Erotik auf Arabisch – Ein Liebesfilm der etwas anderen Art

Arabische Poesie und Erotik – passt das zusammen? Ja, und wie! Der Film „Une histoire d’amour et de désir“ von der tunesischen Filmemacherin Leyla Bouzid, lief bei den diesjährigen Französischen Filmtagen. Ein unkonventioneller Liebesfilm, der durch den sensiblen Umgang mit Sexualität und Geschlechterrollen punktet.

Der französische Film „Une histoire d’amour et de désir“ trägt im Deutschen den Titel „Liebe und Verlangen“. Er erzählt die vielschichtige Liebesgeschichte der Literaturstudierenden Farah und Ahmed. Ahmed (Sami Outalbali) stammt aus einer algerischen Familie und wächst im Pariser Ghetto auf. Ein Stipendium ermöglicht ihm ein Literaturstudium an der Pariser Universität Sorbonne. Farah (Zbeida Belhajamor) ist in Tunis aufgewachsen und wurde von ihrer Familie zum Studium nach Paris geschickt. Sie möchte das Leben der französischen Metropole genießen, Alkohol trinken und auf Partys gehen. Die beiden begegnen sich das erste Mal in einer Uni-Vorlesung über Erotik in arabischer Literatur. Farah spricht den schüchternen Ahmed nach der Vorlesung an. Ahmed ist sofort von Farah gefesselt und eingeschüchtert zugleich.

In der Vorlesung lernen Farah und Ahmed, dass Liebeslyrik eine lange Tradition im arabischen Kulturraum hat, welche bis ins Mittelalter zurückreicht. Die explizite Erotik in der Pflichtlektüre macht Ahmed nervös. Er ist noch Jungfrau und Farah erweckt in ihm körperliche Sehnsüchte, die ihm zunächst unangenehm sind. Er möchte sogar den Kurs wechseln, entscheidet sich im letzten Moment aber doch dagegen. Eine komplizierte und sinnliche Liebesgeschichte nimmt ihren Lauf.

Farah und Ahmed begegnen sich in einer Vorlesung über arabische Erotik-Literatur. Ahmed ist sofort von Farah fasziniert. 

Kritik am Male Gaze

Der Film beschäftigt sich nicht nur inhaltlich mit Erotik, sondern ist auch in vielen Szenen erotisch inszeniert. Im Liebesfilm-Genre ist das Phänomen des Male Gaze seit Jahrzehnten fest verankert. Er beschreibt die Tatsache, dass der Frauenkörper oftmals aus einer männlichen heterosexuellen Perspektive heraus dargestellt wird. Häufig findet eine Objektivierung des weiblichen Körpers statt. Beispielsweise steht bei Sexszenen der weibliche Körper im Fokus, statt der männliche. Dadurch sollen solche Szenen explizit männliche Zuschauer ansprechen. Das ist insofern ironisch, da Liebesfilme ein überwiegend weibliches Publikum haben. Würde es daher nicht viel mehr Sinn machen, den männlichen Körper in den Fokus zu stellen?

»Der männliche Blick auf den weiblichen Körper zieht sich durch die gesamte Geschichte der Kunst. Aber der weibliche Blick auf den männlichen Körper fehlt. Mit diesem Film wollte ich eine mögliche Betrachtungsweise vorschlagen und ihn zu einer Hymne auf das körperliche Verlangen, zu einem Aufruf zur Liebe machen.« (Leyla Bouzid)

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Der Film beginnt mit einer langsamen Kamerafahrt über einen nackten Körper in einer Dusche. Durch die Nahaufnahmen und die Musik wirkt die Szene eindeutig erotisch aufgeladen. In Hollywood-Filmen ist der duschende Frauenkörper ein beliebtes Motiv, weshalb man diese Szene direkt mit einer Frau assoziiert. Dann zoomt die Kamera heraus und die Zuschauer*innen erkennen, dass es sich um einen Männerkörper handelt – den von Ahmed. Damit macht Bouzid direkt zu Beginn klar, dass sie den Male Gaze bewusst umgehen möchte. „Der männliche Blick auf den weiblichen Körper zieht sich durch die gesamte Geschichte der Kunst. Aber der weibliche Blick auf den männlichen Körper fehlt. Mit diesem Film wollte ich eine mögliche Betrachtungsweise vorschlagen und ihn zu einer Hymne auf das körperliche Verlangen, zu einem Aufruf zur Liebe machen“, so Bouzid.  

