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Welche Konsequenzen hat die Nutzung sozialer Medien während der Corona-Krise? Welche Möglichkeiten oder Gefahren können sozialen Medien in solch einer Situation bergen? Mit diesen Fragen beschäftigte sich die Psychologin und Kommunikationswissenschaftlerin Prof. Dr. Sonja Utz am Mittwoch in ihrem Vortrag „Die Rolle der (sozialen) Medien in der Corona-Krise“. Dieser fand im Rahmen der virtuellen Vorlesungsreihe „Die Corona-Pandemie: eine Analyse und Reflexion aus Sicht der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften“ der Universität Tübingen statt.

Von medizinischen zu gesellschaftlichen Fragen der Krise

Am Montagabend, den 29.06.2020 startete die Vorlesungsreihe „Die Corona-Pandemie: eine Analyse und Reflexion aus Sicht der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften“ der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Tübingen in Zusammenarbeit mit dem Zentrum für Medienkompetenzen (ZFM). Die durch Prof. Dr. Dominik Papies organisierte virtuelle Ringvorlesung bietet ein vielseitiges Programm an und findet die nächsten drei Wochen wochentags über Zoom und YouTube statt. Dabei stehen nicht medizinische und epidemiologische Fragen im Mittelpunkt, sondern Fragen nach den gesellschaftlichen Herausforderungen und den sozialen und wirtschaftlichen Konsequenzen der Pandemie. Gegenmaßnahmen und Konsequenzen sollen aus verschiedenen Perspektiven der sozial- und wirtschaftswissenschaftlichen Disziplinen evidenzbasiert vorgestellt werden. Auch am Mittwoch, den 1. Juli fand die Vorlesung im Studio des ZFM statt und wurde durch Frau Prof. Dr. Taiga Brahm eingeleitet.

An diesem Abend stand Frau Prof. Dr. Sonja Utz des Leibniz-Instituts für Wissensmedien im Studio des ZFM. Seit 2014 ist sie Professorin an der Eberhard Karls Universität Tübingen und untersucht mit ihrem Team die Nutzung sozialer Medien und die Kommunikation mit diesen, und welche Auswirkungen sich damit für den Wissenserwerb und -austausch ergeben. Im Rahmen dieser Ringvorlesung und damit auch der Corona-Krise beschäftigt sie sich mit den sozialen Medien als Medium für Informationsaustausch und den daraus entstehenden Fragen nach Stressbewältigung und Wissenskommunikation.

Facebook, Instagram, Twitter – Was sind soziale Medien überhaupt?

Prof. Utz begann ihren Vortrag klassisch mit einer theoretischen Begriffsklärung. Der Begriff ‚soziale Medien‘ gelte zunächst als ein Sammelbegriff für verschiedene Webseiten und Apps. Charakteristisch sei dabei, dass die Inhalte überwiegend von Nutzen generiert werden. Wo es sich anfangs nur um textbasierte Inhalte handelte, werden nun verstärkt Fotos und Videos eingesetzt. Wie der Begriff schon andeutet, sei die soziale Interaktion zentral gestellt, dabei verschwimmen jedoch die Grenzen zwischen sozialer bzw. privater und öffentlicher Kommunikation.

Durch die Lockdown-Phasen seit Ende März scheinen die Menschen vermehrt auf die sozialen Medien angewiesen zu sein – nicht nur für die Informationsbeschaffung, sondern auch für den Austausch.

Potentielle Effekte der Nutzung sozialer Medien – gut oder schlecht?

Um positive wie auch negative Effekte der sozialen Medien während dieser Krise zu veranschaulichen, zog Prof. Utz eine aktuelle Studie von Hamilton et al. (2020) heran. Allgemein hätten soziale Medien das Potential, Menschen in der Pubertät ein Medium zur Identitätsentwicklung und Selbstentfaltung zu bieten. Spezifischer für die Krise zeige sich, dass vor allem Jüngere so den Zugang zu Informationsquellen nutzen. Auch können Erfahrungsberichte mit dem Virus einen Effekt auf die Risikowahrnehmung haben und so das Verhalten der Menschen positiv beeinflussen. Abhängig von aktiver oder passiver Nutzung könne in solch einer Zeit zudem die soziale Verbundenheit zwischen Freunden durch die Nutzung sozialer Medien gestärkt werden.

