WE ARE ONE – A Global Film Festival

In diesem Jahr haben sich die bekanntesten internationalen Filmfestivals zusammengetan und kuratierten, Covid-19 zum Trotz, ein virtuelles Filmfestival: „We are One“. Auf Youtube hatten Filmbegeisterte die Möglichkeit sich die diesjährige Auswahl anzuschauen. Eine tolle Gelegenheit für alle, Filme zu sehen, die es vielleicht nie in die Kinos der Heimatstadt schaffen. Denn der spezielle Reiz eines Filmfestivals sich spontan auf etwas Neues einzulassen und den altbewährten Lieblingsgenres, Regisseuren und Schauspielern einmal den Rücken zu zukehren, geht im Virtuellen nicht verloren.

Dass ein Film an Bedeutung verliert, sein Kontext aber gewinnt, kann auch passieren. „A city called Macau“ ist einer der beiden Festland-chinesischen Beiträge, ein Film der Regisseurin Li Shaohong. Hauptprotagonistin ist die alleinerziehende Mei Xiao Ou (Bai Baihe), deren Beruf es ist als Vermittlerin wohlhabende Glücksspieler für Casinos an Land zu ziehen. Ein gefährlicher Job, denn das Risiko tragen nicht nur die, die ihr Glück an den Roulette- oder Baccaratischen herausfordern, sondern auch die Vermittler, denn das System sieht vor, dass sie den Casinos die Rückzahlung der Spielschulden garantieren. Ein unaufhörlicher Drahtseilakt für alle Beteiligten, zwischen Risikoabwägung und Menschenkenntnis. Am Ende hält sie nur eines zusammen: Eine Art Ethos unter Glücksspielern, eine halsbrecherische Solidarität, die genauso unzuverlässig wie lebenslänglich ist.

Glücksspiel-Hotspot Macau

Die Literaturverfilmung, basierend auf einem Roman der chinesisch-amerikanischen Schriftstellerin Yan Geling, beginnt im Jahr 1999. Macao wird von den Portugiesen an die Volksrepublik China zurückgegeben und ist seither, ähnlich wie ihre unmittelbare Nachbarin Hongkong, eine Sonderverwaltungszone der Volksrepublik Chinas. So genießt Macau Privilegien, die den Chinesen auf dem Festland nicht gewährt werden. Es ist der einzige Ort Chinas, an dem legales Glücksspiel betrieben werden darf. Eine Ausnahme, die Macau zu undenkbarem Reichtum verholfen hat.

Die Hauptrolle im Film, Mei Xiao Ou, wird von Bai Baihe, gespielt. ©ericchung

Das Glücksspiel Macaus ist im sogenannten junket-system organisiert, einer Art Verschmelzung von Glücksspieltourismus und Kreditsystem. Die junket-operators werben kreditwürdige Spieler für die Casinos an. Sie müssen mit ihrem eigenen Vermögen für die Kredithöhe bürgen und erhalten im Gegenzug eine Vermittlungsgebühr. Außerdem bekommen sie im weniger risikoreichen Fall einen festen Prozentsatz des „rolling chip“ Umsatzes, oder sie werden an den Gewinnen beteiligt, tragen aber dafür das Risiko mit.

Wer riskiert verliert, wer vertraut gewinnt

Das große Geld wird in den VIP-Räumen gemacht, unterm Tisch und mit zahlreichen Nebenwetten, die die Größenverhältnisse auf den Spieltischen um ein Mehrfaches multiplizieren. Dort spielen Mei Xiao Ous Klienten. Sie haben Glück, Nerven und sind risikobereit. Aber vor allem können sie nicht anders. Duan Kaiwen (Wu Gang), der sich regelmäßig vor seinen Gläubigern verstecken muss, aber immer wieder mit neuem Glück und neuem Geld auftaucht. Der keine Antwort findet auf Xiao Ous Frage: Wie viel ist genug?. Und Shi Qilan (Huang Jue), ein Bildhauer und Vater eines Kindes, dessen Leben an seiner Spielsucht zu zerbrechen droht. Xiao Ou wird sie nie los. Sie appelliert an das Pflichtgefühl ihrer Klienten, fleht sie an aufzuhören, wenn die erspielten Chips die Schulden in Millionenhöhe bereits begleichen, leitet rechtliche Verfahren ein.

Das Grand Lisboa Hotel, ein Wahrzeichen Macaus, mit zahlreichen Casinos. Ein symbolischer Ort für das Glücksspiel und zugleich symbolisch für den Kontrollverlust, der die Charaktere im Film zu erdrücken droht. © Peter Thoeny
Das Grand Lisboa Hotel, ein Wahrzeichen Macaus, mit zahlreichen Casinos © Peter Thoeny

Aber sie kann ihre Klienten nicht fallenlassen. Zuerst verliert sie ihr Haus, dann fast ihren eigenen Sohn an das Glücksspiel. Später versteht man warum sie durchhält. Sie hat wider aller Vernunft richtig gesetzt. Ihr Vertrauen in und ihre Nachsicht mit Shi Qilan und Duan Kaiwen machen sich bezahlt. Sie haben den Anstand sie nicht mit untergehen zu lassen.

Bloß eine Anti-Glücksspiel-Kampagne?

Mehrere Monate hat es gedauert, bis der Film von den chinesischen Zensurbehörden abgesegnet wurde. Glücksspiel ist im Rest Chinas verboten und wird von der Regierung nicht gern gesehen. Man hat das Gefühl, die Zensur war erfolgreich. In seinem Endzustand erweckt der Film teilweise den Eindruck lediglich eine besonders raffinierte, weil doch unterhaltsame, Anti-Glücksspiel Kampagne zu sein. Politisch gerahmt, aber unpolitisch. Der Versuch emotionaler Tiefe, die Plattitüde bleibt:

„Die Armut macht uns verrückt. Unsere Vorfahren waren arm. Wir wurden verrückt nach Geld. Es war uns egal wo das Geld herkam. Dann hat es uns wieder arm gemacht.“

Mei Xiao Ous Satz, als Ausdruck einer Derealisation. Armut als müde Metapher für Bankrott.

Moralisch korrupt sind in der Geschichte einzig und allein die Spielsüchtigen, die ihre Unternehmen, ihr Land, ihre Familien verwetten. Die Verlierer. In einer Szene wird Mei Xiao Ou gefragt, warum sie im Glücksspielgewerbe arbeitet, wenn sie Geld hasst. Und tatsächlich. Sie verbrennt es. Sie wirft es ins Meer. Welche Ironie, dass ihr Hass nie gegen die gerichtet ist, die wirklich absahnen.

Das ist, was der Film macht: Er erzählt vom Glücksspiel, das zugleich immer alles und nichts sein kann. Vielleicht behauptet er auch gar nicht mehr…

Das unangenehm Interessante, weil Verstörende, ist, worüber der Film nicht spricht. Das zeitlich terminierte Privileg Macaus im Ein-Land-Zwei-Systeme Plan. Die zur Schau gestellte Doppelmoral. Auf der einen Seite wird gezockt, auf der anderen zensiert. Vielleicht braucht es einen Blick in den Roman, um der Geschichte und der Aufrichtigkeit ihrer Protagonisten zu glauben.

Fotos: Titelbild: We are One Logo/Creative Commons Zero (https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:We_Are_One_Logo.png)

Das Grand Lisboa Hotel © Peter Thoeny, Quality HDR Photography. (license: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/2.0/legalcode Link: https://www.flickr.com/photos/peterthoeny/48956083828)

Bai Baihe ©ericchung; CC BY-SA 2.5:
(license: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.5/legalcode)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.