Sprache und Gesellschaft: Gedanken zur Lesung von Kübra Gümüşay

Organisiert von der Tübinger Initiative TAKT, fand Mitte Dezember 2020 eine Lesung der Bestsellerautorin Kübra Gümüşay. Dort las sie aus ihrem Buch “Sprache und Sein” und referierte darüber, wie Sprache unsere Wahrnehmung beeinflusst. Unsere Redakteurin hat sich die Veranstaltung zum Anlass genommen, über Privilegien, konstruktiven Dialog und weitere Gedanken Gümüşays zu reflektieren.

Schon in der Begrüßung und Ankündigung bekannte TAKT (Tübingen aktiv gegen Diskriminierung) den Willen zu einem nicht selbstverständlichen Ziel: Diskriminierungsfrei und ohne Menschen auf Kategorien zu reduzieren zu sprechen. „Takt im wörtlichen Sinne ist gleichbedeutend mit Anstand, Benehmen, Freundlichkeit“, sagte Luzia Köberlein, die städtische Beauftragte für Integration und Gleichstellung.

„Menschen so zu bezeichnen, wie sie bezeichnet werden wollen, ist keine Frage von Höflichkeit, auch kein Symbol von politischer Korrektheit oder einer progressiven Haltung – es ist einfach eine Frage des menschlichen Anstands. Ich verzichte darauf, andere trotz ihres Widerstands anders zu benennen, als sie es wünschen. Ich verzichte darauf, ihre Perspektive zu unterdrücken, der ich stattdessen Raum gebe“

las Kübra Gümüşay einige Minuten später aus ihrem Buch.

Ein solches Buch passt gut in Zeiten, in denen Streitigkeiten rund um Meinungsfreiheit und Sprachzensur im öffentlichen Leben ständig präsent sind. Wer das Buch allerdings in der Erwartung liest, eine Liste problematischer und präferierter Bezeichnungen vorzufinden, wird enttäuscht werden. Vielmehr geht es um die Zusammenhänge zwischen Sprache und Gesellschaft, und um einige Grundannahmen, die für eine diskriminierungsfreie Sprache von Bedeutung sind.

Sprache und Realität

Zum Beispiel die Folgende: Unsere Sprache prägt unsere Wahrnehmung. In der Sprachphilosophie ist diese Annahme inzwischen Konsens. Unsere Welt ist nicht fertig und wir nehmen nicht durch Worte auf bereits existierende Gegenstände Bezug. Nein, wir konstruieren sie durch die Sprache mit.

Gümüşay führte dafür ein eindrückliches Beispiel an: Sie erzählte, wie ihre Tante ihr das türkische Wort „yakamoz“ beibrachte, welches für die Reflexion des Mondes auf dem Wasser steht. Seit die Autorin dieses Wort kannte, habe sie sich der Wahrnehmung des leuchtenden Mondes auf dem Wasser nicht mehr entziehen können.

Auch die enge Verknüpfung zwischen Sprache und Kultur arbeitete sie klar heraus: Dass es im Deutschen geschlechtsspezifische Pronomen gebe, mache Geschlecht als soziale Kategorie für uns erst so bedeutsam. Gümüşay erzählte von einem Gespräch über eine unbekannte Person auf Indonesisch– einer Sprache, in der es kein „er, sie, es“ gibt. Die Frage nach dem Geschlecht der Person wurde erst sehr spät gestellt. Für mich ist es schwer vorstellbar, lange über eine Person zu sprechen, sie mir vorzustellen, ohne mich zu fragen, welchem Geschlecht sie angehört.

Eine andere Sprache, mit der Kübra Gümüşay sich im Zuge ihrer Recherche eingehend beschäftigte, ist die der Potawatomi, eines nordamerikanischen indigenen Volkes. In dieser Sprache wird der Natur ein Subjektstatus zugeschrieben – beispielsweise kann sie den Menschen lieben. Uns Deutschsprechenden widerspricht diese Weltsicht intuitiv. Und doch findet Gümüşay sie inspirierend: Was könnte uns diese Sprache in Bezug auf den Klimawandel wohl lehren?

