Maren Kroymann – eine Tübinger Vorreiterin

Die queere Woche in Tübingen, die vom 22. bis zum 31. Oktober stattfand, zelebrierte die Vielfalt der geschlechtlichen und sexuellen Orientierungen in der Universitätsstadt. Begonnen hatte die Woche mit dem Auftritt Maren Kroymanns im Sudhaus. Unsere Redakteurin war dabei und reflektiert auch jetzt noch über die Veranstaltung, die dort gegebenen Denkanstöße und die inspirierende Tübingerin.

Ein Tübinger Kind

Am 21.10.2021 wird im Sudhaus die queere Woche gestartet, und zwar von Maren Kroymann, Schauspielerin, Kabarettistin, Sängerin, kurzum eine Alleskönnerin. Und: Tübingerin. Kroymann wuchs in Tübingen auf und begann hier ihr Studium, bevor sie mit 22 nach Berlin zog. Erst vor kurzem wurde ihr der deutsche Comedypreis für ihr Lebenswerk verliehen. Ihre Dankesrede nutzte sie für Worte der Kritik an der eigenen Branche und speziell an deren Umgang mit Frauen. Kroymann ist eine Vorreiterin: Die erste Frau, die sich in Deutschland mit einem eigenen Programm auf Bühnen gewagt hat und nicht vorgetragen hat, was ein Mann für sie geschrieben hatte. Sie fand schon sehr früh den Mut, ihre Gedanken auf die Bühne zu bringen, auch wenn es damals dafür noch Tomaten hagelte und das nicht im übertragenen Sinn. Bei Dieter Hildebrands „Scheibenwischer“, wo sie 1985 auftrat, wurde ihr davon abgeraten, eigene Texte vorzutragen, sie solle doch lieber „Lieder singen und mit dem Arsch wackeln“, so schildert es Kroymann selbst. Von 1993 bis 1997 hatte Kroymann schließlich als erste Frau im deutschen Fernsehen ihre eigene Satiresendung, und seit 2017 strahlt das Erste die Sendung „Kroymann“ aus, in der sie sich unter anderem auch mit queeren und feministischen Thematiken auseinandersetzt.

Maren Kroymann, die 72jährige Schauspeilerin und Kabarettistin kam für die queere Woche nach Tübingen .

Mit 72 in den 60’s

Im Sudhaus tritt sie mit einem Bühnenprogramm auf, das sie seit 2011 spielt und welches den Titel „In My Sixties“ trägt. Dabei ist Kroymann selbst mittlerweile nicht mehr in ihren 60ern, sondern bereits 72, wie sie selbst auf der Bühne betont. Das Programm beschäftigt sich jedoch auch mit dem Jahrzehnt der 1960er Jahre, und das vor allem gesellschaftspolitisch und musikalisch: Kroymann covert Lieder aus diesem Jahrzehnt, die sie persönlich geprägt haben. Ihre Lieblingsinterpretin ist dabei eindeutig Dusty Springfield, die sie als Vorbild sieht. Weil Dusty immer und immer wieder Ketten gesprengt hat, weil sie Lieder männlicher Interpreten coverte, als man von „Frauenmusik“ noch ganz andere Dinge erwartete als von „Männermusik“.
Auf der Bühne kommentiert Kroymann selbst, dass so richtig gute Musik nur von Männern kommen könne, denn mit deren Bass-Bariton-Stimmlagen gehe das ganz anders ins Ohr. Als sie zu singen beginnt, merkt man, dass Kroymann ihr Publikum sehr subtil mit seinen eigenen Vorurteilen konfrontiert: Sie singt „The sun ain’t gonna shine (anymore)“ von den Walker Brothers. Und das mit einer so tiefen Stimme, dass sie dem männlichen Bass-Bariton in nichts nachsteht.
An diesem Abend präsentiert Kroymann ihr großes Talent, mit einer messerscharfen Beobachtungsgabe Missstände zu sehen und vor allem ihr Publikum mit einer einzigartigen Leichtfüßigkeit damit zu konfrontieren. Man fühlt sich von ihr nie belehrt, doch am Ende des Abends kommt man durch die besondere Machart des Programms ins Grübeln. Unweigerlich denkt man darüber nach, was Kroymann in ihrem Programm durch das Medium der Musik, aber auch durch ihre persönlichen Erfahrungen, die sie zwischen den Liedern immer wieder auf ihre ganz eigene Art erzählt, ausdrücken möchte: Was hat sich im Leben marginalisierter Gruppen getan, seit die 1960er Jahre vorbei sind?

Ein eröffnendes Grußwort spricht Dr. Daniela Harsch, die Bürgermeisterin für Soziales, Ordnung und Kultur der Stadt Tübingen. Sie weist daraufhin, wie wichtig es sei, für Werte der Gleichheit einzustehen. Dass jede und jeder einzelne von uns wütend werden müsse, wenn wir mit Diskriminierung konfrontiert würden. Und das nicht nur wenn sie uns selbst betreffe, sondern auch, und gerade dann, wenn sie Minderheiten betrifft. Minderheiten wie queere Menschen, denen diese Woche und diese Veranstaltung gelte. Mit einigen Sätzen spielt Harsch in diesem Zuge auch auf Palmer an und bekommt dafür aus dem Publikum vereinzelten Applaus.

