Politik

Unterstützung, Community und Aktivismus – Im Gespräch mit Black Visions and Voices

“Black Visions and Voices” ist eine Tübinger Gruppe von und für von antischwarzem Rassismus betroffene Menschen. Dort tauschen sie sich aus, erleben Gemeinschaft und unterstützen sich gegenseitig. Außerdem ist ein Ziel der Gruppe, Rassismus in der Gesellschaft sichtbar zu machen und sich politisch zu betätigen. Wir haben Samantha und Ahmed getroffen, die sich beide in der Gruppe engagieren und mit ihnen über Community, Diversität und ihr bisher größtes Projekt gesprochen.

“Wo kommst du her, hat er gefragt / Kämmst du dein Haar, hat sie gefragt / Das ist nicht fair, hab’ ich gesagt / Ich bin revolutionär, progressiv und schwarz”, singt die Stimme im Video “Warum Schwarze so gut Basketball spielen”. Die Bilder: Ein Schwarzer junger Mann wird im Bota grundlos von der Polizei kontrolliert. Ein Türsteher verweigert einer Gruppe Schwarzer Freund*innen den Zutritt zum Club. Szenen von alltäglichem Rassismus, vor Tübinger Kulisse. Das Video ist ein Projekt der Gruppe Black Visions and Voices, gefördert durch den Aktionsfonds ViRaL.

“Die Idee dazu ist entstanden, als wir uns in der Gruppe ‘This is Nigeria’ von Falz und ‘This is America’ von Childish Gambino angeschaut haben. Das war unsere Inspiration,” erzählt Ahmed, der an dem Video mitgewirkt hat. Die Idee war also eine Art “This is Tübingen”: Die alltäglichen Erfahrungen Schwarzer Menschen sollten auf lokaler Ebene sichtbar gemacht werden. “Alle im Video dargestellten Situationen sind so in Tübingen schon passiert,” betont Ahmed. Das Video war das bisher größte Projekt der Gruppe: “Es gab viel Diskussion, viele Ups and Downs, aber es war von Anfang bis Ende lustig.”

Ahmed ist kurz nach der Gründung auf Black Visions and Voices gestoßen. An der Gruppe schätzt er vor allem das Gemeinschaftsgefühl und die Diversität.

Gegenseitiges Verständnis und Unterstützung

Angefangen hat alles im Juli 2017, als die Ethnologiestudentin Samantha mit zwei Freundinnen beschließt, dass Tübingen einen Treffpunkt von und für von antischwarzem Rassismus betroffene Menschen braucht. Es ging darum, einen Ort zu schaffen, an dem sich Menschen über ihre Erfahrungen mit Rassismus austauschen können, ohne sich erklären oder rechtfertigen zu müssen.

“Wir können uns nicht aussuchen, uns mit Rassismus auseinanderzusetzen, wir werden einfach damit konfrontiert,” sagt Samantha. Ahmed, der als Apotheker arbeitet, führt aus: “Wenn mich jemand beim Aspirinkaufen fragt, wo ich herkomme, dann frage ich mich, wie man auf sowas kommt. Ich bin seit zehn Jahren hier, ich freue mich immer noch, aber irgendwann hat man auf solche Fragen keinen Bock mehr.” Der Grundgedanke der Gruppe ist es, einen Ausgleich zu diesem ständigen Konfrontiertwerden mit Vorurteilen und Rassismus zu bieten. Samantha erklärt ihre Motivation, die Gruppe zu gründen so: “Ich will, dass es meinen Geschwistern gut geht, dass sie sich entspannen und zurücklehnen können, einen Safe Space haben, in dem sie nicht immer alles analysieren und sich nicht analysiert fühlen müssen.”

Die ersten Treffen waren noch verhalten, doch bald gewann die Gruppe in der Community an Bekanntheit. Mittlerweile zählen etwa 60 Personen zum größeren Kreis der Mitglieder, der sich einmal pro Monat trifft, während elf Personen im engeren Kernteam aktiv sind. Bei den Treffen gibt es beispielsweise theoretischen Input, Filmabende oder einfach nur Austausch im Gespräch. Besonders wichtig ist der Community-Aspekt, der auch über die Treffen hinausgeht. Die Mitglieder unterstützen sich gegenseitig, “von Umzug bis Anwalt”, wie Samantha beschreibt, und betreiben so aktiv Empowerment.

Samantha (rechts) hat die Gruppe 2017 mit zwei Freundinnen als Treffpunkt und Austauschmöglichkeit gegründet. Ihr war aber von Beginn an klar, dass ein politischer Aspekt auch mitgedacht werden muss.

Wir sind ein Spiegel der Gesellschaft”

Was die Gruppe von anderen abhebe, sei auch ihre Diversität, betont Ahmed. Ganz verschiedene Erfahrungsschätze von Studierenden, Arbeitenden, Immigrant*innen und Nicht-Immigrant*innen bereicherten die Gespräche ungemein und erlaubten auch eine viel weitere Vernetzung mit kleineren Communities unterschiedlicher Nationalitäten. Die Gruppe sei ein Spiegel der Gesellschaft, und da gebe es natürlich auch Klassismus und Sexismus, erklärt Samantha.

Es werde aber anders mit Diskussionen und Meinungsverschiedenheiten umgegangen. Statt sich abzuschotten, könne man sich immer wieder ins Gedächtnis rufen: “Hey, wir sind eine Community!” Verschiedene Erfahrungen könne man eher zusammenführen und das gesammelte Wissen für die Gruppe nutzen und auch nach außen tragen. So werde intersektionale Solidarität gelebt, meint Ahmed. “Ich finde es sehr stark, dass wir unterschiedliche Hintergründe haben. Diese Diversität bindet mich auch an die Gruppe,” fasst er zusammen.

Neben der gegenseitigen Unterstützung möchte die Gruppe auch in Zukunft weitere Projekte erarbeiten, die an die Öffentlichkeit gehen und sie für verschiedene Arten des Rassismus sensibilisieren.

Letztendlich ist alles politisch

Das Bestreben der Gruppe war von Beginn an, auch als erst einmal der interne Austausch im Vordergrund stand, politisch. “Es ging immer um Rassismus. Und das ist immer ein politisches Thema,” erklärt Samantha. Mit Aktionen wie “Warum Schwarze so gut Basketball spielen” und spätestens mit der Kundgebung zum Tod von George Floyd im Juni 2020 stand die Gruppe dann schnell in der Öffentlichkeit. Samantha und Ahmed betonen, dass ein Ziel der Gruppe auch in Zukunft ist, die breite Gesellschaft für das Thema Rassismus zu sensibilisieren. “Bevor es Black Visions and Voices gab, hat mir so etwas gefehlt,” erzählt Ahmed. Er sagt, dass er im allgemeinen Bewusstsein über Rassismus eine Entwicklung sieht und man daran anknüpfen muss. “Auch die Black Lives Matter-Bewegung wird weitergehen,” meint er.

Thematisieren könnte man vieles. Beispielsweise die Tübinger Straßennamen, die aus der Kolonialzeit oder dem Nationalsozialismus stammen. Oder auch die Umbenennung der Universität, die im Moment diskutiert wird. Ein konkretes Projekt, das die Gruppe angehen möchte, ist das Aufnehmen eines Podcasts zum Thema. Wir dürfen also gespannt sein!

In unserem Gespräch haben wir uns noch ausführlicher über Rassismus in Tübingen und global unterhalten. Den Artikel dazu könnt ihr jetzt in unserer neuen Print-Ausgabe lesen.

Fotos: Black Visions and Voices

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