Potawatomi wird inzwischen nur noch von sehr wenigen Menschen gesprochen, da die Indigenen bereits als Kinder in Internate gebracht und zwangsassimiliert wurden. Eine alte Frau, die des Potawatomi noch immer mächtig ist, wird in dem Buch zitiert: „Es sind nicht nur Wörter, die verlorengehen. Es ist das Innerste unserer Kultur, sie enthält unsere Gedanken, unsere Art, die Welt zu sehen.“

Geschlecht, die Orientierung im Raum, die Objektposition der Natur, die Ordnung der Zeit, dass wir Vergangenheit überhaupt wahrnehmen – das sind für uns unhinterfragte Selbstverständlichkeiten, die in unserer Kultur und Sprache Ausdruck finden. Sprächen wir eine andere Sprache, wären viele Dinge anders.

Die Benannten und die Unbenannten

Sprache beeinflusst die Realität. So weit, so gut. Zu einer neuen Sprache führt uns das noch nicht, wenn wir nicht glauben, dass an unserer derzeitigen Sprache etwas problematisch sei.

Doch auch diese Grundannahme legt Kübra Gümüşay in ihrem Buch dar und verbildlicht sie mit einer Metapher: dem Museum der Sprache. In diesem leben die Benannten und die Unbenannten. Die Benannten sind hinter Glasscheiben ausgestellt, an ihren Käfigen befinden sich Beschreibungen mit Eigenschaften, die von anderen als bedeutsam erachtet wurden. In diesen Käfigen leben Angehörige einer diskriminierten Gruppe. Auf den Käfigen steht: der Flüchtling, die Jüdin, der Schwarze, die Lesbe.

Frei bewegen in dem Museum können sich die Unbenannten. Diejenigen, die der Norm entsprechen und es nicht gewöhnt sind, auf eine Eigenschaft festgeschrieben zu werden, die angeblich ihr ganzes Sein definiert.

Im Vortrag erzählte die Autorin von einer juristischen Konferenz, auf der problematisiert wurde, dass alte weiße Männer am meisten von dem Anti-Diskriminierungsgesetz profitierten, weil sie auf Alters-diskriminierung klagen könnten. In der Diskussion meldete sich ein alter weißer Mann zu Wort und beklagte sein Unwohlsein damit, wie gerade über alte weiße Männer gesprochen würde.

Hier wurde der Spieß herumgedreht: Der Mann war – vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben – ein Benannter. Er wurde zum Vertreter einer Gruppe mit negativen Eigenschaften: rassistisch, sexistisch, privilegiert. Er erlebte das, was marginalisierte Gruppen tagtäglich erleben: Er musste sich gegen die Zuschreibung dieser Eigenschaften zur Wehr setzen, sie von sich weisen. Er war nicht länger einfach nur „normal“. Seine Position wurde benannt.

Kübra Gümüsay auf der re:publica in Berlin, 2016. Foto: re:publica/Gregor Fischer
Das Ende der Sozialwissenschaft?

Nachdem sie diese Geschichte erzählt hatte, beantwortete Gümüşay in ihrem Vortrag die Frage nach ihrem Plädoyer, die nicht gestellt, aber auch in meinem Kopf aufgekommen war. Was genau will sie damit sagen? Sollen wir jegliche soziale Kategorien abschaffen? Wie das Beispiel zeigt, können nicht nur diskriminierte Menschen einer sozialen Gruppe angehören. Fordert sie das Ende der Sozialwissenschaft?

Sie wolle die Kategorien nicht abschaffen, sagte die Autorin. Wir bräuchten sie, um Reizüberflutung zu verhindern, um unser Gegenüber einordnen zu können. Aber wir müssten sie flexibler gestalten, menschlicher. Gümüşay plädiert dafür, Menschen zu erlauben, mehr zu sein als ihre Kategorie, anders als ihre Kategorie. Und wir dürfen nicht länger so tun, als sei die Zugehörigkeit zur Mehrheitsgesellschaft oder zu einer privilegierten Gruppe keine, würde ich hinzufügen.

