Rassismus: Verschiedene Ausprägungen des gleichen Systems

#BlackoutTuesday – unter diesem Hashtag posteten Anfang Juni Millionen Menschen, um dem getöteten Afroamerikaner George Floyd zu gedenken. Davon angestoßen widmet sich das D.A.I. Tübingen in Zusammenarbeit mit Osiander über den Juni hinweg jeden Dienstag dem Thema Rassismus. Vergangenen Dienstag wurden in diesem Rahmen in einer Diskussionsrunde viele Fragen gestellt und beantwortet: Es ging um Rassismus und Polizeigewalt – sowohl in den USA, als auch in Deutschland.

Unter der Moderation von Yasmin Nasrudin vom D.A.I. (Deutsch Amerikanisches Institut Tübingen) diskutierten am Dienstagabend Esther Earbin und Dr. Nicole Hirschfelder über Rassismus in den USA und in Deutschland. Earbin, die in Deutschland lebende Afroamerikanerin, forscht im Moment am Max-Planck-Institut Freiburg im Bereich Kriminalität, Sicherheit und Recht. Nicole Hirschfelder ist Professorin für Amerikanische Literaturen an der Universität Tübingen und hat unter anderem zur „Black Lives Matter“-Bewegung geforscht.

Rassismus in den USA und weltweit

Der Mord an George Floyd wird manchmal als moderner Lynchmord beschrieben. Earbin und Hirschfelder erklärten, dass Lynchmorde öffentliche Ereignisse außerhalb von Gerichtlichkeit waren, die Menschen zusammengebracht haben. Das beobachten wir auch bei George Floyd: Ein Video, das von Millionen Menschen gesehen wurde und Polizisten, die es selbst in die Hand nahmen, über Floyds endgültiges Strafmaß zu richten.

Wie auch die Lynchmorde während der Zeit der Rassentrennung, ist der Mord George Floyds Teil und Symptom eines rassistischen Systems. Dieses System begann mit der Erfindung der Kategorie „Rasse” als Rechtfertigung für Sklaverei und setzt sich über die Jim Crow Gesetze und Segregation in den USA bis hin zu vielfältigen, weltweiten Diskriminierungsformen bis heute fort.

In den USA äußert sich das nicht nur durch rassistisch motivierte Gewalttaten, sondern beispielsweise auch durch einen immer noch großen Grad an faktischer Trennung der Lebenswelten von Schwarzen und weißen* Menschen. Earbin erzählte von Schwarzen Stadtvierteln wie dem ihrer Kindheit: Diese Viertel verfügen oft über weniger Ressourcen und Förderung, dafür aber über eine höhere Polizeipräsenz als weiße Gegenden, erklärt Earbin. Doch natürlich gehört Rassismus auch in Deutschland noch lange nicht der Vergangenheit an.

Deutschland: Ist es wirklich so schlimm?

Deutschland hat ein kompliziertes und laut Hirschfelder viel zu wenig aufgearbeitetes Verhältnis zum Thema Rassismus und dem Begriff „Rasse” selbst. Nach der NS-Zeit, während der die sogenannte „Rassenkunde” ein Schulfach war, habe sich Deutschland dieser Ideologie vollkommen entledigen wollen, inklusive des Wortes „Rasse” selbst, so Hirschberger. Das Wort sei uns unangenehm und der Diskurs darüber erst recht. Was in vielen anderen Ländern schon länger diskutiert und teilweise aufgearbeitet werde, schiebe man in Deutschland noch selbstgefällig in die rechte Ecke. „Hier muss noch viel Aufklärungsarbeit betrieben werden,” fordert Hirschberger:

„Die Geschichte des Rassismus beginnt nicht mit der NS-Zeit, sondern mit dem Kolonialismus. Ich glaube, es würde sich lohnen, weiße Deutsche mit dem Wort ‚Rasse’ auch mal in Verlegenheit zu bringen.”

Aber ist es in Deutschland wirklich so schlimm? Earbin, die als Schwarze Frau sowohl in den USA, als auch in Deutschland gelebt hat, sagt: „Ja! Es ist ganz anders als in den USA, aber es ist genauso da.” In Deutschland sei Rassismus komplexer, stärker mit Nationalität verknüpft und, wie Hirschberger bereits angedeutet habe, meistens verleugnet. Trotzdem ist er überall, sagt Earbin: Wenn Eltern um die Gymnasialempfehlung ihrer Schwarzen Kinder ringen, weil diese angeblich nicht gut genug Deutsch sprechen und ihre Intelligenz aufgrund ihrer Hautfarbe infrage gestellt wird. Wenn Karnevalbesucher blackfacing betreiben. Wenn ein Schwarzes Kind auf einem Werbeplakat das Sinnbild für Armut ist oder ein rassistischer Werbespot von Volkswagen durch alle Ebenen der Kontrolle geht und dennoch auf Instagram gepostet wird.

