Die Kupferblau Schmöker-Ecke: LGBTQ

Manchmal kann eine Pandemie alles verändern. Bars und Kneipen sind plötzlich geschlossen, Konzerte und Partys wurden abgesagt – da bleibt nicht mehr viel an kultureller Inspiration übrig. Oder doch? In unserer neuen Artikelreihe „die Kupferblau-Schmöker-Ecke“ stellen wir euch thematisch abgestimmte Empfehlungen für Bücher, Podcasts und Serien zusammen. Von aktuellen Sachthemen, über True-Crime, bis hin zum interstellaren SciFi-Abenteuer – hier ist für alle etwas dabei.  Zum Schmökern bieten wir euch heute bunte Themen zu “LGBTQ”.

Film der Woche: “Call Me By Your Name”

 „Nenn mich bei deinem Namen, dann nenn ich dich bei meinem.“

Die erste richtige Liebe, das erste körperliche Verlangen entdecken – ein nicht ganz unbeliebtes Thema. Aber wie fühlt es sich an, wenn sich der Protagonist plötzlich statt für die Mädchen des Dorfes, für den Assistenten seines Vaters zu interessieren beginnt? Tiefgründig, weise und bewegend erzählt Luca Guadagnino in seiner Verfilmung des gleichnamigen Buches „Call Me By Your Name“ von André Aciman, die Geschichte einer leidenschaftlichen, ernsten und kurzweiligen Romanze, eingebettet in Philosophie, Archäologie und Musik. 

 „Wenn du wüsstest, wie wenig ich über die Dinge weiß, auf die es ankommt.“

1983 – In der sommerlichen Hitze Italiens brütet der 17-jährige Elio (Timothée Chalamet) vor Langeweile auf dem Landsitz seiner Eltern. Für ihn unerwartet trifft der 24-jährige amerikanische Doktorand Oliver (Armie Hammer) ein, um Elios Vater (Michael Stuhlbarg) bei dessen archäologischer Forschungsarbeit in der Lombardei zu unterstützen. Anfängliche Spötteleien zwischen den beiden jungen Männern verwandeln sich langsam in tiefgründige Gespräche, nachdenkliche Fahrradausflüge und sinnliche Badegänge im nahen See. Frühere Unsicherheit, die aus der unbekannten Situation und den fremdartigen Gefühlen entsteht, weicht einer immer stärker wachsenden Vertraut- und Verschwiegenheit. Doch mit dem Verlangen kommen auch Sehnsucht und Verzweiflung.

„Die Natur hat ihre verblüffenden Methoden, unsere Schwachstellen aufzuspüren.“

Ein Ort zum Verlieben.

Wie in kaum einem anderen Film gelingt es Schauspielern, Regisseur und Kameraführung, den Zuschauer gänzlich in die emotionsgeladene Gefühlswelt der einzelnen Figuren inmitten einer überbordenden Natur eintauchen zu lassen.  Drängendes Verlangen kontrastiert mit übersättigter, träger Sommerlichkeit, in der kein Zeitgefühl mehr zu existieren scheint. Was am Ende im Zuschauer bleibt, ist ein überwältigtes und unendlich melancholisches Gefühl, alles untermalt von mannigfaltigen Sinneseindrücken. Während man glaubt, die Sonne auf der Haut und den Schmerz der Sehnsucht im Herzen zu spüren, klingen einem Bach, Satie und Ravel sowie unter anderem der von Sufjan Sevens eigens für den Film komponierte Song „Mystery of Love“ im Ohr.

Klar im Vorteil ist dabei der sprachkundige Zuschauer, da einige Teile der Konversation auf Französisch oder Italienisch gehalten sind, somit jedoch ihren ganz eigenen Charm entwickeln und sehr zur Atmosphäre beitragen. 2017 erschienen, wurde der Film unter anderen für zahlreiche Oscars, Golden Globes und Grammys nominiert sowie mit nicht wenigen bedeutenden internationalen Filmpreisen für Darsteller, Regie und Filmmusik ausgezeichnet. 

