Die Lieblinge der Tübinger Poetik-Dozentur 2021

Wie so viele andere kulturelle Veranstaltungen musste letztes Jahr auch die Tübinger Poetik-Dozentur aufgrund der Pandemie ausfallen. Doch 2021 konnte sie endlich mit Eva Menasse und Thomas Hettche in eine neue Runde starten. Bei der Veranstaltung am 17. November, die den Titel „Der/die Kanon:e – Lieblingsautoren und Vorbilder“ trug, stellten die beiden Gäste einige Werke und Autor*innen vor, die sie geprägt und auch in ihrem eigenen Schreiben inspiriert haben.

Die von der Stiftung Würth geförderte Tübinger Poetik-Dozentur als Forum der kulturellen Begegnung findet seit 1996 jährlich statt und richtet sich sowohl an Studierende und Dozierende als auch an die interessierte Öffentlichkeit. An diesem Abend betreten die Schriftstellerin und ehemalige Journalistin Eva Menasse und der Schriftsteller Thomas Hettche nach einigen einleitenden Worten von Prof. Dr. Dorothee Kimmich das Podium für einen Ping-Pong-Austausch ihrer Lieblingsbücher und -autor*innen.

Bekannte Gesichter der deutschen Klassiker

Thomas Hettches erste Buchvorstellung ist die Erzählung Zum wilden Mann (1883) von Wilhelm Raabe (1831-1910), einem deutschen Vertreter des Realismus. Diese erstaunlich moderne Erzählung über Verträge und Erbschaften, eine Fabrik in Brasilien, Kolonialismus und Sklavenhandel schockierte seinerzeit durch seine vielen Wendungen das Publikum und demonstriert für Hettche, wie Sätze erst in unseren Köpfen zu einer Welt lebendig werden. Erst wir ergänzen die Fiktion zur Ganzheit mit Hilfe der Muster und Konventionen, die wir in uns tragen. So wollen wir eigentlich die Übereinstimmung des Erzählten mit den uns bekannten Konventionen, wenn wir von Literatur Wirklichkeit erwarten, argumentiert Hettche.

Nach diesem Exkurs in den Realismus stellt Eva Menasse die Novelle Tristan (1903) von Thomas Mann (1875-1955) vor. Wenn man etwas von Thomas Mann lesen sollte, dann den Tristan, so Menasse. Die Erzählung zeichnet sich durch Witz und Wärme, sowie einer klaren, schönen Form aus. Der Schauplatz ist. wie auch beim Zauberberg, ein Sanatorium für Lungenkranke in den Alpen. Thomas Mann hat die Haupt- und Nebenfiguren stets bei der Hand und lässt sie wie auf einer Drehbühne artistisch vorbeiziehen, erläutert Menasse. Sie argumentiert zudem, Thomas Mann zeige in dieser Novelle, wie grandios witzig er sein könne.

Die österreichische Schriftstellerin Eva Menasse bei einer Preisverleihung in Mainz 2019 (Foto: wikimedia.de/Olaf Kosinsky).

Die US-amerikanische Moderne und ein Zeitgenosse

In Hettches nächster Vorstellungsrunde geht es um Sherwood Andersons (1876-1941) Winesburg, Ohio (1919). Diese Reihe von Erzählungen spielen in einer fiktiven Kleinstadt in Ohio, im Westen der USA kurz nach 1890. In den Erzählungen liest man von grüblerischen jungen Männern, leerer Landschaft, bewahrten Geheimnissen, enttäuschten Ehefrauen oder Klatsch des Ortes. Über 100 Charaktere stellt Anderson vor und jedes dieser Leben enthält eine belastende Geschichte. Hettche sieht das Geheimnis von Andersons Schreibkunst in der naturalistischen Sprache, die das Zufällige des Alltagswesens ohne Überhöhung schildert. Diese Einfachheit entspreche den einfachen Gegenständen, die sie thematisiert. Diese Verknappung lässt den oder die Leser*in direkt zur Figur vordringen. Andersons Schreibkunst prägte viele Autor*Innen der nächsten Generation, darunter auch Faulkner und Hemingway.

