Die Kupferblau Schmöker-Ecke: Hättet ihr’s erkannt?

Manchmal kann eine Pandemie alles verändern. Bars und Kneipen sind plötzlich geschlossen, Konzerte und Partys wurden abgesagt – da bleibt nicht mehr viel an kultureller Inspiration übrig. Oder doch? In unserer neuen Artikelreihe „die Kupferblau-Schmöker-Ecke“ stellen wir euch thematisch abgestimmte Empfehlungen für Bücher, Podcasts und Serien zusammen.  Zum Schmökern bieten wir euch heute neue und aufregende Interpretationen von klassischen Reclam-Werken.

Ist Blut dicker als Wasser?

Wer kennt den Plot? Zwei Brüder können sich aufs Mark nicht ausstehen. Sie buhlen um die Gunst des Vaters und lieben die gleiche Frau! Frei sein wollen sie auch noch – der eine von gesellschaftlichen Zwängen, der andere vom Naturgesetz. Ärger ist vorprogrammiert. Während der Schönling die Vorzüge eines durchzechten Studentenlebens in Leipzig genießt und Hauptmann einer zweifelhaften Bande wird, lungert der Fiesling noch im väterlichen Schloss herum… und neidet, intrigiert und belästigt Frauen wie Dienerschaft. Am Ende steht nicht nur eine Stadt in Flammen, auch mit der Moral ist es nicht weit her. Wer hat‘s erkannt? „Die Räuber“ sind es natürlich, von Schiller. Seit jeher Schullektüre und hier aufs Gröbste vereinfacht, sind sie natürlich nicht nur sehr lesenswert (wegen des philosophischen Diskurses und eines wahnwitzgien Intrigenspiels), sondern auch einfach sprachlich beeindruckend. Wo sonst wird ein Brief zum „tintenklecksenden Säkulum“ und das Gegenüber zur „falschen, heuchlerischen Krokodilbrut“? So einen Klassiker abseits des Unikosmos zu lesen, mag erstmal Überwindung kosten. Aber schon nach dem ersten Akt lässt einen die Sprachgewalt nicht mehr los. Denn hier wird nur so gestürmt und gedrängt!

Wie aus einem Pferdehändler ein besorgter Bürger wird

Michael liebt Pferde über alles. Er ist Pferdehändler und legt großen Wert auf die artgerechte Haltung seiner Tiere. Er wäre sicher auch ein Fan von Winnetou und Old Shatterhand, doch leider ist er gerade nicht in der Stimmung, sich mit Western-Romanen zu begnügen. Um genau zu sein, ist er stinksauer. Statt auf seinem geliebten Pferdehof befindet sich Michael nämlich am Landesgericht und wartet auf seinen Anwalt.

Wie das Ganze begann? Nun, bei seiner letzten Verkaufstour wurde er von zwei Beamten angehalten, die neben Führerschein und Personalausweis noch andere benötigte Papiere sehen wollten, von denen Michael zum ersten Mal hörte. Erst dachte er, das sei ein schlechter Insider-Witz. Doch als die Beamten dann sogar seine Pferde beschlagnahmten, war ihm nicht mehr zum Lachen zu Mute. Naja, er wollte keinen Stress, machte sich auf, diese angeblichen Papiere zu besorgen – nur um zu erfahren, dass er sich mächtig übers Ohr hauen lassen hat. Als Michael diese beiden Vollidioten dann zur Rede stellte, sah er, wie seine beschlagnahmten Pferde völlig am Ende waren. Das Fass wurde zum Überlaufen gebracht. Er als rechtschaffender Bürger soll sich immer an Gesetze halten, während die sogenannten Staatswächter machen können, was sie wollen?! Sofort erstattete er Anzeige.

Nun sitzt Michael mit seinem nervigen Anwalt also hier im Landgericht und wartet auf das Urteil. Er hatte gehofft, die Sache schnell und unkompliziert klären zu können. Doch schnell und unkompliziert sind zwei Wörter, die den Juristen scheinbar umso ferner liegen – zweimal schon wurde seine Anklage abgewiesen. Und zu allem Überdruss vertröstet der Richter Michael auch diesmal wieder mit einer Absage. 

Völlig wutentbrannt und verzweifelt verliert Michael sein Vertrauen in den Rechtsstaat und kann genug Anhänger*innen für seinen Protest gegen die Willkür der „Eliten“ gewinnen. Ähnlich der Stuttgarter Ausschreitungen kocht die Stimmung allzu bald in bloße Gewalt über – in Michaels Namen werden Geschäfte geplündert und sogar Häuser in Brand gesteckt. Wer kann Michael und seine Anhänger*innen von der Rachsucht zur Vernunft bringen? Wie können verletzte Gerechtigkeitsgefühle jemals wieder gut gemacht werden, wenn das Individuum keinen Glauben mehr an „Die da oben mit ihren Gesetzen“ hat? Es sind Fragen aktueller denn je. Wer das Phänomen der Black Lives Matter-Proteste aber auch das der „Corona-Verschwörungsmythiker“ sozial und psychologisch verstehen möchte, kommt an dieser Novelle nicht vorbei. Heinrich von Kleist schrieb die Geschichte von „Michael Kohlhaas“ bereits vor über 200 Jahren. Manchmal hängen Vergangenheit und Gegenwart doch enger zusammen, als man denkt. Die Novelle wurde 2013 verfilmt und ist auf Amazon Prime erhältlich.

Text: Judith Hüwelmeier & Hagen Wagner

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