CSD-Parade krönt Tübingens queere Woche

1993 versammelte sich Tübingen das letzte Mal für die queere Gesellschaft – wenn, dann erinnert man sich daran nur noch in schwarz-weiß. Höchste Zeit also, dass rund 2500 Teilnehmende die bunten Regenbogenflaggen am Christopher Street Day schwangen und so das I-Tüpfelchen der queeren Woche bildeten. Veranstaltet wurde die Pride Parade vom neu gegründeten CSD Tübingen e.V., gefördert von der AIDS-Hilfe Tübingen-Reutlingen, sowie von der Universitätsstadt Tübingen samt Fachbereich Kunst und Kultur. Auch die Kupferblau war dabei und hat auf Instagram alle teilhaben lassen, die nicht selbst dabei sein konnten.

Bunte Flaggen trotzen grauen Wolken

Und was für eine Woche es war! Von Poetry Slams bis Podiumsdiskussionen kamen rund 30 Veranstaltungen in der Woche vom 22. bis 31. Oktober zusammen und gaben so dem diesjährigen Halloween einen farbenfrohen Anstrich. Woher aber kommt dieser (noch nicht ganz so alte) Brauch überhaupt? Welche Geheimbotschaft steckt hinter der Abkürzung LSBTTIQ+? Und was zum Henker geht da eigentlich in Polen ab? 

Die Route der diesjährigen CSD-Parade führte entlang der Neckarinsel und durch die Altstadt. Quelle: Google Maps

Nein, Street war kein Nachname 

Als Charles Christopher Amos im Jahre 1799 ein Stück Land in New York erwarb, und die Skinner Road in die Christopher Street umbenannte, ahnte er noch nicht, warum man sich Jahre später seinen Namen zu eigen machen würde. Erst am 28. Juni 1969 kam es zum Stonewall-Aufstand, als sich die queeren Bargäste des Stonewall Inns gegen eine Razzia der örtlichen Polizei auflehnten. Ein Ereignis, welches das Christopher Street Liberation Day Committee ins Leben rief, die jedes Jahr an die Vorfälle dieses Tages erinnern und für die queeren Interessen ihrer Befürwortenden kämpfen. 

Wer aber denkt, dass es dabei nur um Lesben und Schwule geht, irrt. LSBTTIQ+ (im Englischen auch LGBTQIA+) dient als Kürzel für alle, die lesbisch, schwul, bisexuell, transsexuell, transgender, intersexuell, queer und/oder… und/oder… und/oder sind. Der Einfachheit halber hat man die Buchstabenkette mit einem “+” versehen, um damit auch alle anderen sexuellen Orientierung zusammenfasssend miteinzubeziehen (also: pan-/omni-, demi-, andro-, gyno-, auto-, asexuell und alles, was sich zukünftig noch mit anschließen möchte). 

Mit anderen Worten: Alles, jeder und jede.

Was ist denn nun „cis“?! 

Nur heterosexuelle Cis-Männer und Cis-Frauen kommen in dieser Ansammlung nicht vor, was nicht bedeutet, dass sie auf dem CSD nicht willkommen wären. Ganz im Gegenteil, es geht um das harmonische Miteinander aller Menschen, völlig unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung. Aber mit dem wachsenden Verständnis zur LSBTTIQ+-Bewegung konnten auch Heteros etwas über sich dazulernen. 

1991 prägte der Sexualwissenschaftler Volkmar Sigusch den Begriff der Cissexualität als fachliches Pendant zur Transsexualität. Wenn eine transsexuelle Person im Laufe seines oder ihres Lebens merkt, dass das ursprüngliche Geburtsgeschlecht, oder Hebammengeschlecht, nicht zutrifft, dann ist das bei einer cissexuellen Person genau umkehrt. Bei Cis-Männern und -Frauen stimmt das bei der Geburt festgestellte Geschlecht mit dem ihrer Identifikation überein. 

Warum CSD? Wird denn nicht schon alles besser?

Nachdem sich in Polen bereits über 100 Ortschaften zu “LGBT-freien Zonen” erklärt haben, diskutiert das Parlament momentan ein Verbot gleichgeschlechtlicher Beziehungen, sowie jeglicher Werbung und Demonstration für derartiges. Damit stellt sich die nationalkonservative Regierungspartei Recht und Gerechtigkeit (Prawo i Sprawiedliwość – PiS) gegen eine, wie sie es nennt, “LGBT-Ideologie”. Im Wahn ihrer alarmierenden Mentalität schrecken sie noch nicht einmal vor NSDAP-Vergleichen zurück: “LGBT beginnt seinen Marsch an die Macht, wie die NSDAP ihren Marsch an die Macht in den Dreißigerjahren des 20. Jahrhunderts begann.” (Krzysztof Kacprzak) Wie sicher kann die queere Gesellschaft also leben, wenn sie direkt im Nachbarland mit Nazis gleichgesetzt wird?  Die Frage, ob denn nicht schon alles besser ist, kann daher mit einem klaren ‘Nein’ beantwortet – und die Bedeutung und Relevanz des CSD heute unterstrichen werden.

Am Ende sind wir alle Menschen

In diesem Spirit stellt sich die LSBTTIQ+-Gesellschaft gegen die sexualisierte Diskriminierung – sowie jede anderen Form von Diskriminierung (alle sind willkommen!) – und kämpft für die Gleichberechtigung aller Liebes- und Lebensphilosophien. Tübingen mit seinen LuSchT-Partys, TüBisch und Tübian ist dabei fast schon namensgebend für das T in “Transsexualität” und bringt nun endlich wieder seinen eigenen Demozug auf die Gleise.

Website des CSD Tübingen; Stuttgart ist Bunt e.V.; Infos zur queeren Woche; Formen der sexuellen Orientierung

Beiträge zur Situation in Polen (zeit.de)

Weitere Quellen: Volkmar Sigusch: Die Transsexuellen und unser nosomorpher Blick. In: Zeitschrift für Sexualforschung. Heft 3–4, 1991, S. 225–256 und 309–343. 

Beitragsfoto und Illustrationen: Hagen Wagner und Jonas Holsten

 

 

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