Kupferblau Kalenderblatt: 09.Mai – historischer Gedenktag oder Kult des Krieges?

Der 9. Mai stellt einen gesetzlichen Feiertag in vielen Ländern dar – die Menschen feiern den Sieg über das Nazi-Regime im Zweiten Weltkrieg und gedenken der Kriegsopfer. Doch pompöse Militärparaden, Verkleiden von Kindern in sowjetischen Uniformen und „Wir können (es) wiederholen“-Aufkleber auf Autos erscheinen weniger wie historische Erinnerung als politische Statements. Eine osteuropäische Perspektive auf die Entstehung und Ambivalenz eines Feiertages, der heute wichtiger scheint als jemals zuvor.

Unterzeichnung der Kapitulation

Am 8. Mai 1945 wurden zum ersten Mal seit dem Kriegsbeginn mit dem deutschen Angriff auf Polen vom 1. September 1939 die Waffen niedergelegt. Obwohl die sog. Siegermächte Sowjetunion, USA, Großbritannien und Frankreich bereits im April 1945 über die Nachkriegsordnung diskutierten, wurde die bedingungslose Kapitulation der deutschen Wehrmacht erst im Mai unterzeichnet. Der Grund dafür war ein erbitterter Straßenkampf in Berlin, der zehntausende Menschenleben forderte. Adolf Hitler nahm sich am 30. April das Leben.

Am 7. Mai 1945 wurde die Kapitulation von Generaloberst Alfred Jodl im Hauptquartier von General und Oberbefehlshaber der alliierten Streitkräfte Dwight D. Eisenhower in Reims unterzeichnet. Sie trat in der Nacht vom 8. zum 9. Mai in Kraft und die Waffen in Europa fielen nieder. Im Juni desselben Jahres wurde über die Zukunft von Deutschland bestimmt – die Alliierten unterteilten das zerstörte Land in vier Besatzungszonen. Die Kapitulation Japans am 2. September nach den Atombombenabwürfen im August beendete den Zweiten Weltkrieg offiziell. Mehr als 70 Millionen Menschen verloren ihr Leben.

Tag des Sieges in der UdSSR

Das erste Anzeichen des später wichtigsten Feiertages im Land, welcher bis heute als „Siegestag“ oder „Tag der Befreiung“ bezeichnet wird, geschah mit der Einführung des 9. Mai 1945 als arbeitsfreier Tag in der Sowjetunion. Man zelebrierte das Ende des „Großen Vaterländischen Krieges“, wie der Zweite Weltkrieg in der Sowjetunion und später auch in Russland genannt wurde, mit einem Salut und einer Heldenparade am 24. Juni. Für die nächsten zwei Jahre blieb der Tag weiterhin arbeitsfrei, 1947 wurde er jedoch mit der Neujahrsfeier ersetzt.

In den nächsten zwanzig Jahren wurde der 9. Mai nur inoffiziell mit Volksfesten und Saluten von der Bevölkerung gefeiert. Zum 20. Jahrestag reformierte Staatsoberhaupt Breschnew die traditionelle Feier, unter anderem mit einer Militärparade und Arbeitsfreiheit, was als Auslöser von vielen weiteren Feierlichkeiten in den folgenden Jahren diente. So gab es nun Blumen am Grabmal des „Unbekannten Soldaten“, traditionell rote Nelken, wachsende Paraden auf dem Roten Platz in Moskau und Schweigeminuten.

Der 9. Mai in Russland

Nach dem Zerfall der UdSSR wurden die Festlichkeiten und Paraden aufgehoben, später in Russland jedoch wieder eingeführt und um vieles vergrößert. Seit 2008 gibt es jährlich eine große Militärparade in Moskau und anderen Städten wie St. Petersburg, die man live im Fernsehen mitverfolgen kann. Zu den roten Nelken kamen weitere feierliche Attribute hinzu, wie das Georgsband oder die Aktion „Das Unsterbliche Regiment“, dessen Teilnehmer seit 2012 mit den Porträts ihrer im Krieg gestorbenen Verwandten durch die Straßen vieler russischer Städte ziehen. Viele dieser Traditionen blieben auch in anderen ehemaligen Sowjet-Ländern bestehen.  

Russische Militärparade zum 09.Mai

Kriegskult?

Die Sowjetunion erlitt mehr als 24 Millionen Tote. Fast jede Familie hatte jemanden zu betrauern und der 9. Mai diente nicht nur zur Feier des großen Sieges, sondern auch zur bitteren Erinnerung und Trauer. Die Sinnhaftigkeit hinter diesem Datum war ein ewiges Gedenken – an die Schrecken des Krieges, an die Hungersnot der Blockade, an die Opfer der Konzentrationslager, an das Leid und an die Angst. Jährlich gaben sich die Menschen, wenn sie am 9. Mai feierten und trauerten, das stille Versprechen, alles dafür zu tun, um diesen Krieg nicht zu wiederholen.

Mit diesem Wissen wird die gegenwärtige Feier des Tages der Befreiung umso tragischer. Die ursprüngliche Bedeutung hinter dem Feiertag ist so gut wie erloschen – mittlerweile liegt der Fokus nur noch am Sieg gegen den „großen Feind“ statt an der Trauer und am Gedenken. Die Militärparade wurde im Laufe des letzten Jahrzehnts immer mehr ausgeweitet und instrumentalisiert. Mittlerweile erscheint sie mehr wie eine Machtdemonstration des Kremls und keine schlichte Angelegenheit zum Gedenken. Der Grund dafür ist offensichtlich: die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg ist das Einzige, was das russische Volk mit der Regierung zusammenhält.

„Im vergangenen Sieg leuchtet die Gegenwart.“

Markus Ackeret, Neue Züricher Zeitung

So schreibt Markus Ackeret in der Neuen Züricher Zeitung über die Feierlichkeiten in Moskau. Die russische Regierung baut ihre Politik auf dem Erfolg der Vergangenheit auf und glorifiziert ein Krieg, um von der kritischen Gegenwart abzulenken. Die Romantisierung des Zweiten Weltkrieges erkennt man überall, wo man hinschaut, in Russland – vom Geschichtsunterricht in den Schulen, wo wenig Beachtung den Kriegsverbrechen und Repressionen Stalins geschenkt wird, bis hin zu Festen in Kindergärten mit uniformierten Kindern. Es wird außer Acht gelassen, dass für zehn Millionen sowjetische Soldaten, die ihr Leben im Krieg verloren, diese Uniformen zur posthumen Kleidung wurden.

Zwischen historischem Gedenken und Kriegsverherrlichung – Kinder in Uniformen mit Georgsbändern

„Wir können (es) wiederholen“, so lauten prahlende Autoaufkleber und T-Shirts, dessen stolze Träger man auf Paraden am 9. Mai sieht. Doch würden die Millionen Kriegsopfer und Veteranen es wirklich wiederholen wollen? Diese Frage stellt sich ein großer Teil der osteuropäischen Jugend und kritisiert die entstandene umgedrehte Symbolik hinter dem 9. Mai mit jedem Jahr mehr.

Der 9. Mai vereinigt viele Bedeutungen für die post-sowjetischen Länder. Einerseits repräsentiert er das den historischen Jahrestag der Unterzeichnung der Kapitulation und damit das Ende des Krieges auf europäischem Gebiet, andererseits kommt ihm in den letzten Jahren eine neue, verdrehte und kritisierte Bedeutung zu. Was jedoch weiterhin standhält, ist die Erinnerung. Und das Versprechen, den Krieg nie zu wiederholen.

Fotos: pixabay.com

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