Ein netter Start in den Abend

Kroymann kommt gemeinsam mit ihrer vierköpfigen Band auf die Bühne, bedankt sich für Dr. Harschs Worte und prompt beginnt die Show. „I only want to be with you“, von Dusty Springfield, in einer gehauchten und geradezu kindlichen Stimme. Auffällig ist, dass ihr Programm mit Liedern beginnt, die fast ausschließlich an männliche Empfänger gerichtet sind. Beinahe beiläufig erzählt Kroymann dann eine Geschichte, die ihr Neffe ihr berichtet habe. Kroymann war, ebenso wie ihr Neffe, auf dem Uhland-Gymnasium in Tübingen, wo er den gleichen Biologie-Lehrer hatte wie sie früher. Als Kroymann sich öffentlich in der Zeitschrift Stern als lesbisch outete, sagte der Biologielehrer: „Und sie war so a netts Mädle“. Nach diesem Satz, dieser Pointe, beginnt der nächste unverfängliche Popsong und während man sich an der Musik erfreut, beginnt man zu überlegen, was an dem Satz so problematisch ist: Fällt man aus der heteronormativen Norm, kann man nicht mehr „nett“ sein, entspricht man nicht mehr dem Bild von Weiblichkeit, das die Gesellschaft einfordert. Eigentlich passt das so gar nicht, Kroymann wirkt auf ihr Publikum äußerst nett. Doch niemand im Saal fühlt sich hier vor den Kopf gestoßen. Man fühlt sich willkommen und gut aufgehoben, vor allem eins: Gut unterhalten. Kroymanns Methode, Denkanstöße in den Köpfen ihres Publikums anzuregen, ist virtuos.

Sie erzählt weiter. Von „Gebrauchsanweisungen“, die in den 1960ern in jeder Frauenzeitschrift detailliert schilderten, wie man sich für Männer schick und begehrenswert gibt. Wie sie in ihrem Jahr in einem Frauencollege in den USA darauf hingewiesen wurde, dass man sich hier als Frau rasieren müsse und Familienväter zum ersten Mal mit jüngeren Frauen durchbrannten. So etwas kannte die Generation vor ihr nicht. Wie sie dort das erste Mal Pizza bestellt habe, was in den 60ern ein Novum war. Wie sie die Girlgroups der 60er entdeckte, die „so ein unbegründetes Selbstbewusstsein hatten, das kannte ich von Frauen bis dahin nicht“, das sagt sie mit einem intelligenten Lächeln und man bemerkt, wie einige im Publikum aufhorchen und die Botschaft verstehen. Eine Botschaft, die Kroymann durch die Musik der Ronettes, der Shangri-Las und der Dixie Cups verstanden hat: Man muss sich erst einmal etwas zutrauen, um auch etwas zu schaffen.

“Die hatten so ein unbegründetes Selbstbewusstsein, das kannte ich von den Frauen bis dahin nicht.”

Maren Kroymann

Dann die Ankündigung von Kroymann, dass es jetzt unangenehm wird. Sie singt die deutsche Version eines Bruce Springsteen Songs: „Fire“. Ein Lied, das von einer Frau handelt, die ihren Begleiter als Feigling bezeichnet, weil er sie nicht küsst. Und das nur, weil sie nein gesagt hat.
Direkt darauf Bezug nehmend folgt eine weitere Geschichte aus Kroymanns Leben. Als junges Mädchen sitzt sie am Küchentisch, mit der ganzen Familie. Ihr Bruder, der damals Jura studierte, kam aus der Vorlesung nach Hause und erzählte beim gemeinsamen Essen einen Witz über Vergewaltigung. Als Kroymann den Witz rezitiert, lachen einige im Publikum. Schmunzelnd merkt sie an, dass man an dieser Stelle immer einiges über sein Publikum lerne.
Die junge Maren verstand nicht, was das überhaupt sein soll, eine Vergewaltigung. Aber sie merkte schon damals: „Diesen Witz könnte ich nicht in der Schule erzählen“. Als sie nachfragte, was eine Vergewaltigung sei, erklärte ihr der Bruder, dass es das überhaupt nicht gäbe.
Als positiven Ausgang des Ganzen stellt Kroymann dar, dass sie von da an wusste, sie müsse ihre eigenen Witze entwickeln und ihre eigenen Pointen erfinden. Und dass Vergewaltigung mittlerweile als schwerwiegendes Vergehen und nicht mehr als Kavaliersdelikt gehandhabt würde. „Wenn ich meinem Bruder damals erzählt hätte, dass 50 Jahre später einer der führenden Finanzmenschen wegen dieses Straftatbestands verfolgt werden würde, das hätte der mir nicht geglaubt. Und das ist doch was absolut Positives.“ (Kroymann spielt hier auf den Fall Strauss-Kahn an.) Gekonnt schließt sie einen weiteren Song von Dusty Springfield an. Und zwar „In the middle of nowhere“, in dem es um die gleiche Thematik geht wie in dem Song von Bruce Springsteen. Das Lied richtet Dusty Springfield an eine Person, die ihr zu zaghaft ist und von der sie sich im Stich gelassen fühlt. Eine Person, die mehr Initiative zeigen soll. Doch offensichtlich kommt die Botschaft hier völlig anders an. Und zwar selbstbestimmt.