An dieser Stelle wurde klar, dass es in „Sprache und Sein“ eigentlich um viel mehr geht als um Sprache. Es geht um Machthierarchien, um Individualität. Es geht darum, dass manche Menschen nur noch als Vertreter*innen ihres Kollektivs gesehen werden. Individualität ist ein Privileg und keine grundlegende menschliche Eigenschaft

Individualität als Privileg

„Viele Menschen in unserer Gesellschaft können durch die Straßen gehen und dabei einfach sie selbst sein. Sie können unfreundlich sein, sich ärgern, ihren Emotionen freien Lauf lassen, ohne dass daraus ein allgemeiner Schluss gezogen würde über all jene, die so ähnlich aussehen wie sie oder die gleiche Religion praktizieren. Wenn ich, eine sichtbare Muslimin, bei Rot über die Straße gehe, gehen mit mir 1,9 Milliarden Muslim*innen bei Rot über die Straße. Eine ganze Weltreligion missachtet gemeinsam mit mir die Verkehrsregeln.“

– Kübra Gümüsay

Auch in der Diskussion, die sich an die Lesung anschloss, wurde die Forderung nach der Individualität genauer behandelt. Gümüşay warnte davor, ihr Bild des Museums als statisch zu begreifen – vielmehr solle es Machthierarchien verdeutlichen, die situativ vorhanden sind. Eine Reessenzialisierung von konstruierten Kategorien wolle sie verhindern, und Quoten sehe sie aus diesem Grund oft eher kritisch: Sie hält sie für ein gutes Werkzeug, um Machtstrukturen aufzubrechen. Sobald dies allerdings geschehen sei, müssten sie sofort wieder abgeschafft werden. Der Aufbruch von Machtstrukturen sei schwer umzusetzen, wenn die sozialen Gruppen am Tisch nicht vertreten seien – oder wenn die Menschen, die am Tisch sitzen, ihre Perspektive nicht mitdenken. Langfristig sei es darum wichtiger, dass alle ein Bewusstsein für die Perspektiven anderer Menschen hätten.

Miteinander sprechen

Dass sich eine Gruppe der elitären Intellektuellen bildet, sieht sie ebenfalls als Problem. Das Ziel eines Lebens solle es nicht sein, dass man sich mit ein paar anderen ebenfalls „woken“ Menschen zurückziehe und mit niemandem mehr rede, der eine andere Meinung habe. Stattdessen sei es doch viel schöner, am Ende seines Lebens sagen zu können:

„Wir hatten Unrecht, der Faschismus ist nicht gekommen, weil wir es verhindert haben!“

Kübra Gümüşay möchte keine Menschen vom Dialog ausschließen, weiß allerdings auch, dass es persönliche begrenzte Ressourcen gibt, und dass man rechten Ideologien nicht unwidersprochen Raum geben darf. Welche Möglichkeit bleibt einem allerdings, als mit den Menschen zu reden? Was ist eine geeignete Alternative? Dass man ein Gespräch führt, bedeutet ja nicht, dass man dem anderen Menschen Recht gibt, dass man Kompromisse eingeht oder seine Ideale aufgibt.

Um vom Sprechen noch einmal zur Sprache zurückzukommen: Eine andere Frage, die von einer Zuschauerin gestellt wurde, bezog sich auf den Prozess des Schaffens einer neuen Sprache, den die Autorin fordert. Wie genau soll das möglich sein? Wir wissen nun, dass Sprache Realität schafft, dass unsere jetzige Sprache das auf eine Weise tut, die nicht immer ideal ist, und dass wir eine neue Sprache konstruieren müssen, in den Konstruktionsprozess hinein investieren müssen, nicht aus-schließlich in die Dekonstruktion der alten Sprache. Doch wie “schafft” man eine neue Sprache? Kann ein einzelner Mensch das? Kann eine Gruppe das?

Mit diesen linguistischen Fragen beschäftigt sich „Sprache und Sein“ nicht. Doch das Buch der energievollen, empathischen, klugen und idealistischen Autorin bietet eine großartige Grundlage für weitere Diskussionen über Themen wie den Zusammenhang zwischen Sprache und Gesellschaft oder die Probleme im Deutschland dieser Zeit.

Die Lesung ist online und kostenlos auf Youtube oder auf der Website der Initiative TAKT abrufbar.

Titelbild: Hannah Burckhardt

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.