Das Coronahandbuch für Studierende – Messer, Gabel, Mundschutz

Hurra, die Welt geht unter! So fühlt es sich zumindest manchmal an. Da könnte man beinahe seine eigentliche Lebensaufgabe vergessen: Student*in sein. Doch geht das überhaupt, während da draußen ein Virus herumgeht und alle zuhause in Jogginghose in Online-Vorlesungen sitzen? Wir von der Kupferblau haben es uns zur Aufgabe gemacht, euch aus dem Isolationstief zu holen. Das Coronahandbuch für Studierende präsentiert euch heute: Unsere Autorin berichtet über ihre  Restaurant-Erfahrung.

Als mein Vater mich letzte Woche anrief, war ich fast etwas verwirrt. Er schlug vor, mal wieder mit der Familie essen zu gehen – und brachte mich damit ganz schön aus dem Konzept. Wie jetzt? Essen gehen? Ins Restaurant? Zusammen? Ein Teil von mir ist doch immer noch darauf geprägt, dass wir uns höchstens zum Spazieren gehen treffen, und dann auch nur mit genügend Sicherheitsabstand. Aber dann lachte ich über mich selbst – schließlich war ich in den letzten Wochen wieder öfter bei meinen Eltern, wo wir gemeinsam gekocht und auf dem gleichen Sofa gesessen haben. Die Lage hat sich entspannt. Dennoch habe ich diesen fast schon denkwürdigen Restaurantbesuch für euch festgehalten.

Kleine Paranoia 

Essen gehen? Den Gedanken fand ich komisch. Sicher, viele der strengen Regeln wurden gelockert, was ich auch mit großer Freude und Erleichterung gesehen habe. Aber ich war mir deutlich bewusst, dass ein Restaurantbesuch dieser Tage ein Risiko darstellen könnte: Viele Leute aus verschiedenen, ja, aus fremden Haushalten kommen zusammen, sie tragen keine Maske (wäre schade um das Essen) und verbringen auch gerne mal einige Stunden gemeinsam in einem Raum. Man weiß nicht, wer die Personen am Nachbartisch sind, woher sie kommen und ob sie sich auch immer brav die Hände waschen.

Nachdem ich das gedacht hatte, kam ich mir gleich noch komischer vor. In was für einer Welt lebe ich denn, dass ich niemandem mehr vertrauen möchte? Ich sollte mich nicht so anstellen, sondern mich freuen: Schließlich wollte mein Vater mich, meine ältere Schwester und meine Mutter in ein sehr gutes, nicht gerade billiges Restaurant einladen. Welche*r Studierende, der/die noch bei Trost ist, würde eine solche Einladung ausschlagen?

Bunt gemischt war nicht nur das Gemüse auf meinem Teller, sondern auch meine Gefühle vor dem Restaurantbesuch…

Bitte nehmen Sie Platz

Ich sagte also zu, und mein Vater rief bei besagtem Restaurant auf der Schwäbischen Alb an, um einen Tisch zu reservieren. Das ist auch schon der erste Tipp, den ich euch Lesenden mitgeben will: Wenn ihr schon wisst, dass und wo ihr essen gehen wollt, dann ruft vorher beim Lokal der Wahl an. Dort wird euch gesagt, ob es noch Platz gibt – denn Platz ist begrenzter geworden!

Am Pfingstdonnerstag war es dann soweit: Wir vier stehen vor dem Restaurant. Unschlüssig drehen wir unsere Masken in den Händen. Müssen wir die beim Reingehen aufziehen? Aber da winkt uns schon eine Bedienung herein. Sie trägt einen weißen Mundschutz, unter dem ein freundlich lächelndes Gesicht hervorblitzt. Nichts zu sehen von durchsichtigen Plastikhauben, die in anderen Gaststätten getragen werden. Die junge Dame führt uns zu einem Tisch und wechselt ein paar höfliche Worte – alles wie immer. Alles wie immer? Nein. Beim Betreten der Gaststube, in der wir öfter verkehren, fällt mir etwas auf: Der Raum wirkt größer! Es stehen weniger Tische darin, und die auch deutlich weiter auseinander als sonst.

Kaum haben wir uns hingesetzt, bittet die Bedienung meinen Vater, einen Zettel auszufüllen. Er trägt alle unsere Namen und seine Kontaktdaten ein. Wir Damen inspizieren in der Zeit ausführlich die Speisekarte – die ein bisschen weniger ausführlich ist als sonst. Mir jedenfalls kommt es so vor, als würden drei, vier Gerichte weniger zur Auswahl stehen. Aber das ist nicht schlimm, denn das, was die Küche zu bieten hat, klingt so verlockend wie immer.

Beim Nachtisch werden wir schwach: Hier probiert jeder bei jedem!

