Mit dem Aluhut durch die Coronakrise: Per Mausklick ins Mittelalter

Wer kennt es nicht: Kaum hat man sich den modischen Aluhut aufgesetzt, die Wünschelrute eingepackt und noch ein letztes Mal den liebevoll den Rosenquarz getätschelt, bevor man das Haus verlässt, da erblickt man auch schon am Himmel die ersten Chemtrails. Ärgerlich! Was die breite Masse mangels innerer Erleuchtung als „Kondensstreifen“ fehlinterpretiert, wissen gewiefte Verschwörungstheoretiker nämlich Kraft ihrer Geistesschärfe als geheimen Versuch der Regierung zu enttarnen, uns der Gehirnwäsche zu unterziehen.

Aber nicht mit ihnen! Denn bekanntlich kann Gehirnwäsche nur dort stattfinden, wo es auch etwas zu waschen gibt. Wer allerdings schon vor Jahren seinen Kortex in eine Kiste gepackt, in den etwas modrigen Keller gestellt und dort vergessen hat, bis er Schimmel angesetzt hat und lustig riecht, dem kann die Regierung natürlich nichts anhaben.

In Zeiten wie diesen, in denen die moderne Pestilenz Deutschland und die Welt lahmlegt, haben verschwörerische Untergangspropheten mit Hang zum Abergläubischen erneut Hochkonjunktur. Das ist soweit nichts neues: Bereits im Mittelalter zogen bei jeder Epidemie selbsternannte Wanderpriester durch das Land, um mit Glockenklang und leidenschaftlichen „Das Ende ist nah!“-Rufen die Herzen der Menschen zu füllen und ihre Geldbeutel zu leeren.

Wo früher wahlweise Schlangenöle und zerriebene Otternasen als Heilmittel gegen den Schwarzen Tod angepriesen wurden (natürlich ohne Geld-zurück-Garantie) und sich ebenso ängstliche wie ahnungslose Menschen bangen Herzens um die erleuchteten Heilsbringer scharten, musste natürlich auch ein Schuldiger für das allgemeine Elend herhalten. Den Kürzeren zogen hierbei meist die jüdischen Gemeinden, die beschuldigt wurden die Brunnen vergiftet zu haben und alsdann mit der Mistgabel verjagt wurden, so sie denn nicht zuvor gelyncht wurden.

Nun leben wir ja in aufgeklärten Zeiten, weshalb unsere Wanderpriester, Schlangenölverkäufer und Mistgabelträger heute ganz bequem im Internet zu erreichen sind, wodurch wir – hurra – eine wahre Renaissance des Mittelalters erleben können. Da wäre beispielsweise die beliebte These, dass Bill Gates irgendwie hinter Corona steckt – warum genau weiß zwar niemand, aber irgendetwas mit 5G und tödlichen Impfungen wird es schon zu tun haben. Mehr muss man auch nicht wissen, denn die Anhänger dieser Thesen haben selten das Bedürfnis, diese Annahmen überhaupt in Frage zu stellen oder auf elementare Logikfehler zu überprüfen.

Im deutschsprachigen Raum haben sich hier insbesondere der Pop-Sänger Xavier Naidoo und der vegane Koch Attila Hildmann als Experten in Sachen Corona entpuppt und werden von tausenden als messianische Heilsbringer verehrt. Da sag noch einer, in Deutschland gäbe es keine sozialen Aufstiegsmöglichkeiten! Denn nicht nur arbeitslose Postkartenmaler aus Österreich können, historisch belegt, im hiesigen Verschwörungsspektrum Karriere machen. Auch mittelmäßige Leierbarden und Gemüsegourmets bringen es hier weit und können sich heldenhaft den finsteren Machenschaften internationaler Multimilliardäre entgegenstellen. Praktischerweise besitzen beide natürlich Onlineshops.

Dass man mit den Ängsten und Sorgen von Menschen, die sich von etwas bedroht fühlen, das sie nicht verstehen, ordentlich Kohle machen kann, ist in Deutschland schon länger bekannt. So werden nicht nur Zauber-Zuckerkügelchen von der Krankenkasse bezahlt, auch im Internet kann man als einfacher Scharlatan ordentlich abkassieren. Bei illustren Klopapierhändlern wie dem Rottenburger Kopp-Verlag kann man dutzende Bücher kaufen, die einem erklären, warum die „Neue Weltordnung“ und andere böswillige Gruppierungen uns allen mit ominösen Strahlen und Medikamenten schaden wollen – und zufälligerweise gibt es direkt dazu die passenden Bücher, wie man durch die Macht verschiedener Kräuter und Kristalle das eigene Leben schützen kann. So kann man sich für schlappe 12,99€ ein Buch kaufen, welche die „Heilkraft des Selleriesaftes“ anpreist, und dann nochmal für lächerliche 29,99€ einen 3L-Kanister des selbigen Saftes erwerben. Prost, wohl bekommt’s!

Damit man aber nicht rückfällig wird und den Kristallen und Gemüse-Smoothies Lebewohl sagt, wird die „Schulmedizin“ natürlich auch passend verteufelt, was besonders Impfgegner erfreut. Den Knüller „Krank geimpft“, in dem der „praktische Arzt“ Rolf Kron (tatsächlich ist er kein Arzt) von der finsteren Wirkung des Impfens schreibt, kann man lustigerweise auch bei Osiander kaufen – was Geld bringt, ist schließlich immer beliebt. Die Tatsache, dass Impfstoffe Medikamente sind und somit in einigen Ausnahmefällen natürlich auch Nebenwirkungen haben können, wobei die Vorteile deutlich die Nachteile überwiegen, ist hierbei zweitrangig. Primär, so die Logik, geht es darum, dass „die da oben!!!“ uns alle gerne tot sehen würden. Ob die tausenden Kinder, die derzeit im Kongo an der dortigen Masernepidemie sterben, weil sie keinen Zugang zum Impfstoff haben, dem wohl auch zustimmen würden?

Man möchte angesichts dieser kollektiven, fast sektenhaft zelebrierten Ignoranz schon traurig sein. Allerdings hat mir mein Horoskop heute empfohlen, stattdessen an die frische Luft zu gehen – Mars und Venus sollen gerade besonders günstig stehen.

Foto: Friederike Streib

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