Last Call for CineLatino I: “Candelaria – Ein Kubanischer Sommer”

Die letzten Tage des hybriden Tübinger Filmfestivals CineLatino sind angebrochen – zumindest für dieses Jahr. Wir blicken zurück auf zwei der vielen Highlights der diesjährigen Festivalwoche  – und freuen uns auf die Nächste.

Das Tübinger CineLatino neigt sich dem Ende zu. Viele großartige Filme sind schon über die Leinwand des Kino Museum geflackert. Alle zu sehen, war nahezu unmöglich. Beim Blick in das Programm hat man das Gefühl, aus einer Pralinenschachtel auszuwählen: Jeder Film ist eine kleine Köstlichkeit. Jeder hat seinen ganz eigenen Charakter, nicht jeder gefällt allen, aber jeder ist besonders. Billigschokolade gibt es hier nicht. Aber auch Pralinen kann man nicht alle Tage essen – und so brechen die letzten Tage des Festivals an.

Um die Festivalwoche ausklingen zu lassen, suche ich für meine Eltern und mich im fernen Berlin einen Streifen aus dem Onlineangebot heraus. Was in Tübingen funktioniert – spanischer Film mit englischen Untertiteln – ist hier nicht möglich. Wir einigen uns auf einen Spielfilm mit deutschen Untertiteln und begeben uns auf die Reise nach Kuba.

Kuba in der “Sonderperiode”

“Candelaria – Ein Kubanischer Sommer” nimmt uns mit ins Kuba von 1994 – mitten in der „Sonderperiode“. Nach dem Zerfall der Sowjetunion, Anfang der 90er Jahre, fehlt es Kuba an wirtschaftlicher Unterstützung. Die USA verhängen obendrein eine Wirtschaftsblockade, das Land befindet sich im Ausnahmezustand. Es fehlt an allem: Devisen, Öl, Düngemittel, und vor allem an Nahrung.

Inmitten von diesem Chaos versuchen Candelaria und Victor Hugo sich über Wasser zu halten. Die Eheleute in ihren Siebzigern sind erschöpft vom harten Alltag und leben eher aneinander vorbei als miteinander. Bis Candelaria eines Tages eine Videokamera findet. Nun beginnt eine zärtliche Liebesgeschichte. Erst zögerlich und schüchtern, dann immer ungehemmter nehmen die beiden Szenen aus ihrem Leben auf. Die Küken, die Kinder und das Geschirr landen auf dem Band, aber vor allem Candelaria selbst. Die alte Liebe zwischen Victor und ihr lebt neu auf. Ganz sanft beginnen die Senioren, einander wieder anzusehen, zuzuhören und zu verstehen. Als eines Tages die Kamera samt Bändern verschwindet, nimmt der Sommer eine unerwartete Wendung.

Das Filmen bringt sie zusammen – die Protagonisten Candelaria und Victor Hugo.

Hoffnung auch in schweren Zeiten

Es ist eine bittersüße Geschichte, die Regisseur Jhonny Hendrix Hinestroza auf die Leinwand bringt. Inmitten der Armut und des Hungers steht dort eine vom Leben gezeichnete Frau und verströmt mehr Leichtigkeit als alle Jugendlichen dieser Welt. An ihrer Seite ein Mann, der sich von nichts und niemandem aus der Ruhe bringen lässt. „Du bist wie dieses Haus“, sagt Victors Freund zu ihm, „und dieses Haus ist wie das ganze Land. Komplett im Eimer – aber zu Fall bringt es keiner.“ Wenn Victor lacht, muss man einfach mitlachen, selbst wenn einem eigentlich nach weinen zumute ist.

Hinestroza und Carvalho – ein gutes Team

“Candelaria” ist nicht der einzige Film, den Jhonny Hendrix Hinestroza während der Festivalwoche zeigen durfte. Auch “Chocó”, sein Spielfilm von 2011, konnte das Publikum begeistern. Beide Werke reihen sich in das Überthema des diesjährigen CineLatino, dem “Afrolatino-Kino”, ein. Am vergangenen Donnerstag konnten Interessierte sogar einer Podiumsdiskussion mit Hinestroza und anderen Gästen zu diesem Thema lauschen. Der Regisseur wird dem CineLatino wohl noch eine Weile erhalten bleiben, denn ihn und Festivalkoordinator Paulo de Carvalho verbindet schon eine langjährige Zusammenarbeit.

Und das ist auch gut so, denn als die letzten Bilder auf dem Fernseher erlöschen, brauche ich einen Moment, um aus Kuba zurückzukehren. Selten hat ein Bericht aus Krisenzeiten mein Herz so leicht werden lassen, wie diese hoffnungsvolle und gleichzeitig tieftraurige Liebesgeschichte. “Candelaria – ein kubanischer Sommer” ist nur einer von vielen herausragenden Filmen im Programm des CineLatino.

Onlineprogramm noch bis 17. Juni

Dank der hybriden Planung des Festivals gibt es ein umfassendes Onlineangebot. Die Filme wurden jeweils einen Tag, nachdem sie im Kino liefen, für eine Woche online zur Verfügung gestellt. Die Website funktioniert dabei wie ein eigenes kleines Amazon-Prime: Für eine Leihgebühr von jeweils 6€ können diese Woche noch Filme ausgeliehen werden. Die letzten laufen am 17.Juni (also morgen) ab. Wer die Zeit findet, sollte unbedingt noch das Onlineangebot nutzen – es lohnt sich. Und wer könnte schon zu einem Filmabend nein sagen, wenn es solche Pralinen im Programm gibt?

Das Onlineprogramm des CineLatino findet ihr hier: https://onlinecinelatino.filmtage-tuebingen.de/

Dies ist ein Tandem-Artikel. Ein weiteres Programmhighlight war “Cholitas”, eine spanische Produktion von Jaime Murciego. Den zweiten Filmeindruck findet ihr hier.

Beitragsfoto und Illustration: CineLatino/Filmtage Tübingen

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