Vom Studi-Leben ins Arbeitsleben – während Corona

Als ich mich im Januar auf eine Stelle als Language Assistant in London bewarb, war Corona noch keine große Sache. Mich beschäftigte damals mehr, dass ich mich hierfür von meinem Studi-Leben für einige Zeit verabschieden musste und dass nun das Arbeitsleben auf mich zukam. Jetzt, da sich die halbe Welt in einem zweiten Lockdown befindet und ich die ersten drei Monate meines einjährigen Aufenthalts hier hinter mich gebracht habe, ist Corona doch etwas relevanter – und das überall.

Ich hatte erwartet,  den normalen Schulalltag an einer englischen Schule kennenzulernen, bevor ich mein Lehramtsstudium in Tübingen fortsetze. Doch nun muss ich eingestehen, dass sich dieser Alltag doch komplizierter gestaltet als erwartet. Trotzdem gibt es vieles, was sich zu erzählen lohnt.

Vom Studi-Leben ins Arbeitsleben

Als ich im August hier in London in meiner neuen Wohnung ankam, war alles neu. Eine neue Stadt, ein neuer Job und viele neue Menschen. Während ich versuchte, mich an meinen neuen Alltag als Language Assistant zu gewöhnen, hatte ich immer noch diese eine Hausarbeit, die ich für die Uni noch fertigstellen musste, im Hinterkopf. Viele Studierende kennen das: Eine Prüfung folgt auf die nächste. Erst die schriftlichen Klausuren, dann die mündlichen Prüfungen und dann die Hausarbeit. Dann, wenn alles fertig ist, beginnt das nächste Semester.

Nun, nachdem ich es in den Herbstferien endlich geschafft hatte, diese Hausarbeit fertigzustellen, wurde mir erst klar: Bis Juli 2021 gibt es für mich keine verpflichtenden Abgaben (Urlaubssemester machen’s möglich). Ich wusste zuerst gar nicht, was ich mit meiner neu gewonnenen Freiheit anfangen sollte. Doch London und Umgebung haben mich dann schnell in den Bann gezogen.

Wer kennt’s? In Oxford kann man die Bodleian Libraries besuchen – und sich in die fantastische Welt von Harry Potter tanzen.

Keine Hausarbeiten mehr

Natürlich, ich gehe unter der Woche täglich zur Arbeit. Von 9 Uhr morgens bis 16:30 Uhr. Ich bereite zwischendurch meine Stunden vor und habe das ein oder andere Meeting. Gerade am Anfang kostet mich dieser neue Arbeitsalltag sehr viel Energie. Aber alles in allem, wenn ich meine Zeit produktiv nutze und vielleicht auch mal früher in die Schule komme, ist mein Tag um 16:30 Uhr vorbei. Und sind wir mal ehrlich, 9 Uhr ist eine sehr humane Zeit, um den Tag zu beginnen.

Jetzt, wo ich mich eingewöhnt habe und mir keine Gedanken mehr an Abgaben oder Online-Vorlesungen im Hinterkopf herumschwirren, habe ich mehr Zeit für anderes. Sport oder kleine Ausflüge in die Stadt oder auf das Land wären ohne schlechtes Gewissen möglich – wäre da nicht noch Corona.

Kleinere Ausflüge in den Hyde Park verschönern den Alltag (auch mit Corona).

“Wie ist es bei Dir so mit Corona?”

Ich weiß nicht, wie oft mir diese Frage schon gestellt wurde. Der (Arbeits-)alltag, den ich in den letzten Monaten kennenlernen durfte, wird eindeutig von Corona geprägt – im November mehr als zuvor. Wer es noch nicht wusste, auch Großbritannien hat einen zweiten Lockdown eingeführt, am zweiten November. Und unser Lockdown ist anders als der in Deutschland.

Außer Schulen, Universitäten und Lebensmittelgeschäften ist hier nichts mehr offen. Aber die Engländer sind kreativ, und so zählen auch Weihnachtssüßigkeiten zu Lebensmitteln, die man in den Läden noch kaufen kann. Trotzdem: Während in Deutschland der Kontakt in geschlossenen Räumen zu einem anderen Haushalt allen erlaubt ist, so ist er hier nur für diejenigen möglich, die alleine wohnen. Und gerade, wenn man andere Städtchen oder Ecken Großbritanniens erkunden möchte, ist das nur mehr oder weniger möglich. Ich hätte nie gedacht, dass ich mich mal in strömendem Regen über ein Take-Away-Mittagessen unter einer Bushaltestelle freuen würde.

Leere Straßen in London während des zweiten Lockdowns.


In der Schule gibt es Regelungen, die es ermöglichen, dass die Bildungseinrichtungen geöffnet bleiben. Ein-Weg-Systeme, geregelte Zeiten für das Mittagessen und eine Maskenpflicht in den Gängen. Allerdings bedeutet das für mich vor allem eins: Vorsichtig sein. Plexiglasscheiben zwischen mir und den Schülern. Keine Friday Afternoon Drinks, geschweige denn eine Weihnachtsfeier. Aber grundsätzlich will ich mich nicht beschweren, denn anstatt wie im SoSe 2020 nur in meinem Zimmer am Schreibtisch zu sitzen, darf ich jeden Tag mit engagierten Schülerinnen und Schülern arbeiten und das Haus verlassen.

Es fehlt der Unistress

Jetzt, wo wir im Lockdown sind, werde ich vermutlich doch ein bisschen was für die Uni machen. Denn sie fehlt mir manchmal, diese bekannte, stressige, aber auch schöne Atmosphäre, die es bei uns an der Uni gibt. Besonders, wenn man wirklich vor Ort studieren, in der Bib lernen kann und sich beim vierten Kaffee über die nächste, scheinbar zeitlich unlösbare Herausforderung austauscht.

Im Moment bin ich zufrieden damit, mir dienstagabends auf Zoom von der Kupferblau-Redaktion alle Vor- und Nachteile der Online-Lehre anzuhören und meine Sicht der Dinge hier zu erläutern. Ich hoffe dennoch sehr, dass man, wenn ich zum nächsten Wintersemester zurück komme, wieder durch die Wilhelmstraße laufen und Kommiliton*innen  persönlich begrüßen kann.

Hoffentlich werden die Uni-Gebäude in den nächsten Semestern wieder mit mehr Studierenden gefüllt sein.

Für diejenigen, die den Unistress nicht ganz so sehr lieben wie ich: Ich kann euch auf jeden Fall bestätigen, dass ein geregelter Arbeitstag (wie wir Schwaben sagen würden) auch nicht ganz so schlecht ist.

Fotos: Ellen Lehmann

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