Negative Effekte liegen allgemein darin, Selbst- und Körperwahrnehmung durch die inszenierten Selbstdarstellungen anderer zu beeinträchtigen. Das große Risiko der sozialen Medien liegt momentan  besonders bei den Falschinformationen bzw. Fake News, die verbreitet werden.

Durch einen vermehrten Konsum der sozialen Medien kann aber auch die Stimmung negativ beeinträchtigt werden und zu vermehrter Angst und Schlafmangel führen oder auch andere körperlichen Folgen haben.

Die Darstellung dieser zwei Seiten der Effekte der Nutzung sozialer Medien werfe außerdem die Frage auf, ob soziale Medien zur Stressbewältigung beitragen können. Stress setze allgemein dann ein, wenn die Ressourcen des Menschen durch die Anforderungen überstiegen werden. Besteht Stress, könne dieser mit verschiedenen Strategien bewältigt werden, die jedoch meist situationsbedingt ausgewählt werden. Inwieweit soziale Medien als ein Mittel der Stressbewältigung eingesetzt werden können, sollte im Laufe des Vortrags dann noch anhand verschiedener Studien illustriert werden.

Soziale Medien sind für viele Teil des alltäglichen Lebens geworden.

Fake News – Sind wir wirklich so anfällig?

Die von Prof. Utz vorgestellten Studien zu Fake News zeigten, dass Menschen, die auf traditionelle Nachrichtenkanäle zurückgreifen auch ein besseres Vermögen aufweisen, Schlagzeilen als korrekt oder ‚fake‘ einzuordnen. Wenn es um das Sharing von Informationen geht, ergibt sich eine Diskrepanz zwischen einer bewussten Verarbeitung von Informationen und dem Teilen von Informationen auf sozialen Medien.

Denn obwohl die Korrektheit von Schlagzeilen meist richtig eingeordnet werden könne, werden Fake News scheinbar leichtfertiger auf sozialen Medien geteilt.

Daher seien besonders jene Gruppen vor Falschinformationen gefährdet, die ihre Nachrichten lediglich über soziale Medien beziehen. Problematisch ist dabei jedoch, dass teilweise auch korrekte Schlagzeilen nicht als wahr angesehen werden. Frau Prof. Utz stellte hierbei die These auf, dass dies an dem neuartigen Virus liege, zu welchem es wenig Vorwissen gebe und sich der Wissensstand täglich ändere. Somit bestehe allgemein ein größerer Argwohn gegenüber den vermittelten Informationen. Positiv sei jedoch, dass verschiedene Plattformen nun bei schnellem Teilen erneut nachfragen und den Nutzer so nochmals dazu bringen möchte, über die Informationen nachzudenken, welche sie gleich teilen werden.

Mediennutzung, Wissenskommunikation und Stressbewältigung

Um die die Verbindung von Mediennutzung und Stressbewältigung darzustellen, stellte Prof. Utz eine Studie vor, welche sie zusammen mit Lara Wolfers durchführte. Dabei sollte untersucht werden, wie Stress während der Krise auftritt und wie (effektiv) dieser bewältigt wird. Zunächst zeigte sich deutlich, dass die Mediennutzung durch die Corona-Pandemie anstieg. Soziale Medien würden am dominantesten für die Informationssuche verwendet werden, sowie zur Ablenkung (vor allem durch Filme und Serien), aktiver Bewältigung (keine Mediennutzung) und Humor (vor allem Instant Messenger und soziale Netzwerke). Soziale Unterstützung erfolge meist über Messenger und Anrufe. Positiv zeigte sich zudem, dass Nachrichten und Webseiten öffentlicher Institutionen immer noch entscheidend für die Informationssuche seien.