“Veränderung, das geht nur wenn jede und jeder Einzelne sich dafür einsetzt – und das immer, wenn man Ungleichheit bemerkt.”

Dr. Daniela Harsch

Gegen Ende erzählt Kroymann von Dialogen mit ihrer Mutter. Als Maren damals noch Jungs mit nach Hause brachte, habe ihr diese gesagt, sie solle das mit den Männern doch mal lassen. Ein lautes Lachen geht durch den Raum.
Ihre Mutter, so erzählt Kroymann, stamme aus einer Generation, die die sexuelle Revolution und Befreiung als junge Menschen nicht erlebt haben. Sie beschreibt, wie ihre Mutter sagte, dass ja nur Männer „es bräuchten“, und man als Frau sittsam sein solle. Die Mutter wusste nicht einmal, was eine Klitoris ist.
In diesen ungelenken Dialogen wird deutlich, wie viel sich schon allein zwischen Maren Kroymanns Generation und der ihrer Mutter geändert hatte. Und wie die beiden stockend und ohne die richtigen Worte dennoch einiges voneinander und übereinander gelernt haben.

Nach dem Ende noch nicht zu Ende

Das Programm endet mit einem ruhigen, nachdenklichen, aber schönen Song – „In the chapel in the moonlight“ – im Original von Dean Martin. Kroymann und ihre Band spielen dann noch einige Zugaben und entlassen ihr Publikum nach fast drei Stunden in eine kalte Oktobernacht.  

Auf dem Heimweg entfalten Kroymanns Worte ihre Wirkung in meinem Kopf. Wie viel hat sich denn nun eigentlich seit den 1960ern wirklich geändert? Vergewaltigungen werden zwar nicht mehr abgetan, so wie sie es berichtet hat, jedoch gibt es immer noch Vergewaltigungsmythen, die sich hartnäckig halten und sogar in Gerichtsverfahren Erwähnung finden („Person XY hatte die falsche Kleidung an“), und die Dunkelziffer, die je nach Quelle bei der 2- bis 100-fachen Zahl der angezeigten Fälle liegt, ist erschreckend. Unterhält man sich mit LGBTQIA+-Personen, so fällt einem immer wieder auf, welch enormen Schutzschild manche brauchen, um an den verschiedenen Formen der Diskriminierung nicht zu zerbrechen. Bei vielen hilft auch dieser Schutzschild nichts. So liegt die Suizidrate bei Trans-Personen deutlich über der von Cis-Personen. Das sogenannte Transsexuellengesetz enthält viele für Trans-Personen in Deutschland erdrückende Auflagen und Reglementierungen. Und auch im Jahr 2021 ist Homosexualität in manchen Ländern noch strafbar, bis hin zur Todesstrafe.
Dennoch: Seit 2017 dürfen Homosexuelle in Deutschland endlich heiraten, erstmals ziehen 2021 in den neuen Bundestag zwei Trans-Frauen ein und die gesamte Thematik wird langsam aber sicher immer weiter in die breite Öffentlichkeit gerückt. In Film und Fernsehen finden sich immer mehr LGBTQIA+-Charaktere und unsere Generation ist die erste, die Homosexualität größtenteils als normal ansieht.
Es ist zwar noch ein weiter Weg zu gehen, einiges wurde aber auch schon geschafft.

“Das macht mich wahnsinnig stolz auf mein kleines Tübingen.”

Maren Kroymann

Ein Lob auf Tübingen

Die Ausstellung „Queer durch Tübingen“, die im Rahmen der queeren Woche queere Themen, queeres Leben und queere Realitäten darstellt, lobt Kroymann selbst als einzigartig in ganz Deutschland. Die Ausstellung vermittle queere Themen auf eine Weise, die diese in der Mitte der Gesellschaft ankommen lässt. Eine Ausstellung, die unverkrampft und zugänglich darstellt, dass Menschen, die augenscheinlich anders leben als die vermeintliche Mehrheit der Gesellschaft auch nicht anders sind, dass sie vor allem eins sind: gleichwertig. Und auch wenn es in unserer kleinen Universitätsstadt, wie im Rest Deutschlands, noch nicht alles perfekt läuft, so ist die queere Woche doch ein wichtiges Zeichen und eine klare Ansage. Dass viele bereit sind, für die Normalisierung von Minderheiteninteressen einzustehen. Man muss eben erst einmal anfangen, sich etwas zuzutrauen, um Veränderung zu bewirken. Und wie Maren Kroymann selbst sagt: „Das macht mich wahnsinnig stolz auf mein kleines Tübingen.“

Fotos: (c) Mirjam Knickriem, 2016

Beitragsbild: Mirijam Knickriem und pixabay.com


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