„Es geht darum, wie Menschen wahrgenommen werden,” sagt Earbin. „Wie viele Schwarze Menschen forschen an unseren Universitäten? Und wie viele davon forschen an etwas anderem als Rassenproblematiken? Wann wird es unsere*n erste*n Türkisch-Deutsche*n Kanzler*in geben? Ist das überhaupt möglich?” Man müsse also neu darüber nachdenken, wer  zu Deutschland gehört. Und da reiche es nicht,  eine Schwarze Person oder eine Person of Color in eine Führungsposition zu setzen, so Earbin. Vor allem, wenn diese Person dann nie zu Wort komme.

Seit der Afroamerikaner George Floyd am 25. Mai 2020 bei einem brutalen Polizeieinsatz getötet wurde, gehen weltweit tausende Menschen gegen Rassismus und Polizeigewalt auf die Straße.
Seit der Afroamerikaner George Floyd am 25. Mai bei einem Polizeieinsatz getötet wurde, gehen weltweit tausende Menschen gegen Rassismus und Polizeigewalt auf die Straße.

Was wird jetzt daraus? – Defunding the police

Eine Forderung, die in den USA nun laut wird, ist „Defund the police”, der Polizei also Finanzierung zu entziehen und stattdessen soziale Programme zu fördern. Denn höhere Polizeipräsenz und kostenintensive Militarisierung der Polizei gehen eher mit erhöhten Kriminalitätsraten einher, als mit „law and order”. Nach Michael Brown, Tamir Rice, Breonna Taylor, George Floyd und so vielen anderen ist der erste Instinkt vieler Schwarzer Menschen in den USA nicht, bei Problemen die Polizei zu rufen.

Weiße Menschen müssen erkennen, dass die Polizei sie besser schützt als andere,” sagt Hirschberger. In den Bestrebungen, die Polizei abzubauen oder gar ganz durch alternative Akteure zu ersetzen, sieht Earbin die langfristigen Veränderungen, die aus dem Momentum erwachsen könnten, wenn die entsprechende Arbeit aufgebracht werde. „Es muss Menschen geben, deren Aufmerksamkeit beim Thema ‚Defund the police’ bleibt, die zu Treffen gehen und sich einsetzen – auch nach den Protesten. Wir brauchen eine starke Gemeinschaft, die Druck ausübt.” Sie betont, dass es auch Beispiele gibt, bei denen eine Abschaffung der Polizei umgesetzt wurde: „Es ist möglich.”

Auch in Deutschland tut Veränderung not

In Deutschland wird eine Abschaffung der Polizei kaum diskutiert, doch auch hier gibt es Probleme und Akteure wie die Kampagne für Opfer rassistischer Polizeigewalt (KOP), die sie zum Thema machen. Hirschberger erklärt, dass es zwar etwas Gutes sei, dass die Polizei hier anders organisiert ist als in den USA, warnt aber auch, dass sie hierzulande einen zu guten Ruf habe. Gerade jetzt, wenn unsere Gesellschaft immer diverser werde, würden Stereotypen aufkommen.

Wenn Menschen binnen Sekundenbruchteilen Entscheidungen treffen, könne das gefährlich werden – wie zum Beispiel im Fall der von einer Polizistin erschossenen Christy Schwundeck. Und je nachdem, welche Erfahrungen man mit der Polizei bereits gemacht habe, sei das Vertrauen auch in Deutschland nicht überall groß. Hirschberger pochte hier auf nachhaltige und systemische Veränderungen, die vorgenommen und Diskussionen, die geführt werden müssten. „Prävention ist nicht sexy,” sagt sie, müsse aber auf jeden Fall umgesetzt werden.

Verschiedene Fälle beweisen immer wieder, dass sowohl Rassismus als auch Polizeigewalt auch in Deutschland diskutiert werden müssen.

Erst letzte Woche wurde der Schwarzen Vanessa H. in einem Drogeriemarkt vom Verkaufspersonal Kreditkartenbetrug vorgeworfen und auch von der Polizei wurde ihr kein Glauben geschenkt. Esther Earbin fasste es in der Diskussionsrunde so zusammen: “Dieses Problem wird  nicht verschwinden. Ich möchte mich 2021 nicht wieder zu einem Vortrag zum Thema treffen müssen. Informiert euch weiter, auch über strukturellen Rassismus in Deutschland. Endlich wird Schwarzen Personen eine Plattform gegeben, um zu sagen, dass das auch hier passiert. Ich hoffe, dass das weitergeht und in alltägliche Gespräche, Schulen, Universitäten, und so weiter, eingebunden wird.”

*Die Großschreibung der Bezeichnung Schwarz sowie die kursive Schreibweise von weiß sollen hier symbolisieren, dass keine Beschreibung der Hautfarbe gemeint ist, sondern die Zugehörigkeit zu einer aufgrund der Hautfarbe von Diskriminierung betroffener bzw. privilegierter Personengruppe.

Fotos: Unsplash

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