Doch welche Auswirkungen hat dieses Verhalten? Prof. Utz stellte dafür einige Muster vor, die sich durch die Studie herauskristallisiert hatten. Es zeigte sich, dass sich nur kleine Effekte der Mediennutzung auf das Stresslevel finden lassen und somit eine gewisse Stabilität herrsche. Stress führe dennoch zu Mediennutzung, welche den Stress auch nicht zu verringern vermöge. Die Nutzung von Instant Messengern zeige wiederum eine Erhöhung von Stress. Sogar die Stressbewältigungsstrategien der Informationssuche und Suche nach sozialer Unterstützung rufen mehr Stress hervor.

Entscheidend sei nun aber, dass junge Menschen vor allem die traditionellen Medien und Webseiten (z.B. RKI) für die Informationssuche nutzen. Die kleinen Effekte, welche sich gezeigt haben, können einerseits zeigen, wie komplex der Vorgang der Stressbewältigung sei, oder auch dass das Stresslevel in der befragten Gruppe nicht besonders hoch war. Die Probanden für diese Studie wurden vornehmlich über den E-Mail-Verteiler der Universität Tübingen gefunden. So sei es möglich, dass vor allem Studierende sich als nicht vollkommen repräsentativ in diesem Bezug erweisen.

Drosten, Streeck oder Kekulé – Die Lieblingsvirologen

Mit der Corona-Pandemie zeigte sich auch die neuere Entwicklung des Public Engagements (das bewusste Einbeziehen von Spezialist*innen in öffentliche Debatten mit Nicht-Spezialist*innen), welches wichtig für die Wissenschaftskommunikation durch soziale Medien sei. Das Public Engagement könne Effekte auf das Lernen und die Emotionen oder das Verhalten der Nutzer der sozialen Medien haben. VirologInnen haben in dieser Corona-Debatte nicht nur ihre eigenen zentralen Positionen, die sie auf verschiedenen Plattformen vertreten, sondern teilweise sogar eigene Podcasts. Dadurch können parasoziale Beziehungen zu diesen Medienfiguren entstehen (zeigt sich z.B. durch Fangruppen oder Memes). Die parasozialen Beziehungen können vorteilhaft sein, da sie das Potential haben, Vertrauen, Wissen und Hoffnung in dieser Situation zu schaffen.

Somit entstehe auch ein Kreislauf: durch die Kommunikation mit VirologInnen entstehen parasoziale Beziehungen, welche Wissen und Trost geben und sogar Verhalten beeinflussen können.

Da dieser Kreislauf stark an eine öffentlich präsente Person gebunden ist, entstehe auch ein Bedürfnis nach starker Führung. Dies könne für Prof. Utz auch die Beliebtheit von Markus Söder während der Corona-Krise erklären.

Abschließend fasste Prof. Utz zusammen, dass soziale Medien während der Corona-Krise zwar eine wichtige Rolle spielen, doch die traditionellen Medien seien für die Informationssuche wichtiger. So kämen Fake News zwar vor, dominieren jedoch nicht den Diskurs. In Bezug auf Stressbewältigung werden Medien auch eingesetzt, sowohl für problemfokussierte als auch für emotionsorientierte Bewältigungsstrategien. Dennoch sei die Mediennutzung eher ein Indikator für Stress als eine wirklich erfolgreiche Bewältigungsstrategie. Prof. Utz beendete den Vortrag mit der Aussicht darauf, dass durch das Phänomen des Public Engagement nicht nur neue Formate der Wissenschaftskommunikation entstehen, sondern auch neue Forschungsfragen, insbesondere zu Wissensvermittlung und parasozialen Beziehungen.

Die virtuelle Vorlesungsreihe der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakultät der Universität Tübingen findet wochentags um 18.30 Uhr (mittwochs um 19.15 Uhr) statt.

Fotos: Pixabay

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