Buch der Woche: „Guapa“

Guapa. Im Spanischen heißt das schön oder mutig. In Saleem Haddads Roman von 2016 ist Guapa der Name einer Bar in einer namenlosen Stadt, in einem unbenannten arabischen Land. Der Keller der Bar wird nach Ladenschluss zum Treffpunkt der Queeren Szene dieser Stadt. Zur Cruising Area, zur Bühne für Drag Queens und zu dem einzigen Ort, an dem sich der schwule Rasa, der Hauptprotagonist der Geschichte, nicht verstecken muss.

24 Stunden begleitet der Leser Rasa, seine große Liebe Taymour und seinen besten Freund Maj durch eine Stadt, die ein Gefängnis ist. Das Gefängnis, das eine konservative Gesellschaft für Homosexuelle darstellt. In der gleichgeschlechtliche Liebe aus dem Alltag verbannt wird, mit Razzien bekämpft und von der Polizei mitunter ausgeprügelt wird. Als er 14 Jahre alt ist bekommt die Andersartigkeit von Rasa einen Namen, durch ein CNN Interview mit George Michael: „I’m gay“. Doch er findet nicht die richtigen Worte für sich. Das Arabische Louti, vom Propheten Lot und der Geschichte von Sodom abgeleitet, ist ihm zu religiös. Oder Khawal, das ihm als Schimpfwort von einem Mitschüler zugeflüstert wird. Ein weibischer Mann.

Auch wenn Diskriminierungen von Homosexuellen im Buch zur Sprache kommen, erzählt Haddad keine Geschichte des Hasses. Er erzählt eine Liebesgeschichte. Zwischen einem homosexuellen Paar, zu einer Stadt, zur Heimat, zu politischer Freiheit:

„I loved Taymour because he was from here, because everything in him reminded me of everything here, because to love him, was to love this city and its history. And yet I couldn’t love him because he was from here and held ideas of how to be and how to love, which would never fit in with the love that we shared.”

Graffitis am „Egg“ in Beirut in der Nähe des Märtyrerplatzes, dem Zentrum der Demonstrationen, zeigen Parolen gegen Rassismus und Homophobie.

Rasa und seine Freunde müssen sich nicht nur Raum erkämpfen, wo sie sie selbst sein können, sondern sich gleichzeitig in einer von politischen und gesellschaftlichen Krisen erschütterten Welt behaupten. Arabischer Frühling, Nahostkonflikt, Flüchtlingsströme. All das steht zwischen den Zeilen, auch wenn die Orte und Akteure namenlos bleiben. Demonstrationsmüde fragt sich Rasa, wie jemals eine gemeinsamer politischer Traum Wirklichkeit werden kann, wenn noch nicht mal die persönlichen Träume Anerkennung finden.

Rasas bester Freund Maj tritt im Guapa als Drag-Queen auf. Anfangs als Madonna oder Cher, später als arabische Prinzessin. Es geht nicht darum den queeren Bewegungen in Europa oder Amerika nachzuahmen, sondern seine eigene Identität als Araber zu behalten:

 „‘War-on-terror neo-orientalist gender-fucking‘ was what he liked to call what he did“.

In einem Interview von 2016 beschrieb Haddad diesen Indentitätskonflikt, indem sich seiner Einschätzung nach queere Araber oftmals befinden:

„…we identify with the aspect of our identity that feels most under threat. So in the Middle East I tend to feel more in touch with my queerness, while in the West my Arabness becomes my primary identity.”

Die Protagonisten in Haddads Roman verknüpfen ihren Protest gegen politische Missstände mit Forderungen nach mehr persönlicher Freiheit. Maj ließ sich, als Antwort auf die Anwendung von Gewalt bei Demonstrationen, ein Tatoo entlang des Schlüsselbeins stechen:

 „If you won’t let us dream, we will not let you sleep.”

Dass für diesen Traum auch im realen Leben gekämpft wird, zeigen die seit Oktober andauernden Protesten im Libanon gegen die korrupte Politik und die desaströse wirtschaftliche Lage, die die LGBT Bewegung als Plattform für ihre Anliegen nutzt.

Text:
Filmempfehlung von Katharina Steffen
Buchempfehlung von Ineke Schlüter

Fotos:
Unsplash: https://unsplash.com/s/photos/italy-garden
Ineke Schlüter (Guapa)

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