Auch Menasse stellt in dieser Runde einen US-amerikanischen Schriftsteller und zwei seiner Werke vor.  E. L. Doctorow (1931-2015) erhielt praktisch alle wichtigen Literaturpreise der englischsprachigen Welt, ist in Deutschland jedoch kaum bekannt. Ganz zu Unrecht, wie Frau Menasse behauptet. Mit der Michael Kohlhaas Adaption Ragtime (1975) schuf Doctorow einen witzigen historischen Roman, der versucht, die Roaring Twenties in ihrer Gänze darzustellen. Der Roman Billy Bathgate (1989) hingegen spielt zur Blütezeit der Mafia während den 1930er Jahren in New York. Enorme Spannung, ‚shakespeareanische‘ Machtkämpfe, eine große Liebesgeschichte und ein unwahrscheinliches Happy End lassen für Menasse diese geniale Geschichte entstehen.

Französische und Kanadische Gegenwartsschriftsteller*Innen

In der dritten Runde stellt Hettche Pierre Michons (*1945) historische Novelle Die Elf (2009) vor. Sie spielt zur Zeit der französischen Revolution und dreht sich um ein wichtiges Gemälde, auf dem die elf Mitglieder des Wohlfahrtsausschusses porträtiert sind. Doch dieses Gemälde gibt es in Wirklichkeit gar nicht. Die Erzählung setzt sich nicht nur mit diesem paradigmatischen Moment der europäischen Geschichte auseinander, sondern auch mit Themen wie dem Verhältnis von Kunst und Macht und der Geschichtsschreibung selbst.

Menasse hingegen stellt eine Literatur-Nobelpreisträgerin und vier ihrer Erzählbände vor. Die kanadische Schriftstellerin Alice Munroe (*1931) erhielt im Jahr 2013 den Nobelpreis für Literatur. Lange Zeit wurde sie jedoch in die Schublade der Frauenschriftstellerin oder kanadischen Regionalschriftstellerin gesteckt, was nach Menasse jedoch eine groteske Fehleinschätzung sei. Sie schreibt fast ausschließlich Kurzgeschichten, die meist im kanadischen Ontario spielen, in einer von Naturgewalten geprägte Landschaft und der Welt ihrer ärmlichen Kindheit. Bei den verarbeiteten Themen handelt es sich um menschliches Drama, Täuschung, Betrug, Liebe, Lüge und subtile Machtausübung. Ohne funkelnde Formulierungen werden kühl und gezügelt die wiederum einfachen Geschichten über normale Menschen erzählt. Insbesondere die Erzählbände Der Traum meiner Mutter (1998), Die Liebe einer Frau (1998), Himmel und Hölle (2001) und Tricks (2004) aus Munroes späteren Phase empfiehlt Menasse.

Skandalöse Gedichte und die perfekte Form

Mit Gottfried Benns (1886-1956) Gedichtband Morgue und andere Gedichte (1912) geht Thomas Hettche in die vierte Runde. Benn war nicht nur Dichter, sondern auch Arzt und ebendiese Erfahrungen als Militärarzt prägen den Gedichtband. In diesem beschreibt er Erfahrungen aus dem Leichenschauhaus, die oft abstoßend wirken. Den Ton dieser Literatur beschreibt Hettche unter anderem als einen Ton der Überforderung, des Ich-Verlusts, der hohlen Männlichkeit und der Nervosität, aber auch der Sehnsucht. Für Hettche lässt sich die Wirkung von Benns Zeilen bei keinem anderen deutschen Lyriker finden.

