Ist das systemrelevant, oder kann das weg?

Die Außenbühne im Theaterinnenhof ist verlassen. In der Mitte hat sich eine Wasserlache vom Regen der letzten Tage gebildet. Beinahe ironisch, dass gerade dieses Jahr der Sommerbeginn nicht ganz so wird wie erwartet – aber irgendwie passend, schließlich ist derzeit nichts so, wie es sein sollte.

Auch Thorsten Weckherlins Alltag ist geprägt von Unbeständigkeit in der Coronakrise. Als Intendant am Landestheater Württemberg-Hohenzollern in Tübingen (LTT) ist er unter anderem verantwortlich für die Organisation des Spielplans – derzeit eine Herausforderung. Immerhin darf wieder gespielt werden: Seit dem 1. Juni erlaubt das Land Baden-Württemberg wieder Konzerte, Theater- und Kinovorstellungen mit weniger als hundert Besuchern unter entsprechenden Bedingungen. Mindestens 1,50m Abstand zwischen den Zuschauern, Desinfektion der Armlehnen und Türgriffe, feste Sitzplätze sowie eine gute Belüftung müssen während der Vorstellung gewährleistet sein. Außerdem muss jeder Gast Name und Adresse hinterlegen. Das kulturelle Leben müsse wieder hochgefahren werden, so das Kultusministerium. Doch wie ist das möglich, wenn nicht einmal die Hälfte der Plätze belegt werden kann?

Theater auf Distanz – beinahe unmöglich

Ab und zu kommt eine Dame mit Mundschutz vorbei, die den Türgriff zu seinem Büro desinfiziert. Daran gewöhnen kann sich Weckherlin nicht. Schnell ist die Hand routinemäßig zur Begrüßung ausgestreckt – Ach nee, stimmt ja! Im Alltag Abstand zu halten kann schwer sein, auf einer Bühne mit fünf Schauspielern ist das nochmal eine ganz andere Sache. „Corona ist wie ein Kontrastmittel, das zeigt, wie fragil so ein Theatersystem ist“, so Weckherlin. Nicht nur die Zuschauer gilt es zu schützen, sondern auch die Techniker, Maskenbildner und die Schauspieler, die sich vor und hinter der Bühne auf engstem Raum bewegen.

LTT-Intendant Thorsten Weckherlin hofft, dass der Corona-Höhepunkt bereits hinter uns liegt.

Beim Tübinger Landestheater rechnet man mit fast einer Million Euro Verlust bis Ende des Jahres. Aktuell stehen in den Sälen insgesamt 109 Plätze zur Verfügung, dazu kommen ungefähr 80 Zuschauer draußen im Innenhof. Vor dem Ruin stehen sie deshalb nicht: Das Landestheater wird zu 70% durch das Land Baden-Württemberg getragen, die restlichen 30% übernimmt die Stadt Tübingen. Nun bekommen die 121 Mitarbeiter*innen durch die Kurzarbeit auch Unterstützung vom Bund und kriegen so fast ihr volles Gehalt. Privaten Theatern oder Kinos geht es im Vergleich um einiges schlechter.

Trotz „Corona-Blues“ erscheint der Intendant recht optimistisch. Klar, große finanzielle Sorgen hat er durch die staatliche Absicherung nicht. Es ist vor allem eine ideologische Depression: Die Angst, dass kulturelle Einrichtungen vergessen werden – sowohl von der Politik als auch von der Gesellschaft. In einem Positionspapier haben die Landesbühnen des Deutschen Bühnenvereins ihrem Ärger Luft gemacht. Unter anderem befürchten sie ein langfristiges Wegbrechen von Gastspielen in anderen Städten. Der Pflicht als Landestheater, diese auszurichten, können sie derzeit nicht nachkommen. Einerseits ist es teilweise gar nicht möglich, die dortigen Bühnen „coronafest“ zu machen. Zum anderen lohne sich der Aufwand durch Aufbau, Transport und Maske sowieso kaum – unter Coronaauflagen würde man rote Zahlen schreiben.

Wie systemrelevant ist Kunst?

Am Theater scheint man sich nicht gehört zu fühlen. Der Leiter der Marketingabteilung Thomas Müller kritisiert, sie seien als Theaterbetrieb unter den Tisch gekehrt worden. Die Beschränkungen für Theater wurden mit Bordellbetrieben als Letztes gelockert: „Da entsteht natürlich Frust“. Diese Zeit stellt das Theater als Institution auf den Prüfstand. Wie relevant ist Kultur für die Gesellschaft? Für Thomas Müller sind Onlineübertragungen von Stücken kein Vergleich. „Die Inszenierung ist nur ein ganz kleiner Teil eines Theaterbesuchs“, erklärt Weckherlin. Man geht davor essen, trifft sich mit Menschen, tauscht sich danach aus – „das liegt alles brach“, beklagt er. Das hauseigene Restaurant ist geschlossen – ein Minimalbetrieb würde sich nicht lohnen.

Theater mit Abstand: Die Markierungen im Theater-Innenhof liegen alle mindestens 1,5m auseinander.

Und doch machen sie weiter. Im Hinterhof von Wohnblocks für Balkonpublikum, im eigenen Hof, nun auch teilweise wieder drinnen. „Ein Nullgeschäft für uns“, gibt Müller zu. Doch die Angst, vergessen zu werden, ist zu groß. Die Wiederaufnahme verlaufe als langsames „Rantasten“, so Müller, die Reservierungen seien noch verhalten.

Die aktuellen Verordnungen für Theatervorstellungen in Baden-Württemberg gelten bis um 31. August. Auch wenn Weckherlin eine zweite Welle im Herbst unwahrscheinlich findet, so plant er für den Ernstfall. Was danach kommt, kann wohl niemand genau sagen. Für Theaterfans bleibt zu hoffen, dass es diesen Hochsommer wenig Regen geben wird.

Fotos: Leonie Müller, LTT/Klumpp

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