Lausch und Plausch

Während wir auf das Essen warten, fällt mir ein amüsanter Nebeneffekt der Corona-Sitzordnung auf: Von dem fast schon statischen Rauschen, welches Gaststuben sonst erfüllt, ist heute nichts zu hören. Stattdessen höre ich meine Mutter ebenso laut und deutlich wie die Stimme des Angestellten am Telefon der Rezeption – und auch das Gespräch des Paares in der Mitte des Raumes ist gut zu verstehen, als bei uns einmal Stille einkehrt. Sie scheinen von weiter weg zu kommen und unterhalten sich ausgerechnet darüber, dass Tübingen ja so eine schöne Stadt sein soll. Als die Bedienung das nächste Mal zu ihnen kommt, fragen sie sie sogar, ob sich ein Ausflug dorthin lohnt. Die Befragte, die sich den kritischen Ohren der Tübinger Studentin hinter ihr sicher nicht bewusst ist, antwortet – natürlich – dass es in Tübingen wunderschön ist und sich gerade bei diesem Wetter sicher eine Bootsfahrt anbieten würde. Ich bekomme fast ein bisschen Heimweh.

Das Gesprächsthema am Nachbartisch: „Oh, wie schön ist Tübingen!“


Wir sitzen also und essen und trinken und genießen, und ja, wir probieren auch jeder mal vom Teller des anderen. Und hier muss ich zugeben: Am Anfang haben wir es noch klug angestellt. Jeder hat sich noch bevor wir zu essen anfingen, etwas zum Kosten auf seinen Teller gelegt, ohne vorher die Gabel benutzt zu haben. Sehr schlau! Aber mit der Zeit entspannen wir uns alle ein bisschen und man vergisst in dieser gemütlichen Atmosphäre wirklich die äußeren Umstände. Zum Schluss bestellen meine Mutter und ich einen gemeinsamen Nachtisch und bitten um zwei Löffel. Die Bedienung zuckt nicht einmal mit der Wimper.

Alles wie immer?

Wo ich gerade von der Bedienung spreche: Ich achte den ganzen Abend darauf, ob mir am Verhalten des Personals etwas auffällt; Wirken sie gestresst – also gestresster als das in der Gastronomie üblich ist? Das muss ich ganz klar verneinen. Ich kann nur von diesem einen Restaurant berichten, wo generell ein ausgesucht höflicher Umgang herrscht. Natürlich kann ich nichts aussagen über die Vielzahl von anderen Lokalen, die in der Zwischenzeit wieder geöffnet haben. Jeder von uns weiß, wie störend so eine Maske im Gesicht sein kann. Dies habe ich immer im Hinterkopf, sowohl beim Essen als auch beim Verfassen dieses Artikels. Dennoch kann ich guten Gewissens sagen, dass mir in diesem speziellen Fall kein auffälliges Verhalten aufgefallen ist. Meine Familie und ich wurden höflich empfangen, fröhlich bewirtet, mit humorvollen Witzen begleitet und schließlich wohlwollend verabschiedet. Ich habe mich sehr wohl gefühlt an diesem Abend. Irgendwie bin ich auch ein bisschen stolz, denn mit meinem Besuch hier habe ich das Restaurant in dieser Krise unterstützt. Gaststätten sind mehr denn je auf ihre Besucher angewiesen.

Auf dem Weg nach Hause meldet sich dann aber meine anfängliche Skepsis wieder. Ich denke an das ältere Ehepaar, das im selben Raum mit uns war. Was, wenn dieses nun durch einen höchst unglücklichen Zufall von einem der anderen Gäste infiziert worden ist? Die Wahrscheinlichkeit war nicht so gering, wie man gerne glauben möchte: Der Gang auf die Toilette fand ohne Maske statt, die geöffneten Fenster sorgten für leichten Zug, der bestimmt unseren Atem im ganzen Raum verteilt hat. Ich sitze also im Auto, schaue zum Fenster heraus und wäge ab. Ab und zu gehe ich gerne essen. Ich mag diese Atmosphäre und – ja – ich mag auch den Gedanken, dass ich als Kunde heute König bin. Und natürlich kurbelt Essen gehen in Zeiten von Corona die Wirtschaft an und sichert die bedrohte Existenz der Gastronomie. Aber das Risiko ist dennoch nicht zu unterschätzen.

Gedanken für die Zukunft

Ob ich wieder essen gehen werde? Das kann ich so pauschal gar nicht beantworten – und das sollte man auch nicht. Ich werde, wenn sich die Gelegenheit wieder bietet, ein weiteres Mal abschätzen, ob es das Risiko wert ist. Ich werde Anlass, Restaurant und Gruppe gegen die Risiken ausloten und mir überlegen, ob wir uns vielleicht genau so wohl fühlen würden, wenn wir uns für ein Picknick, einen Grillabend oder ein gemütliches Abendessen in einem Haus entscheiden würden. Auf keinen Fall aber werde ich den Vorschlag von vornherein ablehnen.

Fotos: Clara Eiche

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