Die Werke des russisch-amerikanischen Schriftstellers Vladimir Nabokov (1899-1977) sind häufig vom Exil geprägt, so auch der Roman Pnin (1957), den Eva Menasse in dieser vierten Runde vorstellt. Mit einer ironischen Erzählerstimme wird vom gleichnamigen Protagonisten, einem Collegeprofessor in New York, erzählt. Für Menasse liegt das Besondere des Romans in der Form der Erzählung, die möbiusschleifenähnlich eine perfekte Täuschung erzielt.

Auch zu Gast bei der Poetik-Dozentur 2021: Thomas Hettche (Portrait: hettche.de/Thomas Andenmatten)

Die Verteidigung einer Grenze und der Untergang eines Kaiserreichs

Thomas Hettche erzählt in der fünften Runde von Dino Buzzatis (1906-1972) Roman Die Tartarenwüste (1940). Zur Zeit der Veröffentlichung des Romans war Mussolini fast zwanzig Jahre an der Macht und Italien stand kurz vor dem Eintritt in den Zweiten Weltkrieg. Der Protagonist des Romans bricht zu einer Festung auf, die eine Grenze vor dem drohenden Angriff der Tartaren verteidigen soll. An der Grenze als Ort der Spiegelung besteht für Hettche die Möglichkeit des Versuchs, das Fremde zu begreifen, doch bei diesem Versuch müsse man sich stets auch mit den eigenen Ängsten und Wünschen beschäftigen.

„Jede Grenze ist ein Ort der Spiegelung. Das Fremde und das Eigene spiegeln sich dort aneinander.“

Thomas Hettche

Menasse stellt in dieser Runde einen Roman vor, der zu den zwanzig wichtigsten Romanen der deutschen Literatur zählt. Joseph Roths (1894-1939) Radetzkymarsch (1932) beschreibt den Untergang der Habsburgermonarchie anhand von drei Generationen der Familie Trotta. Formal folgt der Roman einer banalen Struktur, die eine gleichmäßige Folge von Szenen wie eine Diashow chronologisch abspielt. Die verblüffende Eintönigkeit erinnert Menasse an das Buch Genesis. Doch die Struktur des Romans spielt auch hier eine wichtige ästhetische Rolle: Das abrupte Ende einer Jahrhunderte alten Geschichte wirkt so noch dramatischer und gewaltsamer.

Erschütterungen im großen Stil

Das formale Gegenmodell zu Roths Radetzkymarsch stellt Hettche in der letzten Runde mit Heinrich von Kleists (1777-1811) Novelle Das Erdbeben in Chili (1807). Mit der Katastrophe eines Erdbebens wird hier das Theodizee-Problem diskutiert. Laut Hettche liest sich diese Novelle atemlos und höchst irritierend. Die Geschichte ist kühl und distanziert geschildert und die Figuren scheinen kein Innenleben zu haben. Dies hinterlässt die Frage, was überhaupt das Thema sei. Diese Irritation verankert Hettche im Realismus, da von einer sinnlosen Katastrophe nicht sinnstiftend erzählt werden darf.

Frau Menasse schließt mit der italienischen Schriftstellerin Natalia Ginzburg (1916-1991) und ihrem Hauptwerk Familienlexikon (1963) ab. In diesem wird nicht nur eine Familie porträtiert, sondern zugleich auch Italien. Die Bauweise des Werks ist rein anekdotisch und lässt anfangs keinen roten Faden erkennen, so als sei man mitten in die Familie gefallen. Obwohl Krieg, Faschismus und der Holocaust über die Familie hineinbrechen, bleibt die Erzählung nach Menasse lustig, wenn auch ungewöhnlich und traurig – kühl aber wunderschön.

Nach dieser Partie Lieblingsbücher-Ping-Pong, die durch literaturwissenschaftliche und philosophische Überlegungen ergänzt wurde, gab es zwar keine Preise, aber möglicherweise bereicherte Zuhörer*innen, denen eine ganze Menge an Lesefutter für den Winter geboten wurde.

Beitragsbild: Pixabay.com 

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