Umgehung von Geschlechterklischees

Ahmed hat nur noch Augen für Farah, möchte sich die gegenseitige Anziehung aber zunächst nicht eingestehen.

Das Besondere an dem Film ist, dass er nicht nur mit dem Male Gaze bricht, sondern auch mit den klischeehaften Rollenbildern des Liebesfilm-Genres. Im Verlauf des Films verlieben sich Farah und Ahmed Hals über Kopf. Aber sie können körperlich nicht zueinander finden, weil sie unterschiedliche Einstellungen zu Sexualität haben. Regisseurin Leyla Bouzid vertauscht in ihrem Film die üblichen Rollenbilder, in denen der Mann die Frau erobert. Farah scheut sich nicht, Ahmed offen zu zeigen, dass sie sich zu ihm hingezogen fühlt. In Hollywood haftete weiblichen Rollen, die ihre Sexualität offen ausleben, lange Zeit der Stempel einer Femme Fatale an. Dieser Archetyp impliziert, dass Frauen, die Männer verführen, von Natur aus verrucht sind. Ein weiteres Hollywood-Klischee, welches der Film umgeht. Für Farah ist Sexualität einfach etwas völlig Natürliches, die Folge ihrer Liebe zu Ahmed.

Ahmed fühlt für Farah zwar dasselbe, weigert sich aber auf ihre Annäherungsversuche einzugehen. Für Ahmed stört sein sexuelles Verlangen seine romantische Vorstellung von Liebe. Dies wird deutlich, als er ein Referat über einen arabischen Dichter hält. Der Dichter befürchtet, die Liebe zu seiner Muse könnte ihren Zauber verlieren, wenn die körperliche Vereinigung Realität wird. Auch Ahmed verspürt die Angst, dass die Realität nicht mit seiner Vorstellung mithalten kann. Lieber findet er es nie heraus, als eine Enttäuschung zu erleben. Auch seine Freunde aus dem Ghetto und deren konservative Sicht auf Frauen spielen eine Rolle. Er fürchtet um seinen Ruf, da er sowieso schon mit seinem Studium aufgezogen wird. Mit dieser Einstellung stößt Ahmed Farah vor den Kopf. Der Film schafft es aber, Verständnis für beide Seiten zu erzeugen.

Am Ende sendet Farah Ahmed ein Gedicht, welches ihn dazu bewegt ihrer Liebe eine Chance zu geben.

Die emotionale und körperliche Annäherung zwischen Farah und Ahmed wird mit viel Sensibilität und Geduld erzählt. Regisseurin Leyla Bouzid stammt selbst aus Tunis und hat in Paris Literatur studiert, bevor sie zum Film kam. Sie hat ein Händchen für unkonventionelle Liebesfilme mit politischer Message. Beim vielfach ausgezeichneten Film “Blau ist eine warme Farbe” (2013), der sich um eine lesbische Liebesgeschichte dreht, wirkte sie als Regieassistentin mit. 2015 wurde ihr Spielfilmdebut „Kaum öffne ich die Augen“ bei den französischen Filmtagen als bester Nachwuchsfilm geehrt. In dem Film geht es um eine junge Frau aus Tunis, die sich dem System und den Wünschen ihrer Mutter widersetzt und Sängerin werden möchte. Von ihrem Freund verraten, landet sie schließlich im Gefängnis. Mit „Une histoire d’amour et de désir“ hat Leyla Bouzid bei den diesjährigen Französischen Filmtagen nun einen Film vorgestellt, der sich den Umgang mit Sexualität und Geschlechterklischees in Hollywood vorknöpft und beweist, dass es auch anders geht.  

Fotos: © Pyramide Distribution (2021)

Online-Programm der Französischen Filmtage mit ausgewählten Filmen

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