Sehnsucht nach romantischer Liebe, die per se männlich oder weiblich ist. Ich glaube an eine Vielfalt der Bedürfnisse und Zärtlichkeiten, die unterdrückt und vereinheitlicht werden.“

Liebe ist nicht frei

Dass romantische Beziehungen und Liebe einen Gegenpol zu Ungerechtigkeit, Diskriminierung, Zweckmäßigkeit und Gewalt sind, beschreibt Kurt als Mythos. Vielmehr setzten sich strukturelle Ungleichheiten und Formen von Gewalt in romantischen Beziehungen fort. Liebe allein kann deshalb keine Lösung zu gesellschaftlichen Problemen sein.

Schon die Vorstellung eines universalen Bedürfnisses nach Einheit zwischen Mann und Frau sei hetero-sexistisch. Auch ist sie nicht frei von Diskriminierung, schließlich beruhe sie auf westeuropäischen Denkkulturen, auf einer Logik der Dualität, die beinhalte, dass ein*e Partner*in den vermeintlich schwachen, weiblichen Teil bilde, der*die ander*e den starken, männlichen. Darüber hinaus sei es rassistisch, dass Monogamie als die einzige zivilisierte Form der romantischen Bindung gelte. Diese Norm erschwere es, die eigenen Bedürfnisse überhaupt wahrzunehmen.

“Eine Beziehung zu einer marginalisierten Person ist kein Freifahrtschein für Grenzüberschreitungen.“

Auch das Patriarchat wirke in romantischen Beziehungen weiter, was nicht nur an der Übernahme der Haus- und Care-Arbeit von als weiblich gelesenen Personen deutlich werde. Es äußere sich auch in unserem Körperbild, unserem Selbstbild und daher in den Machtverhältnissen innerhalb der Beziehung. Dass diese Diskriminierung „aus Liebe“ hingenommen werde, sei toxische Romantik, so Kurt.

Rassismus hört auch in einer romantischen Beziehung nicht auf. Er könne auch dazu führen, dass wir uns von unserem*unserer Partner*in oder unseren Partner*innen nicht gesehen, nicht verstanden fühlen. Der Rassismus führe dazu, dass wir uns gegenseitig verletzen. Aber: „Eine Beziehung zu einer marginalisierten Person ist kein Freifahrtschein für Grenzüberschreitungen.“ Wir müssten beginnen, unsere Privilegien zu reflektieren, zu erkennen, und deren Existenz zu hinterfragen.

Privilegien und die Vielfalt der Bedürfnisse

Privilegien und Diskriminierung führen dazu, dass wir unterschiedliche Erfahrungen sammeln. Daran ändere auch das Eingehen einer romantischen Beziehung nichts. Es befreit uns nicht von den Unterschieden und Grenzen zwischen uns, die es zu überbrücken gilt.  Es befreit uns nicht von Normen und Erwartungen.

„Die Macht der Normen und Erwartungen ist da am wirksamsten, wo sie stillschweigend akzeptiert wird, wo Normen und Erwartungen nicht explizit benannt und zur Verhandlung gestellt werden Dazu gehört auch die Macht der Norm des Schweigens. Des Ausschweigens.“

So verschweigen wir einander unsere Bedürfnisse. Normen und Erwartungen halten uns davon ab, unsere Bedürfnisse zu kommunizieren. Oder gar erst zu erkennen.

Zärtlichkeit kann es nicht nur zwischen Mann und Frau geben.

Radikal zärtlich sein

Um dieses Problem zu lösen, müssen wir ehrlicher kommunizieren. Dem*der Anderen Raum geben für seine*ihre Gefühle. Wir müssen radikal zärtlich sein. Für Kurt beinhaltet dies eine „wertschätzende Kommunikation“, bei der man die Erfahrungen und Bedürfnissen der*des Anderen als solche anerkennt, weil man sich bewusst ist, dass diese sich von den eigenen unterscheiden können. Eine Kommunikation, bei der man ungerechte Machtverhältnisse nicht ignoriert.

Radikal zärtlich zu sein heiße aber auch, diese ungerechten Machtverhältnisse gemeinsam zu bekämpfen. Es heiße auch, sich von den konservativen, auf Erwartungen und Normen basierenden Interpretationen von Liebe loszusagen. Es heiße, z.B. Freundschaft als Form einer romantischen, nicht-sexuellen Beziehung zu betrachten. Letztendlich heiße es aber vor allem, sich mit Weggefährt*innen zusammenzuschließen, um eine besondere Verbundenheit erfahren zu können: „unbeugsame, unermüdliche und doch formbare Verbundenheit auf dem Weg in eine andere, revolutionäre Zukunft.“

Das Radikale, Revolutionäre daran ist die Unordnung. Sich mit Anderen verbünden, um geltende Normen umzustoßen und absichtlich Unordnung zu schaffen. Sie ist auch das Radikale und Revolutionäre an Kurts Ausarbeitung.

Şeyda Kurt (2021): Radikale Zärtlichkeit. Warum Liebe politisch ist. (Verlagsgruppe HarperCollins Deutschland GmbH, 18,00€).

Foto: Kristina Remmert/pixabay.com
Grafik: Sophie Vollmer

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